Das Fanal der Demographie, Teil 2 von 4: Das Handwerk. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Das Handwerk hat goldenen Boden“, hieß es immer. Und das stimmt. Es war das, was auch „Made in Germany“ zu dem gemacht hat, was es ist. Dazu kommt, dass Handwerker hauptsächlich in KMUs arbeiten, wo 75% aller in Deutschland Beschäftigten arbeiten. Es sind nicht die DAX-Konzerne wo die Masse arbeitet – und dann auch seine Steuern zahlt. Und eben dieses Handwerk hat das begründet, auf das die Industrie erst aufsatteln kann und dann als Facharbeiter bezeichnet.

Historisch kommt das Handwerk in unseren Breiten aus den mittelalterlichen Zünften der Städte. Die dort unter der Aufsicht der Meister arbeitenden Gesellen und Lehrlinge hatten das als Hauptberuf, was außerhalb der Stadtmauern oft von den Menschen selbst gemacht wurde. Nicht so gut, nicht so schnell und auch nicht so langlebig. Durch die höhere Erfahrung bei ihren fachspezifischen und sich immer wiederholenden Tätigkeiten entstand hier auch das, was man technischen Fortschritt nennt. Er fand nicht nur an Universitäten statt, sondern auch in den Werkstätten der Zünfte in den Städten. Zumindest die praktische Seite. Die gotischen Kathedralen des ausgehenden Mittelalters wurden von Steinmetzmeistern gebaut. Musketen von Schmieden, die Rohre ziehen konnten und die Verbesserung von Stahl fand an der Esse im Praxistest statt. Und daher hatten die Zünfte Macht, stellten Ratsherren und hatten Einfluss auf das, was man Handel nennt. Die Waren wurden zum Teil unter strenger Geheimhaltung hergestellt, um Wettbewerbsvorteile zu sichern. Ob Delfter Spitze oder kobaltblaues Glas (Kirchenfenster), überall versuchten die Zünfte ihr spezielles Wissen als Wettbewerbsvorsprung zu halten. Zum Teil auch unter Androhung der Todesstrafe wie in Venedig, wo die Glasbläserzunft die europaweite Herstellung von Spiegeln dominierte und die Produktion auf eine vorgelagerte und völlig abgeschirmte Insel (Murano) verlagerte.

Auch heute ist das deutsche Handwerk weltweit gefragt. Die mehrstufige Ausbildung ist nicht nur praktisch sondern auch mit ihren theoretischen Grundlagen auf der Höhe der Zeit. Nicht umsonst entspricht der Handwerksmeister an sich einem abgeschlossenen Studium. Das war nicht immer so. Die Einsicht kam sehr spät, dass ein Handwerksmeister das praktische Pendant zu einem studierten Theoretiker oder besser einem wissenschaftlich orientiertem Fachmann ist. Doch Wissenschaft und Praxis gehören zusammen. Und in Deutschland wurde dieser Ansatz mit dem Gesellen- und Meisterbrief auf eine weltweit mustergültige Grundlage gebracht.

Auch ein Grund, warum deutsche Auswanderer mit diesen Zertifikaten in der Hand weltweit gern gesehene Fachkräfte sind. Egal ob in den USA, Kanada oder Australien mit ihren strikten Einwanderungsgesetzen. Allein 2017 nutzen 250.000 Menschen diese Möglichkeit für sich und ihre Familien. Ein Umstand, der dem demographischen Wandel in diesem Land nicht gut tut aber von der Politik ignoriert wird. (https://conplore.com/demographischer-wandel-und-auswanderer-das-versagen-des-national-employer-branding-und-seine-folgen/ ).

Doch das Handwerk kränkelt. Nicht fachlich, aber personell. Denn es gilt als dreckig, unmodern, uncool bis unsexy und auch als schlecht bezahlt. Der Trend zum Abitur wird nur noch durch die Tatsache übertroffen, dass inzwischen mehr Schulabgänger anfangen zu studieren als ein Handwerk auszuüben.

