Der Karneval der Ignoranz – der soziale Aschermittwoch einer Generation. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger

Alles ist möglich und es geht immer noch etwas oben drauf. Gern auch mit Geld, das von anderen kommt. Noch besser von jemanden, den es real nicht gibt, der vom Begriff her schon ein abstraktes Nomen ist: dem STAAT.

Und dieser Staat – bestehend aus einem Staatsrecht als Rahmen, mit einem Staatsgebiet als Territorium und mit einem Staatsvolk, das es bewohnt und in diesem Rechtsrahmen zusammenlebt, hat natürlich Ansprüche. An sein Dasein, seine Umwelt/Mitmenschen und natürlich – individuell auf den Punkt gebracht an und vor allem für SICH selbst.

Was ist das Glück auf Erden? Eine Flüchtlingsfrau brauchte es 1945 einmal wie folgt auf dem Punkt: „Das höchste Glück auf Erden ist ein trockenes Dach über dem Kopf, eine heiße Suppe und eine warme Decke zum Schlafen.“

Von dieser fast schon stoischen Weltanschauung sind wir inzwischen weit weg. Sie trieb aber eine Nachkriegsgeneration an, niemals wieder so denken zu müssen.

Und sie schuf eine Welt, in der das, was 1945 noch Glück war, in Vergessenheit geriet. Erst mit ihrer Hände Arbeit und mit Investitionen aus den Gewinnen heraus und dann, ab den 70er Jahren, fast ausschließlich durch Darlehen auf zukünftige Gewinne. Mit Geld, das man dann später zurückzahlen wollte, damit man JETZT GLEICH mehr haben konnte. Oder das Erarbeitete nicht aufgeben oder zumindest zurückführen musste. Es behalten konnte als klar wurde, dass die gemeinsame Arbeit nicht mehr reicht, um das IMMER MEHR zu erreichen. Als unser Wohlstand zunehmend und dann immer(!) auf Pump finanziert wurde. Dem anonymsten Geldgeber der Nation: dem Staat…

Ganze Generationen von Politikern lösten so jedes Problem. Die Ölkrisen, den Wirtschaftswandel, die Wiedervereinigung, die daraus folgenden weltweiten Veränderungen bis hin zur Globalisierung und dann die (internationalen) Finanzkrisen an sich: durch Staatsverschuldung auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene.

Und als hier Grenzen offensichtlich wurden, wurden die Bedürfnisse via Fonds, Umlagen und versteckte Steuererhöhungen finanziert. Ein Füllhorn für Viele geschaffen, damit möglichst wenige hinten herunterfallen.

Auch das ging eine Zeit gut. Und eben diese Verwalter unseres Vermögens, die Politiker, schufen eine eigene Realität um das herum, was möglich ist, werden kann und soll!

Der Karneval der Eitelkeiten trieb seine Stilblüten bis jetzt. Die Ignoranz Geld zu verjubeln, das man nicht hat wurde in ihrer Konsequenz zuerst in Griechenland deutlich, dann auch in größeren Industrienationen wie Spanien und Italien. Bis hin zum Wanken eines ganzen Kontinents, als die gemeinsame Währung kaum noch zu halten war. Denn das Schuldenmachen war ein internationales Gut ALLER Politiker. Und man half sich gegenseitig. Gern und großzügig…euphemistisch als „menschlich und nächstenliebend“ hingestellt. Ein Wert, der der christlichen Sozialethik sehr entgegenkommt, ohne aber deren Prämissen zu beachten: die Gegenseitigkeit.

Eines wurde allerdings immer vergessen: was ist an dem Tag, wenn all diese Schulden fällig werden? Am Zahltag dessen, was fast fünfzig Jahre Karneval gekostet hat. Einen Karneval, der schon gar nicht mehr hinterfragt wurde auf Sinnhaftigkeit und dem, was man als Rücklage für schlechte Zeiten ansah?

Doch was passiert am Ende dessen, was da neudeutsch und urplötzlich „Demographie“ heisst?

Mit wachsendem Wohlstand bekamen die ersten Nachkriegsgeborenen (geburtenstarke Jahrgänge/Babyboomer) deutlich weniger Kinder, lebten deutlich länger und hatten auf dieser Zeitachse auch deutlich mehr Ansprüche als die eher bescheidene Kriegsgeneration. Dieses Denken gab sie an ihre Kinder weiter, die diese dann zum hedonistischen Lebensziel erhoben.

Und eben dieses Ziel findet nun seinen Aschermittwoch. Der Karneval ist zu Ende. Die Musik hört auf zu spielen.

In den nächsten 5-10 Jahren wird all das fällig, was an Krediten aus der Zukunft für die vergangene Gegenwart genommen wurde. Fehlende Pensionsrückstellungen für Beamte zum Beispiel. Es gibt nur Schätzungen, die zwischen 800 und 1500 Milliarden liegen. Ein tausend Milliarden aufgeschrieben sieht so aus: 1.000.000.000.000

Und diese Menschen werden mit Masse bald in Pension gehen, und die ist zusätzlich zu finanzieren.

Doch was sagt die Politik? Das Drama ist lange absehbar und was macht sie? Rentengeschenke an den Rest. Verteilt überschüssige Mehreinnahmen (!!) von 60 Milliarden auf andere (Interessen)Gebiete, die populärer im Karneval sind.

Natürlich kann man hier auch noch zusätzliche Leute ins Land bringen, die zusätzlich und dauerhaft, dafür aber parallel zu den klar ersichtlichen Defiziten zu finanzieren sind. Zusätzlich zu den H4-Empfängern, deren Rentenbeiträge auch seit ein paar Jahren nicht mehr rückgestellt (angespart) werden. Eine durchaus sensible Mischung für die Narren des Karnevals.

Und jetzt taumeln knapp 20 Millionen angehende Rentner in das, was da demographischer Wandel heißt. Eigentlich müsste das der „schleichende Staatsbankrott“ heißen, denn diese Rentner und Pensionäre werden mehr brauchen, als ihre Rente. Denn sie sollen auch länger arbeiten. Nur dafür wurden bisher weder die Wirtschaft noch die  Rahmenbedingungen angepasst. Im Plan der GroKo noch nicht einmal erwähnt. Mit keinem Wort und schon gar keiner Zahl. Einer Zahl, die aufzeigen würde, mit WAS der Staat gedenkt, die sich abzeichnenden Lücken zu schließen:

  • Krankenversicherungszuschüsse
  • Pflegezuschüsse
  • Standorthilfen für Unternehmen in demographisch schwachen Regionen
  • Umstrukturierungshilfen für Unternehmen, die ältere Mitarbeiter weiterbeschäftigen
  • Wohngeldzuschüsse für Rentner, die in Regionen leben, die nun durch Einwanderer überlaufen werden aber kaum für zusätzlichen Wohnraum gesorgt haben.
  • Infrastrukturhilfen für gewachsene Defizite in diesen Regionen (ÖPNV, Krankenhäuser, Wassserver- u. entsorgung, Schulen,…)
  • [1]

Der Bedarf ist gewaltig. Zumal die Eigenvorsorge der Menschen an sich seit nunmehr 15(!!) Jahren systematisch untergraben wurde. Lebensversicherungen, gerade als Altersabsicherung für Selbstständige, wurden erst ohne Garantieverzinsung und Gewinnbeteiligung gestellt, dann noch nicht mal mehr verzinst, als man der EZB die Null-Zins-Politik zur Genesung von Südeuropa gestattet hat. Da der Effekt schleichend war, aber durch ausbleibende Zinseszinseffekte kontinuierlich vergrößert wurde, hat das kaum jemand wahrgenommen.

Auch der Versorgungsaspekt Eigenheim ist dahin, da man an der Grundsteuer zu schrauben beginnt.

Es stellt sich nun die Frage, wie man mit 20.000.000 Menschen umzugehen gedenkt, die ihr Leben lang gern und willfähig den politischen Demagogen auf den Leim gegangen sind, an den universellen und omnipotenten Karneval geglaubt haben, und nun am Ende ihres Erwerbslebens zunehmend erkennen werden, dass man für SIE nicht vorgesorgt hat. Dass IHRE Altersrücklagen für den Karneval der Ideen verpulvert wurden. Direkt als Reduzierung ihrer Kapitalkraft (Steuern – und nirgends sind sie so hoch wie hier!), durch Umlagen (z.B. ErneuerbareEnerGieUmlage, GEZ,) oder nachschüssig durch Versteuerung der privaten Altervorsorge, wie z.B. bei  Lebensversicherungen und Grundeigentum.

Aber es kommt schlimmer…[2]

Diese Menschen werden auch erkennen, dass die so schön versteckten Gesamtschulden ein Ausmaß erreicht haben, das den Griff in ihren Geldbeutel notwendig machen wird. Denn mit den gegebenen Bürgschaften, gemachten Versprechen und den schon getätigten Zahlungen an andere hat unsere Gesamtverschuldung ein Niveau erreicht, dass nur zu finanzieren ist, wenn das Privatvermögen herangezogen wird. Die Abschaffung des Bargeldes ist da so ein Schritt, der mit Blick auf die Gesamtverschuldung nachdenklich machen sollte.

Doch was passiert am Aschermittwoch, wenn die Narren verkatert wach werden?

Man wird sich betrogen fühlen, da der eigene Selbstwert es verbietet sich an die eigene ignorante Nase zu fassen. Es wird billige Versprechen geben, die dann aber nur fruchten, wenn man Schuldige benennen kann. Ihrer habhaft ist. Sie vorführen und verurteilen kann. Letztlich das, was sich auf der Place de la Concorde in Paris anno 1789ff ereignet hat. Die „Eintracht“ durch Blut beruhigt und die Sünden darin ertränkt werden konnten.

Am Ende, ändert es zwar nichts, da die Zeche bezahlt werden muss, aber man kann wie konnte halt zusehen, wie die „Spinner, Idioten, Verräter und Diebe“ (hin)gerichtet wurden.

Diese Einsicht kommt immer mehr bei denen zum Tragen, die sehr wohl erkennen, dass der Karneval seinem saisonalen Ende entgegenhinkt. Die Session zur Sezession wird… Und da will keiner mehr auf der Seite stehen, die dann die „Eintracht“ wiederherstellen soll.

Das Totschweigen der desolaten Situation bröckelt. Das Verschweigen der nahen Zukunft weicht auf. Erste Politiker und Pressevertreter hinterfragen die Motive derer, die gemahnt haben. Die verspottet wurden. Verleumdet und schlussendlich angefeindet wurden. Was ist, wenn die recht haben? Eine Sichtweise, die überall medial und gut verifizierbar nachlesbar und greifbar wäre, während andere… den Karneval ausriefen. Das Internet vergisst nichts…

Was ist, wenn das „betrogene“ Volk politischen Aschermittwoch feiert? Nicht vom Karneval berauscht, aber von der Zeche ernüchtert? Was wird dann aus den Prinzen, den Bauern und der Dame?

In vier Jahren sind die nächsten Wahlen. Die letzten waren nicht einfach. Vorausgesetzt, dass überhaupt eine neue Koalition zustande kommt. Im Koalitionsvertag ist rein gar nichts davon zu lesen, dass der Karneval beendet wäre. Das Wort Aschermittwoch ist dort tabu.

Andererseits hat der Erfolg radikalerer politischer Ideen deutlich aufgezeigt, dass es größer werdende Teile im Volk gibt, die die Zeche sehen – oder auch nur erahnen. Und die Guillotine ist ein einschneidendes Instrument – auch für Narrenhälse. Karneval hin oder her. Politische und soziale Aschermittwochs sind geschichtlich oft recht unschön gewesen. Gerade für die, die ihre Rolle zu weit getrieben haben. Und das galt nicht nur für die Prinzen…

Der demographische Wandel wird eine Zeitenwende sein. Nicht weil es nicht anders ginge, sondern durch die Ignoranz derer, die glauben, dass ein fremdfinanzierter Karneval schon noch weiter gehen kann. Irgendwie. Und das ist genau das Wort, das eben genau aufzeigt, dass es so nicht geht. Nicht mehr geht, denn all die für diese Art der Ignoranz notwendigen Reserven sind aufgebraucht, verplant, verzockt oder gar nicht existent.

Am Ende werden viele Menschen wieder da sein, wo 1945 das höchste Glück der Erde war: „Das höchste Glück auf Erden ist ein trockenes Dach über dem Kopf, eine heiße Suppe und eine warme Decke zum Schlafen.“

Und die zunehmende Militanz derer, die das nicht so sehen zeigt auch auf, dass – ähnlich 1945  – nicht jeder Glück haben wird.

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

 

 


Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Der Karnevalhttp://simsek.ch/

[1] Vgl.: Sascha Rauschenberger: Future Work und Megatrends – Herausforderungen und Lösungsansätze für die Arbeitswelt der Zukunft: Ein Kompendium zum demographischen Wandel; Windsor-Verlag 2014, http://future-business-consulting.com/buch-future-work-und-megatrends/

[2] An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass der Umfang dessen, was es „schlimmer macht“ andere Bücher gefüllt hat…
Vgl.: Sascha Rauschenberger: „ZAHL, aber halt’s Maul!“, Windsor Verlag (2017): https://shop.windsor-verlag.com/shop/zahl-aber-halts-maul-sascha-rauschenberger-2/

zu Glossen inspiriert hat:
Vgl.: Sascha Rauschenberger: Mäh, mäh lieber Bürger, es geht Dir an die Wolle! (Eine Glosse), bei: Initiative 50plus (2018):  http://www.bestzeit-plus.de/maeh-maeh-lieber-buerger-es-geht-dir-an-die-wolle-eine-glosse-von-sascha-rauschenberger/

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