Das Fanal der Demographie, Teil 4 von 4: Demographiepolitik in der Digitalisierung. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Kommt Zeit kommt Rat kommt Attentat.“ Dieser Spruch ist allseits bekannt. Man lacht darüber. Bei Beamten wird das Attentat dann gern sprachlich durch Oberrat ersetzt und soll so eine sichere – weil unausweichliche – Karriere suggerieren. Aber was ist, wenn die Zeit das erfolgskritische Momentum ist, weil sie abläuft? Individuell gesehen endlich ist. Wir erinnern uns? Das einzige Element einer jeder fehlerhaften Planung, das nicht durch Geld ersetzt werden kann, ist abgelaufene Zeit. Keine einzige Sekunde ließ sich jemals – für was auch immer – zurückkaufen. Zeit ist für den Menschen, seine Wünsche, Hoffnungen und sein Leben endlich. Demographie ist der Inbegriff dieser philosophischen Endlichkeit des Menschen in seiner Masse als Gesellschaft. Es ist ein abstraktes Nomen. Man kann es nicht sehen, nicht anfassen. Dennoch ist die Zeit real existent. Und sie beschreibt die Endlichkeit von Wünschen, Hoffnungen und das Leben in der Gesellschaft. Das dann aber mit klaren Zahlen, Fakten und auch Tendenzen. Letztere sind auch berechenbar, daher verifizierbar und somit valide Aussagen.

Man könnte meinen, dass diese Methode nun gern genommen wird, um gesellschaftliche, volkswirtschaftliche und auch politische Planungen, Visionen und Herausforderungen zu stemmen. Überhaupt stemmen zu können. Sie als Wegweiser, als Roten Faden, für Ziele zu nehmen. Sie zumindest bei Planungen zur Zielerreichung für was auch immer im Hinterkopf zu haben. Sie als DAS Argument für Politik zu sehen. Als Stellgröße an der die Kernaufgaben eines Landes auszurichten sind. Als Kriterium, an der politische Bemühungen zu messen sind.

In Westafrika ist das gescheitert. Hier sind seit den 80er Jahren Bevölkerungszuwächse von bis zu 3,8 Prozent pro Jahr(!!) normal gewesen. Die Politik (und Regierungen) haben versagt sich darauf einzustellen. Dieser Bevölkerungsexplosion Mittel und Maßnahmen rechtzeitig gegenüber zu stellen. National als Landesregierungen aber auch international als Weltgemeinschaft.

3,8 Prozent klingen nicht viel. Sind aber über 38 Jahre auf eine Million Einwohner gerechnet eine durchaus ansehnliche Steigerung. Aus einer Million 1980 wurden bis Ende 2018 3,3 Millionen. Ähnlich dem Zins-und-Zinseszins-Effekt. – Nur lebten in Westafrika eben nicht nur eine Million Einwohner. Das Versagen dort und anderswo ist die Ursache für das, was jetzt Migration heißt. Die Wirtschaft und das Bildungs-System können in diesen Staaten nicht so schnell wachsen wie die Bevölkerung. Der Staat kann nicht so schnell Infrastruktur für die Wirtschaft oder auch nur die Bevölkerung schaffen. Straßen, Kanalisation, Wohnungen, Hospitäler, Schulen,…

Menschen haben Hoffnungen, Sehnsüchte, Wünsche und wollen leben. DAHER wandern sie dort weg. Weil fehlende Ressourcen natürlich auch zu Konflikten führen, die die Basis vor Ort noch weiter aushöhlen. Ressourcen sogar vernichten. Natürlich können Rattenfänger das ausnutzen. Populisten. Aber auch die, die dann Hoffnungen auf ein Jenseits machen. Militanter Islamismus hat einen Grund… Und wenn wir von Vermüllung der Meere berichten, dann sehen wir die Flüsse aus eben diesen Staaten, die dafür zu 90% verantwortlich sind. Zu der dort fehlenden Infrastruktur gehören auch Mülltrennung, Recycling und andere Spielarten, die Geld kosten das für die Bürger nicht da ist. Alles Themen, die bekannt sind. Bekannt waren. Nicht nur dort, sondern auch hier. Was taten wir? Wir schickten ihnen zusätzlichen Müll, der dort entsorgt wurde, weil er hier gewinnträchtig getrennt wurde, aber zu teuer aufzubereiten war.

Haben wir dafür gesorgt, dass Fundamentalismus und Fanatiker keinen Fuß fassen konnten?

Haben wir Familienplanungsprogramme unterstützt? Fortbildung? Oder auch nur Bildung insgesamt? Was haben wir zur Verhinderung der unausweichlichen Katastrophe gemacht?

Antwort: Wir haben sie partiell für uns genutzt und ansonsten die Augen verschlossen! Warum? – Damit es uns noch besser geht!

Doch ist das nachhaltig und klug?