Das hat Folgen. Gravierende Folgen, wie der eine oder andere Hausbesitzer heute merkt. Reparaturen, Aus- und Umbauten oder gar Neubauten hängen an dem, was der Bau, Elektriker, das Sanitärunternehmen oder der Dachdecker noch leisten können. Seit Jahren ein Mangel an Auszubildenden hat hier Lücken in dem aufreißen lassen, was da Kapazität genannt wird. Gern durch andere „Fachkräfte“ aus Polen, Rumänien und anderswo aufgefüllt, die dann nach besten Wissen und Gewissen da arbeiten, wo der gelernte Maurer oder auch Polier nicht mehr da sind. Welche Baumängel dann schnell entstehen, kann an dem Loch in Köln besichtigt werden, indem das historische Stadtarchiv verschwand. Ein Archiv in dem unter anderen auch die Urkunden der Hanse lagen, die das deutsche Handwerkswesen hanse- und damit fast schon europaweit begründeten. Ein Treppenwitz der Geschichte…

Heute reden alle von der Dematerialisierung von Märkten und Produktionszweigen. Dann auch gleich in Verbindung mit der Digitalisierung, dem „Internet der Dinge“ und das dann an Visionen geknüpft, die da Produktivitätssteigerung bei geringerem Personalbedarf heißen. Stimmt mitunter. Nur halt nicht überall. Das liegt daran, dass gewisse Theoretiker – wissenschaftliche Experten – gern anführen, dass man mit digitalen und sensorgesteuerten Schlössern tatsächlich keinen Schlüssel und damit dann auch keine Schlosser mehr braucht, diese auch nicht mehr produziert (oder ausgebildet…) werden müssen und dieses Türschloss dann im 3D-Druck entsteht und die Platine des Schlosses aus China kommt. Amazon erklärt uns dann, dass Schloss und Tür mit einer Drohne geliefert werden, was gut für den Straßenverkehr ist. Und alle sind begeistert. Jubeln. Machen die Raute bei Fotoshootings mit Politgrößen. Spielen Visionäre… OK: Und wer baut den Türrahmen ein? Der dann in einem individuell konstruierten und natürlich architektonisch schönen Haus eingeplant ist? Mit einer wärmedämmenden Verklinkerung, die gern auch mal ein Bild ergeben soll? Firmenlogo oder einfach mal einem Spleen des Eigentümers nachkommt? Macht das auch eine Drohne? Ein Roboter? Alexa????

Mag sein, dass bald auch Kloschüsseln ausgedruckt werden. Man diese per Klick ordert und irgendwann tatsächlich eine Drohne vor dem Küchenfenster schwebt oder den Balkon aufsucht, um das Teil liefern zu können, aber am Ende darf der studierte Webdesigner, Oberlehrer oder diplomierte Verwaltungsfachexperte des städtischen Digitalamtes die Schüssel entweder selbst anschrauben – an der Stelle könnte jetzt ein Versicherungsfachmann eine Police gut verkaufen! – oder es kommt da jemand, der das besser kann. Vermutlich auch den Sensor an der Klobrille installieren kann, der den Deckel wieder automatisch runterklappt, wenn der Benutzer aufsteht… Digitale Visionen halt. Und das wird auch andere Felder betreffen. Man kann weiter an den Friseur glauben, oder vom mobilen Drohnenfriseur mit Frisierhelm träumen. Häuser im 3D-Druck und mit Betonspritze bauen, oder an die Gesellen und Meister etlicher Gewerke, die das machen. Zumal da auch eine Bauabnahme dranhängt, wo so ein kommunaler Fiffikus mit der Checkliste und kruden Ideen samt Gesetzesbestimmungen rumrennt und gern mal auf Fehler aufmerksam macht. So wie in Berlin am Flughafen passiert… Unterm Strich betrachtet, trifft das auf viele Berufe zu. In all denen, wo auch in vierzig Jahren der Mensch mit seinen Händen 1.0, seiner Motorik 1.0 und seinem fachlichen Auge 1.0 immer noch flexibler, schneller und effektiver eingesetzt werden kann als eine Servicedrohne 4.8.2. in der Version KSM (KloSchüsselMontage). Und da das Angebot letztlich via der Nachfrage dann auch den Preis regelt, glaubt der Autor nicht daran, dass zehntausende Diplominhaber mit der Fachrichtung „irgendwas mit Medien“ besser verdienen als der, der Al Bundy sein geliebtes „Ferguson“ samt Wasserfallspülung installieren kann. Aber ich mag mich irren… glaub nur nicht daran.

Daher sollten die Belange des Handwerks nicht unter dem Tisch fallen und durchaus aus berufliche Perspektive wahrgenommen werden. Hier hat die Kampagne der FDP durchaus Sinn, die Bedeutung des Handwerkes hervorzuheben. Nur kommt sie wie immer schon recht spät.

