Die Geister, die ich rief… ich werde die Meinung anderer nicht mehr los! – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Der Zauberlehrling“ ist ein literarisches Werk, das von Walt Disney einprägsam und beschaulich mit Micky Mouse als Protagonisten in Szene gesetzt wurde und daher etwas ist, was wir alle kennen. Über das wir herzlich lachen konnten.

Ähnlich lief das mit unserer demokratisch gewollten und staatlich repräsentierten Medienlandschaft, die ein Hugenbergsch‘es Machtinstrument der 30er verteufelte und doch selbst zu einem Moloch wurde, der seit den 90er Jahren zunehmend auch, was die TV- und radiotechnische Berichterstattung angeht, in privater Konkurrenz steht. Also das Alleinstellungsmerkmal der bildgewaltigen und wortreichen Informationsversorgung verloren hat.

Das war bei den Printmedien schon immer so, aber wo ein Bild, tausend Worte ersetzen kann und ein Film eine Aneinanderreihung vieler Bilder und Bildsequenzen ist, kann und möchte heute auch keiner so viel lesen, wie auch nur ein Bild aussagen kann.

Und was früher für Bilder kamen, unterlag dem staatlichen Medienmonopol in Bild und Ton. Eben bis die privaten Sender aufkamen.

Allein das war eine Zäsur an sich, mit der sich bis dato viele staatliche Medienfunktionäre schwertun. Wahrheit ungefiltert und nicht von staatlichen Stellen ausgesucht auf das Volk loszulassen. Da wären Manipulationen Tür und Tor geöffnet, heisst es. Nicht unbegründet, wenn man die 30er Jahre als Maßstab nimmt, oder die Kampagnen der BILD-Zeitung in den 60er-80ern betrachtet, deren Titelseite damals wie heute ein riesiges Bild und – bis auf die reißerische Schlagzeile – wenig Text zeigte.

Doch Befürworter sahen hier den Vorteil, dass Meinungsfreiheit auch Meinungsvielfalt braucht und die Informationsversorgung allein durch staatliche Medien letztlich wenig Informationsvielfalt bietet. Und es kostet nichts, denn die privaten Medien müssen sich – anders als die umlagefianzierten öffentlich-rechtlichen Medien – am Markt selbst finanzieren. Letzteres war als Einstiegshürde zu sehen und beruhigte die Monopolfreunde aller politischen Fraktionen.

Es ging schief. Zauberstab und –hut waren nun allen zugänglich und das grosse Zaubern begann. Tutti Frutti…und nach Mitternacht, passend zur Geisterstunde, dann auch ohne störende Restbekleidung…

Was regte man sich auf.

Dann kam die wirkliche mediale Revolution. Das Internet. Erst als Live-Instrument und Auslöser der nun möglichen Globalisierung via vernetzter Datenkommunikation aber auch als Informationspool zur schnellen und einfachen Recherche. Letztere dann auch durch Suchmaschinen so optimiert und vereinfacht, dass diese Suchmaschinen nun marktbeherrschend sind und als Datenkrake selbst zu dem wurden, was ein Herr Hugenberg immer gern gewesen wäre, aber nicht geschafft hat. Wo George Orwell mit „1984“ nicht weit genug dachte und Jewgenij Samjatin mit „WIR“ auch nicht richtig lag, obwohl das damals skizzierte schon bedrohlich genug war.

Der mündige Bürger, den man – wie auch immer geartet – jahrzehntelang bei der Hand genommen, geführt und bepuschelt hatte, war nun frei sich zu informieren wo und wann ER wollte! ER hatte nun den Zauberstab…

Und noch blöder. Er nutzte ihn. Legte eigene Homepages an und füllte sie mit Inhalten. Fand Spass an eigenen Blogs und kommunizierte Texte und Daten mit Lichtgeschwindigkeit über alle Grenzen, Vorstellungen und selbst gemachten Regularien hinweg. Selbst in den USA-Befehlsbunkern wurde es modern, die eigenen Angriffe via CNN und live im Internet mitzuverfolgen und zu bejubeln.

Weitere Visionäre moderner Kommunikation kamen an den Markt. Facebook. Eigentlich ein Gedanke, um mit anderen Ex-Studenten und Freunden in Kontakt zu bleiben und Inhalte aus dem Privatbereich zu tauschen, menschliche Teilhabe auf ein anderes rein technisches Niveau zu heben, begründete die Social Media, die jetzt allen Anschein nach selbst zur Datenkrake wurden. Willig und ständig selbst befüllt mit dem Content von Milliarden von Menschen, Unternehmen und Organisationen.

Schnell kamen Wirtschafts-, Medien- und Kontaktportale hinzu. Für jede Branche, für jedes Informationsbedürfnis und für jede Spielart und Denkrichtung.

