Darf man das? – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Gäbe es einen Kurs dafür, hätte ich gleich etliche Kandidaten. Nicht als Option, sondern als Pflichtveranstaltung. Aber jeder kennt es aus der Schule, Pflichten mag keiner und so mancher trainiert am liebsten die Verweigerung. Das Fach, um das es mir geht, gehört im Grunde genommen weder in die Schule noch in Managerkurse, sondern ist das, was man im Volksmund „gute Kinderstube“ nennt. Respekt im Umgang miteinander, Fairness, Angemessenheit.

Unsere Sprache verroht

Nun will ich nicht immer wieder mit ollen Kamellen kommen oder in das ausgeleierte Horn vom „früher-war-alles-besser“ blasen, trotzdem beobachte ich, dass unsere Sprache radikaler und roher wird. Beleidigen, hassen, drohen – all‘ das passiert zig‘ fach am Tag und es gibt eigentlich nichts mehr, was man sich nicht unvermittelt an den Kopf werfen kann oder via Tweet oder Shitstorm in die ganze Welt hinausposaunt; neue Tatsachen schafft, Weltordnungen umwirft und Menschen gezielt diffamiert. Wären es nicht Worte mit denen Menschen da scheinbar ganz unbedarft, locker hantieren, sondern Säbel, gäbe das ein grausames Bild ab.

Zu meinem großen Entsetzen macht diese Art der Sprache Schule. Nicht nur unter den Menschen fallen die Grenzen, sondern auch im beruflichen Diskurs und ganz besonders in der Politik. Heute teilen Politiker mit beleidigendem Vokabular aus und drohen dem „Feind“. Sie nehmen kein Blatt mehr vor den Mund und entgleisen verbal nicht nur gelegentlich, sondern setzen die Provokationen sehr bewusst und gezielt ein. Anfangs war ich von den Trump-Tweets besonders schockiert, dachte mir, ich muss im falschen Film sein; das gibt es doch einfach nicht. Sogar Kriegsszenarien schossen mir durch seine Äußerungen in den Kopf, traten Ängste über große Baustellen in den Köpfen der Mächtigen bei mir los. Dann und wann geriet auch die internationale Medienlandschaft darüber in Aufruhr. Nun hat man sich daran gewöhnt. Mir geht es jedenfalls so. Die Grenze dessen, was in der Sprache beunruhigt oder aufregt sinkt. Der öffentliche Ton kann also immer roher und schärfer werden, denn der Prozess ist schleichend und allmählich sind verbale Angriffe und rüde Töne normal.

Vom politischen Parkett – oder andersrum – schafft es Sprache in dieser Verwendungsform in den Alltag. Neuerdings erschrecke ich nämlich über besondere Freundlichkeit. Menschen, die mich beim Namen nennen – sich also die Mühe machen, sich diesen zu merken. Danke, bitte, kleine Höflichkeiten – also diese schönen einfachen Gesten, etwas Nettes zum Ausdruck bringen zu wollen und im Grunde völlig selbstverständlich sind.

Angemessenheit – ein Wort, das mir in letzter Zeit immer öfter in den Kopf kommt

Und auch sonst frage ich mich oft, was Menschen unter Angemessenheit verstehen. In unserer Firma zum Beispiel. Da rufen Menschen am Wochenende nachts um halb eins an, um unseren Notdienst wegen einem ausgefallenen Heizkörpers anzufordern. Vertröstet man sie freundlich auf den Sonntagmorgen, klingeln sie um 7.30 wieder durch und meinen, dass jetzt aber schnell jemand kommen müsse. Es ist im Übrigen genau jenes Klientel, das mürrisch auf eine Terminvereinbarung zur jährlichen Heizungswartung mit dem Hinweis reagiert, dass alles Bestens sei, gerne an der Preisschraube dreht und dann bei der Notdienst-Reparatur am Sonntag in der Frühe meint, dass man doch gleich die Wartung mitmachen könne. Für mich ist das ‚falsche Welt‘ und steht symbolisch für die neue Grenzenlosigkeit, über die sich kein Mensch mehr Gedanken macht.

Nicht anders im Straßenverkehr. Mittlerweile vergeht keine Autofahrt mehr, ohne dass mir Aggression in den verschiedensten Formen entgegenschlägt. Das ist neu und anders und es macht etwas mit mir.

Es nimmt Respekt, schürt Diskriminierung, Radikalisierung und bringt Menschen gegeneinander auf. Und doch ist niemand da, der Stopp! sagt, denn es gibt kein Verbot für Worte. Es ist keiner da, der sagt, DAS DARF MAN NICHT. Sprachlichen Umgang kann man bei Erwachsenen nicht delegieren, planen, vorgeben oder in irgendeiner Form kontrollieren, sondern nur selbst verantworten – jeder für sich. Traurig, wenn Menschen, die politische Verantwortung tragen und eigentlich Vorbild sein sollten, so mit Sprache umgehen. Wir alle sollten es besser wissen und auf den Ton achten, denn schließlich macht der die Musik.

Und da es so wahr und richtig ist, abschließend ein Zitat aus dem Talmud:

  • Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.
  • Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.
  • Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
  • Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
  • Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

 

Kommentar hinterlassen zu "Darf man das? – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: