Das Fanal der Demographie, Teil 3 von 4: Fachkräftemangel. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Fachkräftemangel“ erschallt es von überall her. Egal ob aus dem Handwerk, der Industrie, der öffentlichen Verwaltung oder aus Servicebranchen, wie der Pflege.

Gleichzeitig wird der Fokus aber nach wie vor auf junge Talente gelegt. Das hat die Zukunft Personal 2018 ( https://conplore.com/joint-future-work-zukunft-personal-2018-an-der-realitaet-vorbei-aber-mit-vielen-innovationen-fuer-das-future-hrm/ ) eindrucksvoll – und nachdrücklich! – gezeigt:
„Was ein wenig verwunderte, waren die fast schon vereinsamt zu nennenden Stände der Servicedienstleister zur Unterstützung der Gewinnung ausländischer Fachkräfte. Ein Thema, das gern von Wirtschaftsverbänden – allen vorweg Herr Joe Kaeser von Siemens – gern zum Besten gegeben wird. Auch mit dem politisierenden Unterton der absoluten Notwendigkeit.
Nur interessiert hat es keinen. Noch nicht mal die Anbieter, die sich wirklich auf qualifizierte Fachkräftegewinnung in aller Welt spezialisiert haben, standen im Gedränge der Interessenten. Die hier schon anderswo getätigten Vermutungen dazu werden so – wenn auch weniger öffentlich und somit weniger plakativ – zumindest nicht widerlegt.

Dienstleister, die sich auf Vermittlung von Migranten aus dem ungefilterten Zustrom spezialisiert haben, wurden komplett ignoriert. Selbst von Personalern, die nach Lösungen für Nachbesetzungen in Jobs mit niedriger Qualifikation suchten…

Dass hier (politischer) Anspruch und gelebte (ökonomische) Wirklichkeit kaum zusammenpassen ist in all der dargestellten Austellerpracht den wenigsten aufgefallen.“

Wie es aussieht gibt es hier mehrere erkennbare Scheren zwischen dem, was man in der Realität sieht, dem was man gern glaubt und dem, was man zukünftig braucht. Oder anders ausgedrückt heißt das, dass man bestens ausgebildete Fachkräfte braucht die aber auch billig sein sollen, die, die en masse kamen, erfüllten trotz mitgebrachter Qualifikationen nicht oder gar die Standards des Arbeitsmarktes und die, die man nun gern hätte – vor allem aus dem MINT-Bereich – kommen nicht in ausreichender Anzahl nach. Zumindest nicht in der Menge, die die Lücke der bald ausscheidenden älteren Fachkräfte auffüllen könnten.

Dazu kommt, dass sich auch die einstmals guten Infrastrukturmöglichkeiten erschöpft haben. Billige Fachkräfte müssen irgendwo auch nah und billig wohnen können. Und in Ballungsgebieten wird auch das zunehmend schwieriger. Es herrscht ein offener Verdrängungswettbewerb. Inzwischen bis hoch in die Mittelschicht. Denkbar schlechte Voraussetzungen um Fachkräfte aus dem Ausland in Ballungszentren zu lotsen.

Ergo werden die Personalkosten nun hauptsächlich durch die steigenden Mieten – samt zugehörigen Energiekosten – getrieben ( https://conplore.com/joint-future-work-und-steigende-personalkosten-durch-wohnungsmangel-in-deutschland/ ). Ein politischer Faux Pas, der so nicht durchdacht worden ist, als man über Einwanderung nachgedacht – eher einfach entschieden! – hat.

Dass in diesem Rahmen auch die nun abzusehenden Einschnitte in punkto Mobilität bald eine weitere Rolle spielen werden, ist absehbar. Fahrverbote werden die ins Umland von Ballungszentren abgedrängten Fachkräfte zu nochmaligen Verlierern werden. Und wenn man ehrlich ist, sind schon jetzt keine Maßnahmen erkennbar, die Kapazitäten des ÖPNV dem anzupassen. Eigentlich wird hier wie mit dem Wohnraum politischerseits gar nicht reagiert. Noch nicht mal als Sprechblase.

All das wirkt sich schon jetzt erkennbar auf die Bereitschaft von Fachkräften aus, Jobs zu wechseln oder anderswo anzunehmen. Wochenendpendler leben inzwischen auf Campingplätzen. Etwas, was für junge Polizisten in Großstädten auch normal geworden ist…

Wer Fachkräfte will, muss ihnen Perspektiven bieten. Nicht nur beruflich, sondern vielerorts auch privat. Und wer als Unternehmen Fachkräfte braucht, muss sich nun auch Gedanken dazu machen, wo sie denn wohnen sollen, damit sie auch bleiben.