Dann auch noch Mobil, hochverfügbar und so omnipräsent, dass unser Sozialverhalten sich gewandelt hat. Wir schauen uns nicht mehr um, wenn wir unterwegs sind. Wir schauen auf unser Handy. Nehmen nach Möglichkeit 24/7 am Stream teil… Dem Strom von Informationen, Neuigkeiten und interessanten Dingen, die nun nicht nur telefonisch, sondern auch via What’sApp, Social Media, Twitter, und zahlreichen anderen Kanälen parallel und ständig auf uns einprasseln. Von überall her, denn das www ist selbst am Rande dessen, wo Zivilisation existent ist, noch verfügbar.

Und von dort kommen Eindrücke, Impressionen, Erinnerungsfotos und –Videos, die genauso schnell geteilt und verbreitet werden, wie sie gemacht und verschickt wurden.

Der Spottsatz der 70er, dass „BILD zuerst mit dem Toten sprach“ ist so nicht mehr wahr. Es war der, der mit dem Handy daneben stand und das filmte. Inzwischen so verbreitet, dass der Gaffer mit dem Handy selbst zur Gefahr für andere wird.

Der Zauberlehrling ist entfesselt und fuchtelt wild mit dem Zauberstock herum.

Und das geht gar nicht und wird zur Gefahr für die, die in den Medien immer schon etwas sahen, was ihnen nützte: ein Machtinstrument!

Und wie jedes Instrument und Werkzeug erwartet man da auch eine Wirkung. Einen Nutzen. Und der geht da verloren, wo zu viele Köche am Topf stehen und rumrühren. Wo selbst die Rezeptur hinterfragt wird, was denn in den Kessel reinkommt und ob der Zaubertrank am Ende denn vegan ist. Oder die Zutaten so benannt sind, dass es politisch korrekt ist. Gern dann auch genderneutral. Und… Es ist schwieriger geworden, weil die Befindlichkeiten gestiegen sind.

Für die Politik und die Macher staatlicher Informationspolitik ist das gelinde gesagt unschön. Nicht nur, dass die Ansprüche an das Informationsangebot ständig differenzierter werden, der Informationskonsument – der verdammte Bürger – hinterfragt alles und sucht sich womöglich auch noch selbst zusätzliche Informationen. Oder kommentiert sogar das, was gesagt wird in eben diesen digitalen Netzwerken. Und das schneller, als so eine altmodische Pressekonferenz beendet werden kann.

Das Beruhigungsinstrument demokratischen Unwillens beim Wähler verpufft genauso, wie jede Medienkampagne von Konzernen zu welchem Thema auch immer. Der mündige Bürger macht das, was Voltaire und Rousseau von ihm erwartet haben, als sie die Aufklärung begründeten. Er gebraucht die eigene Vernunft!

Gern wird das von Politikern in Sonntagsreden gefordert und gelobt, soweit dieser Bürger dann bitte die Meinung der Politiker teilt. Natürlich kann man da nachhelfen, wenn die – nennen wir es weniger freien – Medien sich in Hofberichterstattung üben und all das, was jahrelang als opportun verkauft wurde, gebetsmühlenartig wiederholen, bebildern und ausstrahlen. Das ist schon allein daher erfolgreich, weil die Masse der Bürger, von Wohlstand und Sicherheit verwöhnt, etwas faul geworden sind und das nehmen, was sie immer schon bequem an Information konsumierten. Die Tagesschau bedankt sich täglich brav im Netz für X-Komma-Y Millionen Zuschauer. DANKE!

Aber das wird weniger. Jeden Tag. Weil viele Bürger inzwischen zunehmend Probleme haben, die gezeigte Realität von der erlebten Realität abzuweichen scheint. Und Gelegenheit schafft Diebe. Der Bürger sieht sich da um, wo es unbequem ist, aber Suchmaschinen helfen. Et voila: da gibt es auch andere Meinungen. Und was für eine Überraschung, sogar solche, die man selbst auch gewonnen hat. Andere, die auch Angst haben. Zweifel. Die das Dasein kritischer sehen. Sogar eigene Alternativen in alternativlosen Zeiten präsentieren. Und das Beste: es gibt da Kommentarfelder… Tip, tipptip, tip, tiptiptip…

Das so viel Freiheit auch Verantwortungsbewusstsein braucht ist klar. Manche schreiben sich ihre Wut von der Seele. Wieder andere werden dabei beleidigend und verlassen das, was als Anstand und Sitte elterlicherseits (hoffentlich) anerzogen wurde. Andere nutzen das Netz auch, um gegen Gesetzte zu verstoßen. Einige unabsichtlich, andere fahrlässig und wieder andere mit Vorsatz.

Das ein Staat das dann auch regulieren und ggf. bestrafen muss ist klar. Medienvertreter bejubeln das. Politiker auch. Und ein Netzdurchdringungsgesetz (NDG) war schnell zur Hand. Blöd nur, wenn das zuständige Ministerium den ersten gravierenden Verstoß gegen das NDG selbst begeht. So deutlich machte, dass Lug und Trug eben nicht durch Willkür Radikaler entsteht, sondern auch gern bewusst selbst genutzt wird.

