Das Fanal der Demographie, Teil 1 von 4: Bildung. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Lerne was, und dann kann aus Dir was werden“, war ein blöder Spruch, der die Generation der sog. Babyboomer von frühester Kindheit an prägte. Man hörte ihn überall. Und das noch vor der Einschulung. Bildung, so der Volksglaube, war der Garant für den beruflichen und privaten Erfolg. In einer Zeit, wo man auch das ganze Arbeitsleben in ein und demselben Unternehmen verbringen konnte. Dort Karriere machen konnte. Und um dort möglichst hoch einzusteigen war Bildung der Schlüssel an sich. Das hat sich alles gewandelt. Erst mit der Einführung der IT, dann durch diverse Krisen samt Wiedervereinigung, dann durch das Internet und die rasch voranschreitende Globalisierung bis hin zu dem, was dann Finanzkrisen mit durchaus bis dahin erfolgreichen Unternehmen und ihren gut ausgebildeten Mitarbeitern machten. So mancher Studiengang ist schon jetzt erkennbar zum möglichen Start überflüssig geworden…

All das hat das Bewusstsein für das verändert, was da Bildung heißt. Bildung ist nämlich nicht mehr allein der Schlüssel zu dem, was den späteren Erfolg ausmacht. Das Motto des lebenslangen Lernens zeigt auf, dass das, was man jetzt gelernt hat, eben nicht mehr reichen wird. Die Basis des Erfolges, die Bildung an sich, einen steten Wandel erfährt. Mitunter sogar bis ins hohe Alter, da die notwendigen Beitragsjahre zur Rettung des Sozialstaates immer mehr werden und die Rente absehbar erst mit 70 fällig werden wird.

Und da Bildung das Fundament ist, gestern wie auch heute und mit Sicherheit auch morgen noch, lohnt ein Blick auf unser Schulsystem mit der demographischen Brille – Sichtweise – auf das, was hier gefordert, gewünscht und erbracht wird. Oder werden kann… 

Klassengrößen

Die Geburtenstarken Jahrgänge wissen, dass Klassengrößen von bis zu 36(!!) Schülern machbar waren. Sie waren sogar normal bis zur siebten oder achten Klasse. Natürlich war das zu groß. Auch aus damaliger pädagogischer Sicht. Aber es herrschte Raummangel. Mein Gymnasium, die Hellweg-Schule in Wattenscheid hatte 1580 Schüler und war das größte Gymnasium in NRW. Man unterrichtete in sog. Pavillons, die eiligst auf der Wiese hinter dem Hauptgebäude erbaut wurden und in jedem Raum, der verfügbar war. Selbst die Aula wurde umgebaut, um zwei zusätzliche Klassenräume einzuziehen. Das ging alles… Und dass wir nichts gelernt haben, ist schlicht falsch. Nur die Lehrmethode war dem Druck angepasst. Es gab Frontalunterricht. Eine Methode, die heute verpönt ist, aber als die wirksamste Methode gilt, einen Stoff effektiv zu vermitteln. Für andere Experimente fehlten schlicht die Lehrer und Räume.

Lehrer

Der Lehrkörper der damaligen Schulen bestand aus denen, die von der „alten Schule“ ausgebildet wurden. Zum Teil blutjung von der Uni eingestellt hatten sie es schwer. Ihre gelernten pädagogischen Konzepte und all das, was Schule besser machte, konnte bei der Masse von Schülern schlicht nicht umgesetzt werden. Leider sind das auch die Lehrkräfte, die seit zehn Jahren in den Ruhestand gehen. An meiner Schule gibt es nur noch einen Lehrer, den ich von damals kenne. Einen von 122… Und hier zeigt sich das erste Problem im demographischen Wandel: es fehlen Lehrer! Einerseits wurden wegfallende Lehrerstellen bei sinkenden Schülerzahlen nicht nachbesetzt und andererseits sind viele neupädagogische Ideen erst möglich geworden, weil das Verhältnis von Schülerzahl und vorhandenen Lehrkräften über lange Jahre besser wurde. Klassengrößen, neue pädagogische Kleingruppenkonzepte, Projektwochen und auch völlig neue Schulformen an sich.

