Abschied vom Jugendkult. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer) in BZ-Nachrichten.

„Als ich jung war, hielt ich 60-Jährige für eine andere Sorte Mensch. Jetzt glaube ich, 20-Jährige sind eine andere Sorte.“ (Henry Kissinger, geboren 1923, ehemaliger US-amerikanischer Politiker)

Egal, welches Geschäft Sie heute betreten – sei es eine Drogerie, ein Brillengeschäft, ein Au-tohaus, ein Reisebüro, ein Café oder eine Boutique – Sie treffen im Servicebereich und in den Berater und Verkäuferpositionen fast ausschließlich auf junge Mitarbeiter. Es scheint, als würde in den Köpfen der Personalverantwortlichen nur eine Gleichung gültig sein: dyna-misch, flexibel und innovativ gleich faltenfrei.

Werfen Sie einmal einen Blick in die heutigen Stellenanzeigen. Fast überall heißt es immer noch: „Wir suchen Verstärkung für unser junges, dynamisches Team.“ Warum darf es denn nicht auch mal ein „erfahrenes Team“ sein? Was läuft da schief? Eine Politik, die Menschen ohne zu zögern mit Anfang 60 aus dem Erwerbsleben wirft, und Unternehmen, die keinen mehr jenseits von 45 Jahren einstellen. Gleichzeitig jammern die Betriebe über Fachkräfte-mangel.

Mit der Überschrift „Senioren gesucht!“ warb die Coburger Firma Brose schon 2003 in mehreren überregionalen Tageszeitungen um Mitarbeiter. Entgegen dem allgemeinen Trend zu jungen Mitarbeitern suchte der Automobilzulieferer rund 100 Mitarbeiter auf Abteilungsleiterebene bis hin zum Topmanagement, die mindestens 45 Jahre oder älter sein sollten. Der Hintergrund: Die Älteren sollten das im Durchschnitt sehr junge Management bei Brose an-leiten und mit ihrer Erfahrung vor teuren Fehlentscheidungen bewahren. Die Resonanz war gewaltig. Neben einem großen Medieninteresse gingen bei Brose innerhalb von vier Wochen nicht weniger als 1.400 Bewerbungen ein.

Natürlich brauchen die meisten Unternehmen auch junge Mitarbeiter. Das wird von nieman-dem bestritten. Wenn jedoch über fehlende Fachkräfte geklagt wird, liegt die Lösung nicht ausschließlich darin, mit noch mehr Aufwand aus einem schrumpfenden Angebot junge Mit-arbeiter zu suchen. Es wird Zeit, sich auch auf ältere Mitarbeiter zu fokussieren, sie so lange wie möglich im Unternehmen zu halten und weitere ältere Mitarbeiter zu gewinnen.

Die Betriebe müssen sich dazu vom Jugendwahn der vergangenen Jahrzehnte verabschieden und sich auch für ältere Mitarbeiter attraktiv machen. Da helfen allerdings keine kosmetischen Korrekturen und Absichtserklärungen. Es reicht nicht, plötzlich nett zu den älteren Kol-legen oder Mitarbeitern zu sein, ihnen zur Belohnung mal einen Seminarbesuch zu ermöglichen und beim 50. oder 60. Geburtstag eine Lobesrede zu halten.

Verabschieden Sie sich offiziell vom Jugendkult, zum Beispiel mit einer flammenden Rede bei der Betriebsversammlung. Eine andere demografische Ära braucht eine andere Haltung, andere Konzepte, eine andere Kultur. Das ist die größte Herausforderung überhaupt. Dabei geht es in erster Linie darum, Einstellungen, Klischees, Vorurteile und Verhalten auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu verändern.

Beschäftigen Sie sich aktiv mit dem Thema „Alterung der Beschäftigungsstrukturen“, zeigen Sie die Konsequenzen auf, die für die kommenden Jahre absehbar sind. Führen Sie eine offene Diskussion, vor allem mit den Führungskräften. Sie brauchen deren Überzeugung und Unterstützung. Reden Sie mit allen Beteiligten über vorhandene und erlebte Klischees. Machen Sie den sogenannten Generationenkonflikt zum Thema und prüfen Sie, ob er über-haupt existiert. Führen Sie spielerische und lustige Rituale ein, zum Beispiel rote Karten, die bei unpassenden Äußerungen über ältere Kollegen und Mitarbeiter gezeigt werden. Setzen Sie starke Signale, zum Beispiel eine prozentuale Zielquote für Mitarbeiter über 60 oder die Wiederanstellung pensionierter Mitarbeiter.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

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