Die deutsche Wirtschaft ist robuster als befürchtet – Arbeitskräftenachfrage bleibt hoch

„Starke Inlandsnachfrage bewahrt Deutschland vor Rezession“ – IMK prognostiziert BIP-Wachstum von 1,0 und 1,6 Prozent für 2019 und 2020.

Die deutsche Wirtschaft wächst in diesem Jahr stärker als von vielen erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nimmt im Jahresdurchschnitt 2019 um 1,0 und 2020 um 1,6 Prozent zu, wobei im kommenden Jahr die größere Zahl an Arbeitstagen eine wichtige Rolle für das höhere Wachstum spielt. Zu diesem Ergebnissen kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung in seiner neuen Prognose. Das Wirtschaftswachstum wird vor allem vom kräftigen privaten Konsum getragen, der wiederum von weiter steigender Beschäftigung und höheren Löhnen profitiert (Detaildaten unten).

Gegenüber seiner Vorhersage vom März senkt das IMK die Wachstumserwartung für 2019 um 0,1 Prozentpunkte, die Prognose für 2020 bleibt unverändert. Trotz ihrer vergleichsweise optimistischen Erwartungen raten die Forscher dringend zu mehr öffentlichen Investitionen, über die drei Ziele erreicht werden könnten: konjunkturelle Impulse setzen, insbesondere für die Industrie; den notwendigen Strukturwandel angesichts von Digitalisierung und Klimaschutz unterstützen sowie den nach wie vor sehr hohen Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz reduzieren. Eine weitere Stärkung der Binnennachfrage sei „somit auch erforderlich, um bestehende internationale Ungleichgewichte abzubauen und zu einer Deeskalation der Handelskonflikte beizutragen“, schreiben die Düsseldorfer Konjunkturexperten. Deren weitere Zuspitzung zählen sie zu den zentralen wirtschaftlichen Risiken.

„Die starke Nachfrage im Inland sorgt dafür, dass unsere Wirtschaft aktuell noch widerstandsfähig ist, sie bewahrt Deutschland vor einer Rezession. Anders als früher hat der weltwirtschaftliche Gegenwind, der die stark exportorientierte Industrie bremst, noch nicht zu einem Abbruch des Wachstums geführt. Es wäre aber hoch gepokert, sich auf Dauer darauf zu verlassen“, beschreibt Prof. Dr. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK, das aktuelle Konjunkturbild. Zwar deute die Auftragslage der deutschen Industrie darauf hin, dass der Export 2019 immerhin um knapp zwei Prozent wachse und im kommenden Jahr etwa doppelt so stark zulege. Die Konjunkturexperten erwarten deshalb auch, dass die Industrieproduktion, die seit November 2018 zurückgegangen ist, „in den kommenden Monaten einen moderaten Aufwärtskurs einschlägt.“ Allerdings seien gleichzeitig die konjunkturellen Risiken weiter hoch, insbesondere wegen der weiter schwelenden Handelskonflikte und des unklaren Ergebnisses im Brexit-Prozess. Nach dem vom IMK berechneten Konjunkturindikator ist die Rezessionswahrscheinlichkeit von 28,3 Prozent im Mai 2019 leicht auf aktuell 30,9 Prozent gestiegen. Die IMK Konjunkturampel steht weiterhin auf Gelb-Rot und signalisiert somit einen Zustand erhöhter konjunktureller Unsicherheit. Sollte die Industrie weiterhin schwächeln, dann wäre über kurz oder lang eine „gesamtwirtschaftliche Abschwächung mit negativen Auswirkungen für die Beschäftigung die Folge“.

Die weltwirtschaftlichen Risiken ließen sich nur bedingt beeinflussen. Wohl aber könnte die Bundesregierung an anderer Stelle ansetzen, meinen die IMK-Ökonomen. Schließlich gingen die Herausforderungen in der Industrie weit über eine Schwäche des Welthandels hinaus. Noch bedeutender sei der notwendige Strukturwandel aufgrund von Digitalisierung und Klimaschutz. „Aufgabe des Staates wäre es, diesen Prozess insbesondere mit öffentlichen Investitionen zu fördern und zu begleiten“, so das IMK, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr. Das Geld dafür wäre vorhanden. Schließlich dürfte der Überschuss des deutschen Fiskus in diesem und im kommenden Jahr bei jeweils rund 40 Milliarden Euro liegen, von denen rund zwei Drittel auf die Gebietskörperschaften entfallen. „Es wäre wenig sinnvoll diese Summe zum weiteren Schuldenabbau zu verwenden, statt die Mittel in die Modernisierung der Infrastruktur und damit eine Verbesserung der Produktionsbedingungen zu investieren“, lautet das Fazit der Konjunkturforscher. Wichtig sei allerdings, dass es nicht nur zu einmalig höheren Investitionsausgaben käme, sondern dass die öffentlichen Zukunftsausgaben auf einem dauerhaft höheren Niveau verstetigt würden.

