Die Deutschen verlieren die Lust am Sparen

Die Deutschen haben dank der jüngsten Tarifabschlüsse und niedriger Inflation mehr Geld in der Tasche. Trotzdem wird die private Altersvorsorge vernachlässigt. Die Sparquote sinkt. „Das Risiko Altersarmut steigt damit immer weiter“, sagt Uwe-Matthias Müller vom Bundesverband Initiative 50Plus.

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Jahrzehntelang hatten die Deutschen bei der inoffiziellen Weltmeisterschaft der Sparer die Favoriten-Rolle inne. Doch langsam und unmerklich verabschieden wir uns aus dieser Liga und steigen immer tiefer ab. Uns geht eine Tugend verloren, für die wir in anderen Ländern nie wirklich geliebt aber doch oft heimlich beneidet wurden.

Dabei ist das erste Halbjahr in Deutschland so positiv verlaufen: Die Tarifabschlüsse liegen leicht unter denen des Vorjahres, bringen aber den nach Tarif bezahlten Beschäftigten gleichwohl spürbare Einkommenszuwächse, dank der niedrigen Inflationsrate. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Halbjahresbilanz des Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Bei der Deutschen Bahn AG erreichte die EVG für 2015 eine Erhöhung der Gehälter von 3,5 Prozent. In der Metallindustrie setzte die IG Metall 3,4 Prozent sowie eine Pauschalzahlung von 150 Euro bei einer Laufzeit von 15 Monaten durch. In der chemischen Industrie handelte die IG BCE eine Anhebung von 2,8 Prozent bei einer Laufzeit von 17 Monaten aus. Im öffentlichen Dienst (Länder) lag die Abschlussrate für 2015 bei 2,1 Prozent.

Im Schnitt 2,9 Prozent mehr im Portemonnaie

Berücksichtigt man auch die länger laufenden Abschlüsse aus dem Vorjahr mit Tarifanhebungen für dieses Jahr, dann errechnet sich für das Jahr 2015 für 14,2 Mio. Beschäftigte eine durchschnittliche nominale Steigerung der tariflichen Grundvergütungen von 2,9 Prozent. „Die Einkommensentwicklung der tariflich Beschäftigten verläuft weiterhin positiv“, sagt Dr. Reinhard Bispinck, Leiter des WSI-Tarifarchivs. „Der neutrale Verteilungsspielraum wird ausgeschöpft und die Tariflöhne werden angesichts einer voraussichtlichen Preissteigerung von 0,5 bis 0,8 Prozent in diesem Jahr im Durchschnitt real um gut 2 Prozent steigen.“

So weit so gut. Oder eben gerade nicht. „Für uns steht die Altersvorsorge im Vordergrund, um die sich jeder einzelne in immer stärkerem Maße selbst kümmern muss“, sagt Uwe-Matthias Müller: „Die heute 30jährigen werden eine gesetzliche Rentenversicherung vorfinden, die nicht mehr der entspricht, von der die Baby-Boomer-Generation aktuell noch profitieren kann.“

Sparen auf dem vorletzten Platz

Die Frage für Müller und den BVI 50Plus lautet also: Sparen die Deutschen das Geld, das sie nun mehr verdienen? Oder, wegen der aktuellen Niedrigzinsen: Wieviel Geld wird beiseite gelegt für das Alter? „Es ist immer weniger“, sagt Uwe-Matthias Müller. Er verweist auf eine soeben von der Commerzbank vorgelegte repräsentative Umfrage: Wieviel Geld geben die Deutschen monatlich wofür aus? Dort rangiert der Posten „Sparen“ auf dem vorletzten Platz: „Aller Voraussicht nach hält sich das Sparen dort auch nicht mehr lange und wird von den Ausgaben für Internet und Smartphones in Kürze abgehängt.“ Gemessen an der Höhe der Ausgaben stehen ganz andere Dinge im Mittelpunkt der Haushalte:

  • Wohnen (30 Prozent des Nettoeinkommens – inkl. Nebenkosten),
  • Lebenshaltung also Ausgaben für Nahrungsmittel, Getränke (27 Prozent);
  • Auto und sonstige Verkehrsmittel (11 Prozent),
  • Freizeit und Hobbys (9 Prozent)
  • Urlaub (9 Prozent).

Die Umfrage zeigte aber auch dies: Nur zehn Prozent der Haushalte haben ihre Ausgaben wirklich im Griff. Eine Fußnote? „Nein, das ist ein Alarmsignal“, sagt Uwe-Matthias Müller: „Es ist ein Zeichen dafür, dass keine Haushaltsplanung mehr stattfindet. Und damit ist davon auszugehen, dass praktisch keine oder nur unzureichende Vorsorge für das Alter getroffen wird.“

Der demografische Wandel ist auch ein kultureller Umbruch

Die Sparquote – also der Teil des verfügbaren Einkommens, der monatlich gespart wird – sinkt seit Jahren kontinuierlich. In den 1970iger- und 1980iger Jahren lag sie bei 14 %. Doch schon 1991 zeichnete sich die Trendwende ab: 12,7 %. Im Zuge der aktuellen Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank sank der Anteil des Sparbetrages am verfügbaren Einkommen von 10,5 in 2008 auf 9,1 Prozent in 2013.

„Ich rechne damit, dass die Quote bis zum Jahr 2025 auf unter 7 Prozent fallen wird”, sagt Dr. Andreas Martin, Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Uwe-Matthias Müller fügt hinzu: „Der demografische Wandel wird nach unserer Erfahrung dazu führen, dass die Quote noch weiter fällt.“ Aus zweierlei Gründen: „Zum einen werden die geburtenstarken Jahrgänge im Alter nicht mehr als Sparer zur Verfügung stehen. Und zum anderen ist der demografische Wandel auch ein kultureller Umbruch: die Konsumgesellschaft übernimmt.“

„Jetzt muss jeder selbst schauen, wie er zurechtkommt“

Seit vielen Jahren weist die Bundesregierung darauf hin, dass die gesetzliche Rente durch betriebliche oder/und private Altersvorsorge ergänzt werden sollte, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. „Das ist die richtige Empfehlung“, sagt Uwe Matthias Müller: „Aber es ist auch ein Hinweis auf die Hilflosigkeit der verantwortlichen Politiker: Denn wie eine zuverlässige Altersvorsorge aussieht, die über die Jahrzehnte Bestand hat und nicht dem Börsenpoker zum Opfer fällt, das wird uns nicht gesagt.“ Vielmehr werde der Verbraucher damit allein gelassen. „Wir können das auch härter formulieren: Die Bundesregierung schiebt das Rentenversicherungsproblem in die private Verantwortung ab. Jetzt muss jeder selbst schauen, wie er zurechtkommt.“

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