Hier wurde viel getan. Nicht unbedingt zum schlechteren. Es ist nur anders. Nur ist in den letzten vierzig Jahren mitunter auch viel passiert. 1987 gab es einen Informatik-Kurs mit der Programmiersprache Basic und man arbeitete auf dem Commodore C64. Ein „interessierter Lehrer“ unterrichtete… Es stellt sich die Frage, wer denn die Digitalisierung als Lehrer und als Fach(!!) begleiten soll. Wie auch immer begleiten soll…

Es wurden nämlich kaum Lehrer eingestellt, weil die damals eingestellte Welle verbeamtet war. So sind erst nach und nach neue Lehrkräfte eingestellt worden und es existiert ein Mangel an Lehrern für Chemie und Physik. Also Fächer, die die Grundlage für das legen, was später dann die benötigten MINT-Fachkräfte an der Uni oder auch der Berufsschule brauchen werden.

Daher sind viele Lehrer jetzt schon recht alt, um als „interessierte Fachkräfte“ unseren Kindern etwas beizubringen, was in der Digitalisierung hilft. Mal ehrlich: glaubt hier jemand, dass ein fünfzigjähriger Lehrer einen Sechzehnjährigen noch etwas über Kommunikationsmittel, Internet und/oder Computer beibringen kann?

Fächer

Eine Schule ist keine Wunschfabrik. Sie soll in allen Schulformen dafür sorgen, dass eine breite Basis von dem gelegt wird, was durchschnittlich in den dann folgenden und weiterführenden(!) Berufsausbildungen benötigt wird. Berufsausbildungen, die auf dem Schulstoff aufbauen können. Wo der Schulstoff als Basis dient. Auch wenn diese Basis nicht mehr so ist, und man nur einmal „für das Leben lernt“, sondern zunehmend schwammig ist und der ständigen und mitunter rasanten Entwicklung dessen unterliegt, was da wirtschaftlicher Bedarf heißt. Vorabqualifikationen schulischer Art, die die Industrie gern vorab hätte. Eine Qualifikation die da sein muss, damit die Wirtschaft darauf aufsattelnd billiger – weil schneller – ausbilden kann, um möglichst schnell Fachkräfte produktiv einsetzen zu können. Allein das ist der Grund, warum alte Berufsbilder fachlich gesplittet und so ausgebildet wurden, Der Werkzeugmacher von einst ist in fünf verschiedenen Berufsbildern aufgegangen. Der Informatik-Kurs anno 87 mit Basic als Programmiersprache schon lange dutzenden möglichen Sprachen gewichen, die jede für sich komplette Branchen füllt. Ergo kann die Schule hier nicht mehr eine „vorauseilende Basis“ schaffen. Schon gar nicht, da die Technik hier sich schneller verändert als es die Institution Schule schafft sich selbst zu verändern. Schule soll allgemeingültige Grundlagen schaffen: Lesen, Schreiben und Rechnen können i.e.S. von beherrschen! – Als Grundlage für ein gutes Leseverständnis und daher mit der Fähigkeit selbstständig weiterlernen zu können. Das ist auch notwendig, denn es scheint seit nun fast zehn Jahren zunehmend ein anderes Phänomen schicksalstreibend zu werden.

Defizite

Berufs- und Hochschulen sehen aber immer wieder und vermehrt, dass die Schule ihrem Bildungsauftrag nicht mehr in der benötigten Qualität nachkommt. Oder nachkommen kann. Auszubildende haben nicht die nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Qualifikationen, um in der Lehre oder dem Studium bestehen zu können. Unternehmen müssen selbst nachschulen. Kenntnisse, die in der Schule gelehrt wurden, nachbereiten… Selbst Ergänzungskurse anbieten, neben der Berufsschule(!), oder eine hohe Abbruchsrate während der Ausbildung und/oder das Scheitern am Ende der Ausbildung riskieren. Auch Universitäten erkennen ein zunehmendes Risiko bei angehenden Studenten, die nicht studierfähig sind. Nicht über die Qualifikation zum Studium verfügen. Gern werden so nun auch Berufsbilder angeboten, egal ob aus Ausbildungsberuf oder Studienfach, die ohne Mathe auskommen. Mathematik war bei den wenigsten beliebt.

