Demografie: Die Spaltung in Deutschland zementiert sich

Deutschland erlebt aktuell ein demografisches Zwischenhoch. Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind damit aber nicht verschwunden, sondern stehen unmittelbar bevor: Weniger Arbeitskräfte, steigende Kosten in den Sozialsystemen und immer stärker zu Tage tretende regionale Verwerfungen verlangen nach neuen Antworten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat die demografische Lage der Nation untersucht und erstmals eine eigene, regionale Bevölkerungsprognose für alle 401 Kreise und kreisfreien Städte berechnen lassen.

Um die demografischen Herausforderungen besser verstehen zu können, erstellt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, eine dem Bundesinnenministerium nachgeordnete Behörde, regelmäßig im Abstand von drei Jahren regionale Bevölkerungsvorhersagen. Diese sogenannten Raumordnungsprognosen hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung  in der Vergangenheit stets für seine Studien genutzt. Doch die letzte dieser Prognosen stammt aus dem Jahr 2015. Derzeit fehlt somit eine aktuelle Planungsgrundlage für Kommunen und Bundesländer. Und das in einer Zeit, da sich die geburtenstarken Jahrgänge langsam ins Rentenalter verabschieden, viele der attraktiven Städte einen enormen Zulauf an neuen Mitbürgern verzeichnen, entlegene Landstriche aber zusehends veröden. Der Grund, warum diese Prognose seit Jahren aussteht, ist nicht bekannt. Eine offizielle Verlautbarung dazu gibt es nicht. Der politische Blick in die Zukunft wäre aber extrem wichtig angesichts der neuen Debatte um die Heimat und um eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in unserem Land. 

Dank massiver Zuwanderung und leicht gestiegener Kinderzahlen ist die Einwohnerzahl entgegen früherer Voraussagen mit rund 83 Millionen auf eine neue Rekordmarke geklettert. Auch in den nächsten Jahren dürfte die Bevölkerung laut der neuen Prognose kaum schrumpfen und 2035 bei etwa 82,3 Millionen Menschen liegen. „Allerdings verschärfen sich in Deutschland die regionalen Verwerfungen zwischen den prosperierenden Großstädten und den entlegenen, strukturschwachen Regionen,“ sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts.

BIB-Direktor Dr. Reiner Klingholz zur demografischen Lage und der Verantwortung der Politik in BZ-NachriochtenTV

Auf der 1. Demografie-Debatte Deutschland in Baden-Württemberg äußerte sich der Direktor des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (www.berlin-institut.org), Dr. Reiner Klingholz, zur politischen Verantwortung für die Bewältigung der demografischen Herausforderungen in Deutschland. Das Interview sehen Sie in BZ-NachrichtenTV.

Der Osten verliert massiv

In allen fünf ostdeutschen Flächenländern werden der Prognose zufolge die Bevölkerungszahlen bis 2035 weiter zurückgehen – am stärksten mit fast 16 Prozent in Sachsen-Anhalt. Weite Regionen zwischen Rügen und dem Erzgebirge werden in den nächsten Jahren mehr als jeden fünften Einwohner verlieren. Die Alterung der Gesellschaft führt dazu, dass im brandenburgischen Landkreis Spree-Neiße – einem Gebiet zwischen dem Spreewald, Cottbus und Spremberg an der Grenze zu Polen – 2035 auf eine Geburt vier Beerdigungen kommen dürften. Gleichzeitig liegt im Osten aber auch die am schnellsten wachsende Stadt der Republik: Leipzig muss bis 2035 ein weiteres Einwohnerplus von rund 16 Prozent verarbeiten. Zu den wenigen weiteren dermografischen Leuchttürmen in den fünf ostdeutschen Flächenländern zählen die Landes-Hauptstädte Potsdam, Dresden und Erfurt sowie Jena, Rostock, Halle und Magdeburg.

„Wachstum und Schrumpfung liegen somit dicht beieinander und beides muss gestaltet werden. Keine leichte Aufgabe für die Politik,“ meint Manuel Slupina, Mitautor der Studie. „In den Wachstumsregionen mangelt es an Wohnraum, Kitas und Schulen. Wo aber die Einwohnerzahlen massiv zurückgehen, sind neue, unkonventionelle Ideen zur Daseinsvorsorge nötig, um die stark gealterte Bevölkerung gut zu versorgen.“

Demografische Spaltung im Westen vertieft sich

Ein ähnliches Bild wie im Osten zeigt sich in den westlichen Bundesländern. Die heute schon attraktiven Städte von Hamburg über Frankfurt am Main bis München können sich auf Zugewinne einstellen. Doch vielerorts im Ruhrgebiet und im Saarland, sowie in ländlichen Regionen entlang der früheren innerdeutschen Grenze, in der Südwestpfalz oder an den Küsten werden die Einwohnerzahlen noch weiter sinken.

Urbane Großräume wachsen, das Land schrumpft weiträumig

Bis zum Jahr 2035 dürfte sich die Gesamtbevölkerungszahl Deutschlands kaum verändern, aber die regionalen Unterschiede weiten sich aus. Rund 60 Prozent der Kreise und kreisfreien Städte werden der Prognose zufolge bis 2035 an Bevölkerung verlieren.

Welche Zukunft Deutschlands Regionen zu erwarten haben

Um die „Zukunftsfähigkeit“ der Regionen vergleichbar zu bewerten, hat das Berlin-Institut 21 Indikatoren ausgewählt – aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Familienfreundlichkeit und Bildung. „Die Politik wünscht sich zwar eine „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, doch die Realität zeigt, dass wir es eher mit einer Vielfalt der Lebensbedingungen zu tun haben,“ sagt Reiner Klingholz. Das zeigt sich auch in den Gesamtnoten des Index, die von 2,32 für die bayerische Landeshauptstadt München bis 4,71 für die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen reichen.

Das Ranking offenbart ein bekanntes Nord-Süd-Gefälle, vorne liegen vor allem wirtschaftsstarke Städte mit ihren Umlandkreisen in Bayern und Baden-Württemberg. Am Ende finden sich Regionen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland. Im Osten liegen zwar viele vom demografischen Wandel schwer gezeichnete Kreise, aber in den Problemzonen des Westens ist die Lage mittlerweile sogar noch schwieriger. „Daran zeigen sich die punktuellen Erfolge des Aufbaus Ost und die Tatsache, dass die jahrzehntelange Abwanderung von Ost nach West gestoppt ist,“ sagt Manuel Slupina. Mit Dresden hat sich sogar eine ostdeutsche Großstadt in die Gruppe der Top-20 vorgearbeitet.

Demografie-Debatte Deutschland

Die Veranstaltungs-Reihe „Demografie-Debatte Deutschland“ des Bundesverband Initiative 50Plus befasst sich mit den Herausforderungen und Chancen des demografischen Wandels in Deutschland.

Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Homepage Demografischer-Aufbruch.de. Einen Eindruck von der 1. Demografie-Debatte Deutschland in Baden-Württemberg, die zusammen mit dem Demografie-Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg, Thaddäus Kunzmann, organisiert wurde, sehen Sie in BZ-NachrichtenTV.

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