Kerndaten der Prognose für 2019 und 2020

Arbeitsmarkt

Die Erwerbstätigkeit entwickelt sich etwas weniger stark als in den Vorjahren, gleichwohl ist die Tendenz weiter deutlich positiv: Die Zahl der Erwerbstätigen steigt laut IMK um rund 467.000 Personen oder 1,0 Prozent im Jahresdurchschnitt 2019 und weitere 344.000 (0,8 Prozent) im Jahresmittel 2020. Die Arbeitslosigkeit geht in diesem Jahr um etwa 86.000 Personen zurück, so dass im Jahresdurchschnitt rund 2,25 Millionen Menschen ohne Job sein werden. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 5,0 Prozent. Für 2020 erwartet das IMK, dass die Arbeitslosenzahl nur geringfügig sinkt und die Quote stagniert.

Außenhandel

Auch das Wachstum im Euroraum ist relativ schwach: 2019 wächst das BIP in der Währungsunion um 1,5 Prozent, 2020 sind es 1,6 Prozent. Weltweit ist die Wachstumsdynamik in diesem Jahr verhalten. Vor allem die Nachfrage nach Investitionsgütern, die oft aus Deutschland kommen, ist deshalb schleppend. Daher geht das IMK davon aus, dass die deutschen Ausfuhren in diesem Jahr um lediglich durchschnittlich 1,9 Prozent wachsen werden. 2020 dürften die Exporte bei etwas anziehender Weltkonjunktur dann aber wieder um 3,9 Prozent im Jahresmittel zulegen. Die Importe nehmen in diesem Jahr wegen der stabilen Konsumnachfrage um durchschnittlich 3,7 Prozent zu, 2020 dann um 5,7 Prozent. Der Wachstumsbeitrag des Außenhandels ist damit negativ, der hohe deutsche Leistungsbilanzüberschuss wird leicht sinken. Trotzdem überschreitet er laut IMK 2019 zum neunten Mal in Folge die von der EU gezogene Stabilitäts-Obergrenze von maximal sechs Prozent des BIP.

Investitionen

Bei hoher Auslastung und weiterhin günstigen Finanzierungsbedingungen investieren die Unternehmen, wenn auch nur verhalten, weil die außenwirtschaftliche Verunsicherung bremst: 2019 steigen die Ausrüstungsinvestitionen um durchschnittlich 2,6 Prozent. 2020 gibt es auch hier eine Beschleunigung auf 4,1 Prozent. Bei den Bauinvestitionen bleibt die Dynamik insgesamt recht kräftig. 2019 nehmen sie um 4,1 Prozent und 2020 um 3,3 Prozent zu.

Einkommen und Konsum

Die verfügbaren Einkommen wachsen im Jahresdurchschnitt 2019 real um 1,9 Prozent und 2020 um 2,1 Prozent. Die realen privaten Konsumausgaben nehmen um 1,8 und 2,1 Prozent zu. Damit trägt der private Konsum in beiden Jahren maßgeblich zum BIP-Wachstum bei.

Inflation und öffentliche Finanzen

Die Verbraucherpreise steigen spürbar langsamer als in den beiden Vorjahren und bleiben deutlich unter der Zielinflationsmarke der EZB: 2019 steigen die Verbraucherpreise um 1,4 Prozent und 2020 um 1,6 Prozent.

Trotz der wirtschaftlichen Abschwächung bleiben die öffentlichen Budgets deutlich im Plus: 2019 beträgt der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo 1,1 Prozent vom BIP, im kommenden Jahr sind es 0,9 Prozent.

Den IMK-Report zur Konjunktur können Sie hier downloaden.

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