Das Handwerk bedarf für seine weiterführende Ausbildung einer Basis, die durch die Schule gelegt wird. Etwas, worauf die Berufsschule theoretisch und der Ausbildungsbetrieb praktisch aufbauen können, sollten und auch müssen. Und es darf auch nicht sein, dass die „handwerkliche Begabung“ sich dadurch ausdrückt, dass man Kinder, die im schulischen Prozess nicht das Gymnasium erreichen konnten, allein aus diesem Grund nun handwerklich begabt sind… Zu meiner Zeit wurde am Ende der vierten Klasse so ziemlich alles getestet, um uns auf die damaligen drei Schultypen zu verteilen, nur nicht, ob wir in der Lage waren einen Nagel in die Wand zu bringen, einen Ast abzusägen oder auch nur eine Kartoffel abzuschälen. Und wenn wir ehrlich sind, in den letzten Jahren ist das eher schlimmer als besser geworden. Hat auch mit Sicherheit nicht zum Image des Handwerkers beigetragen. Letzteres wurde gern durch Umbenennung zu erreichen versucht. Aus Frisöse wurde Friseurin, aus dem Klempner der Sanitärinstallateur und, und, und. Dafür werden dann auch schon mal aus Schulabbrechern Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Berufslose zu Bundestagsvizepräsidenten oder dann gern auch mal eine ehemalige Rechtsanwaltsgehilfin mit null relevanten Berufsjahren Bildungsministerin in NRW. Dieser Blödsinn hat also System. Dazu braucht man hier auch keine Namen nennen. Jeder kennt solche Gestalten. Und daher wird es nicht besser. Das Handwerk wird sprachlich aufgewertet und unter dem Strich werden gerade in Ballungsräumen dem Handwerk und seiner auf der Schulbildung aufsetzenden Ausbildung der Boden entzogen. Durch schulische Experimente, durch gesellschaftspolitische Utopien und der Missachtung von einfachsten Regeln bei der zugehörigen Mittelzuteilung (siehe Teil 1: Bildung). Besonders schlimm ist hier das völlige Versagen den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen so beizubringen, dass es ausbildungstauglich ist. Egal von welcher Schulform man letztlich nach 9, 10, 12 oder 13 Jahren abgeht. Doch hier wurde bewusst, gewollt und systemisch über Jahre versagt. Deutsch hinreichend Sprechen zu KÖNNEN nicht als Voraussetzung gesehen die erste Klasse besuchen zu dürfen. Letzteres hatte dann gravierende Folgen für den gesamten Lernerfolg aller. Und die Tendenz der pädagogischen Notengebung machte Zeugnisse nicht mehr aussagekräftig. Schon gar nicht für die einstellenden Betriebe, die zum Teil mit erheblichen Eigenaufwänden nachschulen müssen. Teilweise die Grundrechenarten. Für „Made in Germany“ ein Armutszeugnis.

Unterm Strich nicht die beste Voraussetzung dafür, dass auch in der Digitalisierung, und schon gar nicht im demographischen Wandel die Weichen gut gestellt worden sind, wenn es um das Handwerk und seine Leistungen geht. Leistungen, die eine völlig unterschätzte Dimension für das haben, was Visionäre als Industrie 4.0 verklären. Und durch eben diesen demographischen Wandel werden bald Millionen von erfahrenen Handwerkern fehlen. Mitarbeiter also, die nicht vom Kollegen Drohne oder Roboter ersetzt werden können. Und das dann flächendeckend, überall und für recht lange Zeit. Denn hier geht Wissen und vor allem relevante Erfahrung verloren. Und diese Erfahrung werden andere Facharbeiter von außen kommend nur unvollständig mitbringen, wie der Zustrom der gern politisch propagierten Fachkräfte aus dem Nahen und Mittleren Osten gezeigt hat. Es kamen Maurer, Kfz-Mechaniker und Elektriker. Auch arbeits- und lernwillig. Nur halt mit in der Summe so vielen Defiziten, dass sie hier nicht arbeiten konnten. Weder als Handwerker noch als Facharbeiter in der Industrie, die hier der merkelschen Fürsorge gern die Stange hielt… bis sie loslassen mussten. Siemens allen voran.

Wenn also schon jetzt ein klares Risikopotential für den demographischen Wandel auszumachen ist, dann wird es mit Sicherheit das Ausscheiden von Millionen Handwerkern aus

der Wirtschaft sein. Dieses Loch wird in der nächsten Boomphase nicht zu stopfen sein. Schon gar nicht mit denen, die man durch unser Schulsystem mogelt oder gern als zusätzliche Fachkräfte anzusehen bereit ist.

Es folgt am 29.3.2019 Teil 3: Facharbeiter

Teil 1: Der Schwanengesang Deutschlands im Glanze byzantinischer Dekadenz.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

 

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