Butter bei die Fische: höchst ehrliche Betrachtungen zum Älterwerden. Teil 2: Mein Leben ist noch immer ein Tsunami. Von Renate Zott

Irgendwann früher lebte ich mal in dem Glauben, dass das Leben mit den Jahren ruhiger wird, auch stressfreier. Ich hörte insbesondere Frauen von Löchern reden, in die man fallen kann, wenn die Kinder das Haus verlassen.

Ungeahnte freie Zeit. Man muss sich neu um seine Partnerschaft kümmern; das Leben zu zweit umstrukturieren. Im besten Fall eine harmonische Basis für diese neue Lebensphase schaffen. Lange Weile abwenden, Hobbies suchen, Trennung vermeiden, all‘ so was.

Möglicherweise treffen diese Erfahrungen auf Selbständige weniger zu, jedenfalls tat sich vor mir noch kein Loch mit freier Zeit auf. Echt schade!

Vielleicht war auch nur der fromme Wunsch der Vater dieser wunderbaren Gedanken, einmal Zeit für mich zu haben. Denn bis dato hat mir noch keiner Pausenangebote gemacht oder kreative Vorschläge zum Thema Runterfahren ohne Krankheit. „Pausenschnitte“ anstatt „Milchschnitte“ könnte so eine wunderbare Offerte titeln.

Die Kraft lässt nach

Im Gegenteil: mein Leben tobt, als wäre ich mitten auf der Höchstleistungswelle – Tsunami eben. Dabei wünschte ich mir manchmal sehnlichst ein ruhigeres Fahrwasser, mal den Kopf aus dem Wasser kriegen; Luft holen und Kräfte sammeln. Denn der gemeine Umstand dieses Älterwerdens lässt Kräfte schwinden, bindet dir auf die Nase, dass du einen verdammt dicken Teil deiner Lebenskraft schon unterwegs gelassen hast – jedenfalls nicht mehr die Jüngste bist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das nicht für jeden so ist. Vermutlich hat das auch was mit dem „Haushalten“ zu tun. In der Schule gäb’s für meine Lebensführung wohl ‚ne glatte 5, denn ich habe nie gespart, meine Kräfte zu verteilen. Rausgehauen habe ich sie, ohne Rücksicht auf Verluste. War nicht ganz so clever, denke ich mir heute oft. Und obwohl man ja aus seinen Fehlern klug werden soll, hapert es bei mir noch immer mit dem NEIN sagen und so ganz generell mit dem Entspanntsein, das im Alter angeblich kommen soll. Also wann denn nun endlich?

Raus aus dem Hamsterrad – aber wie?

Es braucht keinen Therapeuten, um zu wissen, dass die Hamsterradgeschichte Teil einer erzieherischen Konditionierung ist. Ich bin – und stehe damit vermutlich nicht alleine – von Klein auf darauf getrimmt worden, etwas zu leisten, fleißig zu arbeiten, pflichtbewusst zu sein. Bei mir ist das so drin, so wie das GRATIS-KÜMMERN. Selbstverständlich kümmern sich Frauen um Kinder, Familie, Eltern, Freunde, Wäsche, Haushalt, Einkauf, Kochen, Backen, Garten, Zimmerpflanzen, Haustiere, abgerissene Knöpfe und … sind natürlich auch die Organisatoren für Urlaub, Verabredungen, Geschenke und die vielen Dinge und Kleinigkeiten, die mir gerade nicht eingefallen sind, zuständig. Wenn keiner meckert, hat man’s gut gemacht. Toll! Die Frau im Dauerstress hat etwas außerordentliches Nützliches, für die Familie und am Ende auch für die Gesellschaft. Wäre ja auch echt vermessen zu glauben, dass dann einer um die Ecke kommt und sagt: „Hast du die ganzen Jahre echt super gemacht und viel mehr als genug. Ruh‘ dich mal aus“. Nein. Die Gegenleistung ist nicht einmal finanzielle Sicherheit, was die ganze Jonglage allemal wert wäre. Mehr noch, auf jeden Fall einbringen müsste.

Im Großen und Ganzen und außer an >Welttagen< halten die Frauen aber die Klappe, machen mit dem Irrsinn weiter und fühlen sich schwach, wenn sie nicht – wie scheinbar alle anderen – alles unter den großen Hut kriegen.

Jenen, die also schwächeln, bietet man gerne Achtsamkeitskurse an oder Seminare, wie sie sich besser organisieren können, damit sie den ganzen Stress dann doch irgendwie wegschaffen.

Mittlerweile macht mich das Paket aus beruflichen Aktivitäten und Familienarbeit ziemlich platt, auch wenn für mich das morgendliche Schulbrote schmieren weggefallen ist. Ich habe erkannt, dass ich mir Ruhe nehmen muss, wenn ich sie brauche. Es wird keiner kommen und sie mir auf einem schönen silbernen Tablett servieren.

Wäre schön zu wissen, ob es euch auch so geht?!

Bereits erschienen: Butter bei die Fische – Höchst ehrliche Betrachtungen zum Älterwerden. Teil 1: Man ist so alt, wie man sich fühlt. – Ein Kommentar von Renate Zott

DIE AUTORIN RENATE ZOTT

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

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