Diese Gedanken hatten im 19.Jahrhundert auch Männer wie Thyssen und Krupp. Die Ruhrkohle AG oder BASF. Städte wie Essen oder Bochum konnten den rasanten Anstieg der Bevölkerung nicht von sich aus stemmen. Werkswohnungen waren die Lösung. Nach dem Krieg auch Bundesdarlehenswohnungen für Beamte, die damals nicht zur Gehaltsspitze gehörten.

Im Rahmen des demographischen Wandels werden langfristig mehr Fachkräfte wegfallen, als durch die Digitalisierung eingespart werden können. Man rechnet bis 2050 mit einem Verlust von 1,5 bis 2,9 Millionen, die der Wirtschaft als Arbeitskräfte fehlen werden.

Das ist so oft eine Michmädchenrechnung, da die wirkliche Innovationskraft der parallel laufenden Digitalisierung noch nicht vollumfänglich abgesehen werden kann. Das sind alles bessere Schätzungen.
Tatsache ist, dass mit funktionierenden(!!!) KIs ein überwiegender Teil der sog. kognitiven Berufe wegfallen werden. Verwaltungsangestellte, Sachbearbeiter und gewisse Beratertätigkeiten werden komplett aufgesogen werden. Schon jetzt sind im Finanzsektor durch automatisierte Workflow-Ketten (Black Box) bis zu 150.000 Beschäftigte an sich überflüssig.

Weiterhin erkennbar ist der geringere Produktionsaufwand bei Elektroautos, da diese weniger Teile allein für den Antrieb brauchen. Hier werden in der Zuliefererbranche und im Werkstattbereich also massig Fachkräfte frei werden. Auch neue Produktionsverfahren, z.B. der 3D-Druck wird die Komplexität von Produktionsketten reduzieren. Das wird sich dann auch im Maschinenbau auswirken.

Und ob die Innovation dieses noch zu erarbeitenden Know-hows dann in Deutschland bleibt, oder wie mit der Photovoltaik und Windrädern vom Ausland kopiert (gestohlen!) wird und anderswo für Arbeitsplätze sorgt, ist ungewiss. Aber unsere gesamtheitlichen Aufwände in IT-Sicherheit lassen gewisse Befürchtungen aufkommen, zumal die zuständige Bundesbehörde ein Seelenverein ist, gegen den das Geisterschiff Marie Celeste überbevölkert war…

Es bleiben also die, die schon vor Ort sind und ohnehin immer länger arbeiten müssen, da diverse Fehlentscheidungen dafür gesorgt haben, dass trotz beispiellos langem wirtschaftlichen Aufschwung (seit 2009) keinerlei Reserven gebildet werden konnten. Sozialkassen davon abhängen, dass Fachkräfte immer länger in sich selbsttragender Arbeit gehalten werden können und so die Sozialkassen befüllen.

Als volkswirtschaftliche Einsicht hat das jedes Unternehmen, nur arbeiten diese betriebswirtschaftlich. Solche netten Gesten werden verbal honoriert, beklatscht und gefeiert. Bei anderen. Selbst will jeder junge und unverbrauchte Kräfte, die zudem billiger sind als das ältere aber erfahrenere Personal. Betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar, folgerichtig und auch richtig. Doch hunderttausende Mal betriebswirtschaftlich gedacht führt zu einer abstürzenden Volkswirtschaft, die dann auch betriebswirtschaftlich …verändert. Dann aber längerfristig.

Und hier werden auf die Unternehmen Kosten zukommen. Vermutlich schon bald per Gesetz. Das ist für Politiker die einfachste Möglichkeit ihre Unfähigkeit zu kompensieren, die aus der Unmöglichkeit des gesamtheitlichen und rechtzeitigen Denkens entstammt. Ein gutes Beispiel ist die Berliner Diskussion der Wohnraumenteignung, um die Mietexplosion zu stoppen.

Warum also nicht Unternehmen zu 50Plus- oder 60Plus-Quoten zwingen? Beschäftigungsgarantien ab 55, 60 oder 65(??) einzuführen und/oder Umschulungen von was und zu was auch immer durch Unternehmen finanzieren zu lassen. Vielleicht auch Werkswohnungen vorzuschreiben, um auch hier den Wohnungsmarkt zu entlasten? Immerhin werden dem jährlich weitere hunderttausende von Menschen hinzugefügt, die als Fachkräfte nach Deutschland strömen. Natürlich ohne vorher nach der passenden Qualifikation gefragt worden zu sein… Kritiker sehen eine weitere Verknappung von für die Wirtschaft benötigten Wohnraum, um brauchbare/notwendige Fachkräfte hierher zu bekommen.

