„Dampflokomotive Politik“ – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

Die Dampflok war das Arbeitspferd der Industrialisierung. Erschloss ganze Kontinente. Machte Industrieansiedlungen möglich, war schnell, modern und zuverlässig. Sie war über fast 130 Jahre das Symbol für Fortschritt und Vision für ganze Staaten. Jeder kleine Junge wollte damals Lokomotivführer werden, ähnlich wie Jim Knopf in der Kino-Neuauflage dessen, was die Augsburger-Puppenkiste einmal als Marionettentheater spielte.

Doch auch diese Technik hatte Grenzen. So konnten nicht mehr als fünf Antriebsräderpaare gleichzeitig angetrieben werden. Zumindest nicht von einem Kessel. Und bei 5300PS war auch eine Leistungsgrenze erreicht, obwohl die meisten Dampfloks nur 1300 bis 1900PS hatten.

Schlussendlich wurden die Dampfloks dann erst von Dieselloks und dann von E-Loks abgelöst. Da half auch keine Umstellung der Befeuerung auf Öl anstatt Kohle. Mitte der 70er war ihre Zeit endgültig um. Sie wanderte in Museen, Sammlungen und endete als Denkmäler wie eben die, von der das Foto aus Emden stammt.

Und damit wir uns recht verstehen, diese Lok in Emden war ein Spitzenprodukt ihrer Gattung in Europa. Daher war sie auch auf Ölfeuerung umgerüstet worden. Aber dennoch war sie irgendwann technisch und damit auch betriebswirtschaftlich überholt. – man könnte sagen, sie ist der Evolution anheimgefallen. „Survival of the fittest“… oder eben auch nicht.

Was sagt uns das für die Politik. Auch sie kennt gewisse Koalitionsmöglichkeiten, die regierungsfähig und damit handlungsfähig sind. Diese sind begrenzt. Genauso wie die Anzahl der Antriebsräder der Lokomotive.

Das, was früher einmal Politik ausmachte, sie erfolgreich beim Wähler verankern konnte und letztlich den Fortschritt und Wohlstand schuf, den wir so gern betrachten – und für selbstverständlich halten – hat Risse bekommen. Eigentlich sind es schon tiefe Spalten.

Der Kessel pfeift aus dem letzten Loch, die Lok läuft unrund und bleibt (zu) oft liegen, die Wagons, die zu ziehen sind, übersteigt die Zugkraft und es wird immer teurer und auch unsinniger so weiterzumachen.

Der Lokführer schreit zwar „Weiter so“ und „Wir schaffen das“, nur will auch keiner mehr so richtig Fahrgast spielen. Klar, man klatscht noch Beifall wenn das rauchende Ungetüm auftaucht, freut sich auf Brücken stehend sich vollrauchen zu lassen und zieht genießerisch den Duft der alten Zeit ein, aber letztlich ist man froh, dass man da nicht mitfahren muss um pünktlich von A nach B zu kommen.

Blöd nur, dass immer mehr darauf angewiesen sind eben mit der Eisenbahn nicht nur von A nach B sondern auch noch bergauf nach C und D zu fahren. Viele halten schon Ausschau nach E und F und visionieren oder schwadronieren den Buchstaben Z an…

Da, wo Mitte der 70er für die Dampflok Schluss war erscheint es so, dass auch die Politik von heute ihre finale Nützlichkeit erreicht hat. Wie sich damals die Lokomotiven in Diesel und Elektrizität aufgespaltet haben so verzweigt sich die politische Landschaft und mit ihr die Parteien auch. Von drei über vier bis hin nun zu sechs Fraktionen in den Parlamenten. Und mit ihnen die Stimmen derer, die sich als Fahrgast eine Lokomotive aussuchen möchten.

Auch hier trifft es wieder die Loks. Diesel- oder E-Lok. Auch der politische Spagat ist noch nicht entschieden, zumal viele nicht nur gern Diesel fahren, sondern auch an dieser Technik verdienen. Von ihr direkt oder indirekt LEBEN!

Auch hier versagt die Politik nun die Antwort.

Viele wollen überhaupt nur fahren KÖNNEN. Andere im Alter weiterfahren können. Teilhaben an dem, was da Mobilität heisst.

Anders als damals beim Ende der Dampflok scheint es so, dass viele glauben mit einem neuen Lokführer auf einer sauberen E-Lok sei das Problem gelöst. Ist es aber nicht.

Strom fällt nicht vom Himmel und er muss überhaupt auch zur Lok kommen. Diese ist sonst nicht mehr überall einsetzbar. Und der zusätzliche Strom muss auch irgendwie erzeugt werden. Hier nun als Lokführer nur freundlich zu lächeln und den blauen Himmel beklatschen zu lassen hilft nicht denen, die von Dieselloks leben und auf sie angewiesen sind. Sie sogar auf Kredit gekauft in der Garage haben…

Und die Lösungen für die, die nun immer älter werden und sich fragen, mit was sie noch fahren können, ist völlig außen vor. Das interessiert die Lokführer nicht. Und auch nicht deren Gewerkschaft, die Parteien. Zumindest kommt da nichts…

Es scheint so, dass in der schönen neuen Welt man gern noch Dampfloks fahren würde, diese aber durch irgendwas anderes ersetzt werden müssen, dass dann genauso gut läuft aber besser ist ohne mehr zu kosten und alle ohne eigenes Zutun so weitermachen können lässt.

Mal ehrlich: Allein der Satz ist doch schon jenseits von gewöhnungsbedürftig…

Fest steht aber eines: Die „Merkelianische Ära“ des Teilens und Herrschens ist vorbei. Die Kosten explodieren, weil eben diese Dampfloks im Kostüm von E-Loks immer noch unterwegs sind. Der angeschraubte Stromabnehmer über dem Schornstein täuscht keinen mehr. Weder technisch noch inhaltlich. Die Parteien haben diese Dampflok zu lang gefahren. Die Wahlkampflokomotive – auch so ein Ausdruck… – zieht nicht mehr beim Wähler.

Und es wird Zeit. Am Bahnsteig stehen Millionen von Menschen, die auf Lösungen angewiesen sind. Und zunehmend ältere, die noch bis 70 zur Arbeit müssen. Vielleicht auch ohne Diesel – aber arbeiten MÜSSEN. Und hier fehlt jede Antwort derer, die glauben die Qualifikation zum Lokführer zu haben. Gern auch über neue Alternativen faseln. Letztlich aber allesamt immer noch russgeschwärzt vorm Tender stehen und auf neuen Dampf hoffen…

Ehrlich: so wird das nix…

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

Kommentar hinterlassen zu "„Dampflokomotive Politik“ – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: