Deutschland driftet auch finanziell immer stärker auseinander

Deutschland entwickelt sich auseinander. Die Einkommen pro Kopf sind nicht nur im Osten des Landes unter dem Bundesdurchschnitt. Auch im Westen – zum Beispiel im Ruhrgebiet – ist die Entwicklung deutlich ungünstiger, als im Süden des Landes. Dies hat massive Auswirkungen auf die Wohn- und Arbeitssituation der Bürger und ihre Chancen, Altersarmut zu vermeiden. Das zeigt eine aktuelle Studie des WSI der Hans-Böckler-Stiftung.

Hinter den Durchschnittswerten für die Bundesrepublik verbergen sich jedoch erhebliche regionale Unterschiede, wie aktuelle Angaben der Statistischen Ämter des Bundes („Regionaldatenbank“) für die Kreise zeigen. Auffällig ist zunächst einmal, dass die Ost-West-Spaltung bei den Einkommen fortbesteht. Im Osten erreichen nur sechs der 77 Kreise die Marke von 20.000 Euro pro Kopf, während im Westen nur 40 der 324 westdeutschen Kreise ein niedrigeres Einkommen aufweisen.

Über das höchste Pro-Kopf-Einkommen in der Bundesrepublik können sich die privaten Haushalte im Landkreis Starnberg mit 34.987 Euro freuen. An zweiter Stelle folgt mit einem beachtlichen Abstand von über 2.500 Euro die Stadt Heilbronn, wo das entsprechende Jahreseinkommen 32.366 Euro beträgt. Die Privathaushalte im Hochtaunuskreis verfügen über 31.612 Euro. Wenngleich die Vergleichbarkeit unter anderem durch steuerlich bedingte Preisunterschiede eingeschränkt ist, übersteigen die Einkommen in den drei Kreisen das von Eurostat ausgewiesene Pro-Kopf-Einkommen des reichen Nachbarlands Luxemburg (30.600 Euro).

In einigen Kreisen Deutschlands betragen die Pro-Kopf-Einkommen hingegen weniger als die Hälfte dessen, was die privaten Haushalte im reichen Starnberg zur Verfügung haben. Dies betrifft die Stadt Frankfurt an der Oder (17.381 Euro), den Landkreis Vorpommern-Greifswald (17.303 Euro), Halle an der Saale (17.218 Euro), Duisburg (16.881 Euro) und das Schlusslicht der Verteilung, Gelsenkirchen (16.203 Euro). Die prozentualen Einkommenszuwächse seit dem Jahr 2000 fallen in den ostdeutschen Kreisen höher aus als in Westdeutschland, was angesichts der niedrigeren Ausgangsniveaus nicht überraschen kann. Berlin ist die einzige Region im Osten, in der die realen Pro-Kopf-Einkommen weniger als fünf Prozent angestiegen sind. Dadurch ist es zu einer gewissen Angleichung gekommen. Bundesweit kann die Stadt Heilbronn die größten Einkommenszuwächse verbuchen. Dort haben die privaten Haushalte pro Kopf inflationsbereinigt knapp 43 Prozent mehr Geld in der Tasche haben als zu Beginn des Jahrhunderts. Seit Beginn dieses Jahrzehnts müssen die dortigen Haushalte hingegen Kaufkraftverluste hinnehmen. Im schleswig-holsteinischen Nordfriesland sind die durchschnittlichen Einkommen recht kontinuierlich um gut 30 Prozent angestiegen und liegen gegenwärtig bei 24.384 Euro. Fast genauso stark, nämlich um rund 28 Prozent, sind die verfügbaren Einkommen in Ulm angestiegen. Die Stadt gehört heute mit 29.641 Euro zu den reichsten Kreisen der Republik.

Am Beispiel von Heilbronn zeigt sich, dass die Einkommenswerte – hier durch den Durchschnitt (arithmetisches Mittel) ausgewiesen – vor allem in vergleichsweise kleinen Kreisen empfindlich gegenüber Ausreißern nach oben sind. So dürfte das hohe Durchschnittseinkommen und auch die kräftige Steigerung seit der Jahrtausendwende auch damit zu tun haben, dass in Heilbronn mehrere sehr reiche Personen gemeldet sind – darunter der Milliardär Dieter Schwarz, dem der Handelskonzern Lidl gehört.

Auf der anderen Seite gibt es auch viele Kreise und Städte, in denen die realen Durchschnittseinkommen heute niedriger sind als zu Beginn des letzten Jahrzehnts. Besonders bedauerlich ist dies im Falle Offenbachs, wo die Pro-Kopf-Einkommen um 8,7 Prozent gefallen sind. Offenbach (17.687 Euro) hat sich dadurch von einem durchschnittlichen Kreis in eine der ärmsten Regionen Deutschlands verwandelt. Große Abstriche bei den durchschnittlichen Einkommen mussten auch die Einwohner der Stadt Ansbach (-6,25 Prozent) hinnehmen, während der umliegende Landkreis Ansbach kräftige Einkommenszuwächse (23 Prozent) verbuchen konnte. Im Ergebnis ist der Landkreis (22.629 Euro) inzwischen wohlhabender als die Stadt Ansbach (20.737 Euro), während es im Jahre 2000 noch umgekehrt war. In Pforzheim sind die realen Einkommen der privaten Haushalte seit 2000 um durchschnittlich 5,4 Prozent gesunken und liegen aktuell bei 22.882 Euro pro Kopf.

Die reichste Großstadt ist den Zahlen zufolge nach wie vor die Landeshauptstadt München, wo die Privathaushalte über 29.685 Euro pro Nase verfügen konnten. Aber auch die Metropolen Stuttgart (25.012 Euro), Düsseldorf (24.882 Euro) und Hamburg (24.421 Euro) gehören zum obersten Fünftel der deutschen Kreise. Leipzig (17.770 Euro) und Duisburg befinden sich hingegen unter den 20 Prozent der ärmsten Kreisen der Republik.

Zwar liegen die Einkommen in den 15 größten Städten nach wie vor etwas über dem Bundesdurchschnitt, jedoch fällt das Einkommenswachstum insgesamt deutlich schwächer aus als in der Bundesrepublik insgesamt. Während die verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen zwischen 2000 und 2016 in Deutschland real um 9,7 Prozent zunahmen, hat keine der 15 größten Städte in der Bundesrepublik ein ähnliches Einkommenswachstum aufzuweisen. Am besten lief es in Hamburg, wo ein Einkommensplus von 6,3 Prozent zu verzeichnen ist. In Essen und Nürnberg sind hingegen deutliche Rückgänge der verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen zu beobachten. Sollte dieser Trend in den kommenden Jahren anhalten, ist in den Großstädten mit einem weiteren Anstieg der Einkommensarmut zu rechnen.

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