Tatsache ist auch, dass Ältere die Digitalisierung letztlich planen, gestalten und umsetzen müssen, damit mit ihren Ausscheiden aus der Arbeit die Produktivität der Unternehmen – auch im Hinblick auf die wie auch immer geartete Personallücke – erhalten bleibt. Vielleicht gelingt es auch, dass die Digitalisierung dann am Ende den älteren Fachkräften dann auch selbst hilft produktiv (weiter)arbeiten zu können. Denn 47 Beitragsjahre in unselbständiger Arbeit heißt bei Akademikern nicht unbedingt mit 63 fertig zu sein. Oder bei denen mit unterbrochener Erwerbsvita. Arbeitslosigkeit zählt nämlich nicht als anrechenbarer Beitrag…

Als Fazit kann man ziehen, dass die völlige Abstinenz von politischer Verantwortung dazu geführt hat, dass jeder gern über New Work, Digitalisierung, Industrie 4.0 und dem IoT redet, die dazu benötigten Fachkräfte billigst herbeisehnt, um dann produktiver und besser zu sein. Unterstützende Ressourcen vom Staat haben und Risiken abgefedert sehen will.

Nur geht das so nicht mehr. Die Ressourcen sind verzockt. Komplett.

Nach der für die Wirtschaft teuren Energiewende (die Kilowattstunde kostet hier doppelt so viel wie in Frankreich!), der Verschwendung von Geld für ideologisch Projekte (z.B.: 3. Toilette…), der Unvernunft die (Kern-)Industrie nicht vor Angriffen zu schützen (Diesel,…) und das Versagen notwendige demographische Steuerungsmaßnahmen überhaupt angehen zu wollen, wird die notwendigen Fachkräfte auf der Zeitachse knapp werden lassen.

Das auch einem dann politischen Klima geschuldet, das der Wähler im Sinne des Eigennutzens zu gestalten wissen wird.

Dieses Klima wird von einschränkenden Gesetzen und Vorgaben bestimmt sein, um fehlende staatliche Mittel auf die Wirtschaft abzuwälzen.

Letztlich wird die Wirtschaft mit dem auskommen müssen, was jetzt schon da ist und ggf. – und mit viel Glück(!) – durch ein paar hunderttausend wirklichen Facharbeitern von außen ergänzt werden. Die Bertelsmann-Stiftung sprach von knapp 300.000.

Dass die Fachkräftefrage innerhalb des EU-Umfeldes gelöst werden kann, ist zweifelhaft. Wenn auch Deutschland und Österreich bedingt durch den demographischen Wandel am meisten leiden, so haben alle westlichen EU-Länder mit sinkenden Geburtenraten zu kämpfen. Sichtbare positive Veränderungen hier, die gern als mögliche demographische Trendwende propagiert werden, kommen eher aus gesellschaftlichen Gruppen, die man explizit nicht als Pool von Fachkräften ansehen kann.

Denn eines ist sicher. Der Change wird Geld kosten, mitunter auch das Geld derer, die sich unter (böses Wort) Eigenbeteiligung umschulen oder gar (erst)ausbilden lassen müssen. Das setzt finanzstarke Einkommensgemeinschaften/Familien voraus. Wenn die Ausbildung von Kindern schon jetzt recht teuer ist, wird sich das bald verschärfen, da das Schulniveau gesunken ist (siehe Teil 1: Bildung).

Daher wird die zukünftige Fachkraft in aller Regel ihre Qualifikation zukünftig ständig weiterentwickeln und/oder erneuern müssten. Lebenslanges Lernen absolute Notwendigkeit sein. Und dieses Lernen wird zum großen Teil nicht mehr vom Staat getragen, sondern via Unternehmen und (steigender) Eigenbeteiligung finanziert werden müssen. Da hier politischerseits kein wie auch immer gearteter Gestaltungsrahmen erkennbar ist, wird es zwangsläufig zu gesetzlichen Regelungen kommen…

Wie das durch die Menschen letztlich zu finanzieren ist, zusätzlich zu ihrer privaten Rentenvorsorge (https://conplore.com/ein-deutsches-maerchen-der-abgesicherte-und-verdiente-ruhestand/), die staatlicherseits zur Haushaltssanierung via Null-Zinspolitik der EZB auch ausgesogen wurde, entzieht sich der Kenntnis und noch möglichen sinnhaften Ideen des Autors.

Der deutsche Sparer wurde durch diese Politik schon jetzt um bis zu 700 Milliarden betrogen. Geld was jetzt nicht nur für die Rente fehlen wird. Sollte es nicht gelingen Ältere als Fachkräfte in Arbeit zu halten WIRD letzteres dann in Altersarmut enden (https://conplore.com/stresstest-altersarmut-in-deutschland-wirtschaftliche-soziale-und-politische-folgen/).

Viele sehen das schon jetzt dieses Szenario als gegebenes. Allein 2017 verließen 250.000 Menschen dieses Land… Auch und gerade die Fachkräfte, die die Industrie hier gern haben würde. – Das ist nicht nur paradox, sondern fast schon surreal.

Es folgt am 5.4.2019: Teil 4: Demographiepolitik in der Digitalisierung

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

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