Immerhin schwappen jetzt die Folgeprobleme zu uns zurück. Massenmigration, Fundamentalismus und auch das Müllproblem im Meer…

Und wie bereiten wir uns nun auf das seit den 80er bei uns erkennbare Phänomen der zurückgehenden Bevölkerung vor? Was haben wir getan? Das war damals durchaus ein Thema. Aber es wurde durch das Tagesgeschäft verwischt. Und durch einmalige nicht wiederkommende geschichtliche Ereignisse, die mit der Wiedervereinigung und dem Ende des Ost-West-Konfliktes einhergingen. – Die DDR brachte mehr Kinder pro Familie mit, als bei uns üblich waren. – Die parallel aufkommende IT sparte massiv Arbeitskräfte ein. – Der zurückgebaute militärisch-industrielle Komplex setzte fast 1,5 Millionen Arbeitskräfte dauerhaft frei. – Die geburtenstarken Jahrgänge strömten auf den Arbeitsmarkt

Grund genug für unsere Planer, Organisatoren und Koordinatoren – kurz die politischen-gesellschaftlich Verantwortlichen – nichts zu tun. Es lief ja. Es waren damals sogar so viele Arbeitskräfte frei verfügbar, dass man sie mit 52 schon in Rente zu schicken bereit war. Das ist nun heute unser Rentenproblem. Und das Sozialkassenproblem. Und das Pflegekostenproblem… So wie in den Ländern mit explodierender Gesamtbevölkerung die Zeit verschlafen wurde, so wurde auch hier bei uns die Entwicklung über die Zeitachse ausgesessen. Auf Wunder gehofft. Eines dieser Wunder wurde in den Flüchtlingsbewegungen aus dem Mittleren Osten gesehen. Hier erwartete die Industrie hochausgebildete Fachkräfte, die im eigenen nun erkennbaren demographischen Wandel fehlten. Die Personaler der Wirtschaft freuten sich. Politiker konnten humanitäre Ideen umsetzen. Die Gesellschaft etwas zurückgeben vom Glück. Nur waren das eben keine Fachkräfte. Sie hatten die falschen Zertifikate, Urkunden und Qualifikationen. Konnten zum Teil noch nicht einmal Lesen und Schreiben (https://conplore.com/e-paper-joint-future-work-und-fehlermoeglichkeiten-in-der-digitalisierung-teil-2-migranten-und-qualifikation/). Das machte die Eingliederung in das, was Digitalisierung und Wirtschaft 4.0 eigentlich brauchten… schwieriger. Teurer. Und auch ein Stück weit – absehbar – unmöglich. Aufgrund völlig anderer Werte auch zunehmend gefährlich für das, was wir als Sozialstaat und Rechtsstaat ansehen (https://conplore.com/die-nationale-ci-und-ihre-bedeutung-fuer-migration-und-integration/). Die Folgen unseres verschlafenen demographischen Wandels wurden sogar verschärft. Ressourcen in falsche Bahnen gelenkt. Das Geld, was wir für die Abfederung der Demographie und die Aufstellung der Gesellschaft für die Digitalisierung gebraucht hätten, wurde zur Lösung von sinnlosen aber humanen „Projekten“ gepumpt. Über fünfzig (50!!) Milliarden pro Jahr. Die Summe, die China in die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (AI) steckt.

Hier müssen wir sparen. Bescheiden uns mit ein paar hundert Millionen pro Jahr. Verfehlen dabei unsere Infrastruktur anzupassen. Tun das, wo auch schon vor uns andere versagten. Elf Jahre Aufschwung haben die Politik das Maß dessen verlieren lassen, was machbar war. Elf Jahre Aufschwung – den längsten seit Kriegsende – hat keinerlei Ressourcen in Reserven fließen lassen, die die Demographie und die Digitalisierung hätten abfedern lassen können. Weder Sozialsysteme noch der Haushalt hat sich stabilisieren lassen. Der Rentenzuschuss zur Rentenkasse aus Steuermitteln betrug letztes Jahr fast 71 Milliarden. Aber der demographische Wandel hat noch nicht mal richtig Fahrt aufgenommen. Die Pflegekosten explodieren aber auch gerade. Ungeachtet der Zehntausenden offenen Stellen, die mit jungen, gut ausgebildeten Arbeitnehmern kaum nachbesetzt werden können. Elf Jahre blauer Himmel sind wie die sieben fetten Jahre, die Josef als Wesir des Pharao damals sah. Er nutze diese Zeit für Speicher. Zum Bilden von Reserven. Denn er sah auch die Endlichkeit dessen, was die Zeit bringen kann. So hatte er in den sieben mageren Jahren sogar so viel angespart, dass er anderen helfen konnte. Eben WEIL er vorausschauend und ganzheitlich geplant hatte. Sich an Zahlen und Fakten orientierte, nicht an Wünschen, Visionen und billigen Illusionen. Sein Wunsch dann helfen zu können, sobald – nicht wenn!! – es hart wird, war durch ihn vorbereitet worden.