Dennoch zieht sie sich durch so ziemlich alle Berufe – als Grundlage zur Verifizierung von Arbeitsergebnissen, zur Normenvalidität und auch als Rechengröße zur Leistungserstellung und deren Kontrolle an sich. Mathematik ist das M in den MINT-Berufen. Wissenschaftlich sind mit ihr Algorithmen zu schaffen, die die Informatik braucht um überhaupt erst Programme schreiben zu können. Programme, die KIs erst effektiv machen. Ohne die alle kunterbunten und strahlenden Visionen von Digitalisierung im Sand verlaufen werden. – Aber sie nervt Schüler. Und daher ist sie auch bei Lehrern unsexy… All diese Defizite kamen wohl zu Stande, weil man Schule über lange Jahre mit einem Wunschkonzert verwechselt hat. Schule sollte Spaß machen. – Ein verständlicher Ansatz, der pädagogisch sicher einen Wert hat, aber soziologisch wie auch wirtschaftlich völlig falsch war!

Warum? Es widerspricht der Bildung an sich, ihrer Bedeutung für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft dafür zu sorgen, dass eine Grundlage da ist. Eine belastbare Grundlage für das weitere Leben; insbesondere das Berufsleben. Aber auch als Staat an sich. Als Gesellschaft mit klaren Werten und Regeln für das Zusammenleben. Quasi als Nebenprodukt zu reinen Fächern.

Ressourcen

Es gibt viele Projekte. Jedes wird seinen pädagogischen Hintergrund haben. Manche sind gut. Andere kritikwürdig. Wieder andere unsinnig. Letztlich hängt es auch an den Ressourcen, ob ein gedachtes Projekt gut wird, oder von Anfang an schon unsinnig ist. Ein Projekt flächendeckend auszurollen und nicht die dafür notwendigen Ressourcen zuzuweisen ist so ein unsinniges Unterfangen. Zeit-, Geld- und Kräfteverschwendung zum Nachteil derer, die hier unterrichtet werden sollen. Theoretisch oft gut fachlich definiert, ideologisch auch mal gern eingefärbt, aber meist ohne adäquate Mittelzuweisung. Auch so ein mathematisches Verifikationsproblem bei denen, die hier wohl einen Mangel in der (Aus-)Bildung erfahren haben. Am Beispiel der Inklusion sieht man das sehr deutlich. Ein menschlich sinn- und wertvolles Konzept, das sozial bereichert, menschliche Wertschätzung fördert, soziale Verantwortung zeigt und die individuellen Schwächen und Stärken einander näher bringt und synergetisch zur gemeinsamen Leistungssteigerung führt. Etwas, was wir gerade in der Demographie als Erkenntnisgewinn brauchen, wenn zunehmend Alte mit jüngeren zusammenarbeiten müssen. Das Wissen der Alten „die Stärke der Jugend“ effizienter und effektiver werden lässt. Nur setzt diese Inklusion ZWEI Lehrer pro kleinerer Klasse voraus. Für JEDE Unterrichtsstunde…

Schulische Grundlagen

Klassengröße ist eigentlich für den Schulerfolg nicht entscheidend. Es sind die unabdingbaren Grundlagen, die Schüler mitzubringen haben, sobald sie die erste Klasse besuchen. Oder die Schule überhaupt zum ersten Mal besuchen. Und hier gibt es neben dem Aspekt der sozialen Kompetenz(!) – die wir hier mal außen vor lassen – nur ein einziges wirkliches Kriterium als Prämisse: Das Sprechen der deutschen Sprache an sich! Nicht Blabbern. Nicht Stammeln. Nicht Radebrechen. Und auch kein Pidgin-Deutsch. Das Niveau muss sich auf dem Level bewegen, das es erlaubt Unterricht OHNE Übersetzungen und OHNE Erklärungen von einfachsten Worten möglich zu machen. Als Grundlage zum Aufbau von zusätzlichem Wissen. Eine Schule an sich basiert auf der Landessprache als absolutes

Grundelement für einen geregelten und zeitlich geplanten Aufbau von Wissen, dessen absolutes Minimum am Ende das Vermögen ist, Lesen, Schreiben und Rechnen zu können. Und das auf einem Level, das ausbildungsfähig ist und/oder für das Leben in unserer Industriegesellschaft (aus)reicht. Daher verträgt das System pro Klasse nur eine bestimmte Quote von Menschen, die schlecht Deutsch sprechen. Das war Mal mit 10% definiert. In ländlichen Gebieten wird das auch erreicht. In Ballungsgebieten eher selten. Und wenn die Berliner Polizeiakademie in ihrer Ausbildung nun mehr Wert auf Deutsch legt, dann zeigt das nur eines: komplettes Versagen auf ganzer Linie und von Anfang an!

Zusammenfassend zeigt sich, dass auch hier der kommende und unausweichliche demographische Wandel, insbesondere auch für die Gestaltung der Digitalisierung nicht als Herausforderung erscheinen, sondern allein schon bildungstechnisch zum Problem werden lässt. In unseren Ballungszentren schlummert eine bildungstechnische Bombe, wo zu viele Menschen durch ideologisch angehauchte Projekte, die auf dem Papier schön aussehen aber nicht der Realität entsprechen. Wo Anspruch und Wirklichkeit auf nahezu allen Ebenen, ob sprachlich, ressourcentechnisch oder fachlich auseinanderklaffen. Von gemeinsamen kulturellen Werten, die grundlegend für einen gemeinsamen sozialverträglichen Unterricht sind (z.B. Frauenbild, Genderfrage, …) ganz zu schweigen.

Schule schön zu machen ist ein wertvoller Anspruch, der aber nachrangig zum Lernerfolg steht. Nicht für einzelne, sondern für möglichst viele. Egal woher sie kommen. Egal welcher Gesellschaftsschicht sie angehören und völlig egal, was sie für ein Geschlecht, eine Religion oder Rasse haben. Und die vermittelte Bildung muss grundlegend dafür ausreichen, um ausbildungsfähig zu sein. Doch dieser Anspruch wurde zunehmend heruntergeschraubt. Durch den schönen Schein ersetzt. Ausbildungen ökonomisch verkürzt und berufsbezogen so zugeschnitten, dass die mögliche Bandbreite dessen, was man ein Leben lang zusätzlich und weiterführend Lernen muss, nicht gegeben ist.

Bildung wurde zum Selbstzweck. Als Event gestaltet. Mit möglichst vielen Erlebnisbestandteilen, netten Projekten und viel Eigengestaltungsraum derer, die gern das Weglassen, was später wichtig ist. Ich habe selbst nach der zwölften Klasse Mathematik abgewählt. Die Schule deckte vier von vierundzwanzig (20) Mathevorlesungen zu je 90 Minuten im Studium ab. Die Statistik immerhin sechs von 20 Vorlesungen. Meine vier Klausuren habe ich geschafft, aber ich habe zusammen sechs Versuche gebraucht. Und das war das Grundstudium. Die Durchfallquote im Studium betrug fast 50%… Nur die Hälfte erreichte das Diplom. Und das ist eine Quote, die können wir uns volkswirtschaftlich nicht mehr leisten. Genauso wenig wie pädagogische Noten, um den Schein zu wahren, oder gar verbriefte Studien und Ausbildungsberufe, um etwas für die gerahmte Wanddekoration zu haben. Die Digitalisierung im demographischen Wandel bedarf einer guten, soliden und ausbaufähigen Grundlage für ein Berufsleben, wo fast jeder am Ende nicht mehr dem Beruf nachgeht, den er einmal erlernt hat. Daher muss die Basis besser und ausbaufähiger – genereller und grundlegender – werden. Aber auf einem allg. verifizierbaren und validen Niveau!

Es folgt: Teil 2: Handwerk am 22.3.2019

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

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