Davon ist hier und heute nichts zu sehen. Hunderttausende suchen nun Wohnungen, weil diese nicht rechtzeitig gebaut wurden. Die ersten Rentner wurden auf Campingplätzen einquartiert, was für Berufspendler und Studenten sowieso oft schon zur normalen Alltagsrealität geworden ist. Es gab sogar einen jungen Mann, der jeden Tag von München aus nachts mit dem Zug eine Rundreise machte, um warm und trocken zu sein, weil er keine bezahlbare Wohnung in München fand. (Dass sich dieses Engagement nicht ausgezahlt hat versteht sich von selbst. Er wurde nach der Probezeit nicht übernommen…) Anstatt das noch vorhandene Geld zu sparen und Rücklagen für Rentner und Digitalisierung zu bilden, steckt die Politik 38 Milliarden in den Sparstrumpf für Flüchtlinge, die zum großen Teil sogar ausreisepflichtig sind. Das Wohnungsproblem so dauerhaft sogar noch verschärfen.

„Kommt Zeit kommt Rat kommt Attentat!“

Ohne den sicherheitsrelevanten Aspekt dieses Satzes zu hinterfragen (Exkurs: https://conplore.com/joint-future-work-und-fehlermoeglichkeiten-in-der-digitalisierung-teil-3-die-kosten-der-sicherheit/) was hier auch kein Thema sein soll, so stellt sich doch die Frage, wie das alles zusammenpassen soll. In den vorherigen Teilen von „Das Fanal der Demographie“ wurde über Bildung, das Handwerk und Fachkräfte nachgedacht. Dass allein hier schon riesige Herausforderungen auf uns warten, ist längst offensichtlich geworden. Doch auch hier wurde endliche Zeit verschlafen. Vielleicht auch nur fehlinterpretiert. Man glaubte vielleicht noch Zeit zu haben. Aber spätestens jetzt ist es offensichtlich, dass die Zeit weg (i.e.S. von WECK!) ist. Millionen werden bald in Rente gehen. Sie werden irgendwann in Rente gehen müssen. Nicht zeitnah zum statistischen Lebensende, weil das selbst Putin in Russland nicht durchsetzen konnte. Das mag als Anhalt dienen, wie böse Menschen reagieren können. Ergo muss man fragen, wie lange sie denn arbeiten sollen? Zumindest ist in der Wirtschaft die Einsicht 50Plus-Mitarbeiter einzustellen eher… verhalten. Und jetzt in der aufziehenden Krise sind sie sogar die, die mal wieder zuerst gehen müssen. So ihre für die Voll-Rente notwendigen 47 Beitragsjahre nie schaffen werden. (https://www.bz-nachrichten.de/die-konjunktur-bricht-ein-die-alten-wieder-zuerst-raus-eine-frage-die-sich-stellt-ein-kommentar-von-sascha-rauschenberger-in-bz-nachrichten/). Mit klar erkennbaren Folgen (https://conplore.com/stresstest-altersarmut-in-deutschland-wirtschaftliche-soziale-und-politische-folgen/). Und diese Folgen zeigen auch auf, dass das politische Klima sich verschlechtern wird. Die Zeit abläuft. „Guter Rat nun teuer wird“, wie eine andere Volksweisheit kennt. Und exakt diese Ressource wurde verschleudert. Ist zumindest nicht mehr dafür verfügbar „den guten Rat“ umsetzen zu können. Für die Bildung/Ausbildung/Weiterbildung, für die Lösung der Wohnungsmisere, die Digitalisierung und dann auch für die Demographie.

Die Demographie konnte nicht für die Planung der Digitalisierung an sich herhalten. Wohl aber zur Planung, Ausgestaltung und die Umsetzungsmöglichkeiten dessen, was jetzt Bildungsnotstand, Wohnungsnot und Gesamtstaatlichkeit heißt.

Und so wird es immer wahrscheinlicher, dass die nicht getätigten Investitionen in Bildung, Handwerk und Facharbeiter auch hier bald da enden, wo schon andere Themen mit Elan und „gutem Gefühl“ und noch mehr tollen Visionen an die Wand gefahren wurden. Sich verschärfend auswirken werden. Auf die allgemeine Situation wie auch auf die Möglichkeiten dann noch gegensteuern zu können; wenn man denn irgendwann einmal doch noch will. Oder muss.

Denn sonst tritt mit absoluter und unausweichlicher Sicherheit das ein, was dann den Dreiklang des Ausgangszitats beendete: das Attentat! Auf unser Gemeinwohl.

Und wie das aussieht ist in den Ländern zu sehen, aus denen unsere Hoffnungen auf Facharbeiter zu uns geflohen sind.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

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