So etwas lädt geradezu ein, wieder selbst nachzusondieren. Selbst zu suchen. Meinungen einzuholen. Sich auszutauschen…

„Lügenpresse“ ist inzwischen ein geflügeltes Wort. Das hören die modernen Nachfolger von Münchhausen nicht gerne, zumal sie sich in der Rolle auch nicht wiederfinden. Vielmehr sehen sie sich als Meister. Als der, der den Bürger befähigt und ihn bei seiner Recherche beflügelt und schützt. Als Vierte Macht im Staat. Als den Wächter der Bürgerinteressen.

Blöd nur, dass der Bürger sich selbst zunehmend als Wächter sieht, die Vierte Macht nicht braucht, weil der Bürger zur Fünften Kolonne wurde, der das System unterwandert, informationstechnisch verknüpft hat und sich live darüber auszutauschen vermag. In Wort, Bild und Videos… YouTube der größte Feind der „geregelten Wahrheit“, dafür aber teilbar.

Und was man umsonst bekommt, dafür braucht man auch nicht bezahlen. Und was man sieht, braucht man auch nicht zu lesen. Zumal ein Wort nie so anschaulich ist, wie ein Filmchen oder Videobeitrag.

Das lässt Auflage zumindest bei den Printmedien sinken, die aus Kostengründen Beiträge untereinander austauschen, was beim Bürger nicht als Objektivität wahrgenommen wird. Gleichschaltung ist ein böses Wort, kommt es doch aus der NS-Zeit und ist etwas besudelt. Und den parteigesteuerten und parteilich besetzten Presserat und diverse konformgehende Medienverbände als ein zersplittertes Reichspropagandaministerium zu sehen, ist genauso falsch, wie es zunehmend für viele einleuchtend zu sein scheint… zunehmend auch wird.

Der Zauberlehrling ist entfesselt und der Meister wird seiner nicht mehr Herr.

Die von offiziellen Medien als Toleranz der Bürger – gern auch als Mainstream bezeichnet – basierte auf zwei Annahmen, die als Summe das ausmachten, was eben als Toleranz angesehen wurde: Wohlstand und Sicherheit.

Ist beides gegeben, besteht für keinen Möchtegernzauberer (pardon: Bürger…) ein wirklicher Grund etwas zu tun. Es geht ihm gut. Es passiert ihm nichts. Das war allein schon geschichtlich gesehen stets ein Grund gar nichts zu tun.

Nimmt der Mensch aber nun Änderungen wahr, dann informiert er sich. Erst bequem. Dann, wenn sich etwas widerspricht, etwas vehementer. Gern dann auch mit Arbeit verbunden. Und wird die Differenz zwischen eigener Wahrnehmung und bereitgestellter Wahrheit immer größer, dann ärgert sich der Mensch. Dazu muss er nur ein vages Gefühl haben.

Doch wenn er merkt, dass er das nicht allein so sieht – dieses Drecksinternet stört da gewaltig alle wahren Zauberer! – dann wird er wieder kommunikativ. Erst verhalten, aus Angst aufzufallen, dem Mainstream zu widersprechen und sich so angreifbar zu machen. Der mündige Bürger ist zwar mündig, aber nicht blöd. Auch feige, aber das ist ein böses Wort. Nennen wir es mal vorsichtig…

Doch eben diese Vorsicht hat ihn auch bewegt sein bequemes Schneckenhaus zu verlassen, um mal vor der Tür nachzusehen, was da so an Zauber abgeht. Und das macht ihn zunehmend besorgt.

Besorgte Bürger haben da ein probantes Mittel, dass unsere Regierungsform bereitgestellt hat: eine Stimme bei der Wahl. Und die ist anonym. Das passt zur Feigheit optimal, wenn auch alte Gewohnheiten erst einmal überwunden werden wollen…

Natürlich neben der anonymen Wahl gewisse Medien einfach nicht mehr zu konsumieren. Auch das ist besorgniserregend, da Medienräte und Verbände parteiparitätisch besetzt werden. So eine dreistdämliche Parteienabsprache aus besseren – weil internetlosen – Zeiten. Und so droht auch hier Gefahr, die aber überschaubar ist.

Gefährlicher ist der nun zaubernde Normalbürger, der bisher immer bequem in der Ecke lag und vor sich hindöste. Der zaubert nun mit!

Und das ohne jede Einweisung in Zauberstab, Zauberhut und Zaubertrank. Manche von denen sehen sich als Journalist – bezeichnen sich aber als Blogger. Auch so eine zaubertechnische Neuheit illegitimer Art der bürgerlichen Teilhabe an dem, was mal als rein staatliche Informationsbereitstellung geregelt war und eben solchen Mist unmöglich machte. Sonst könnte das ja jeder machen. – Und plötzlich kann es tatsächlich jeder!

Im Mordfall Susanna jammerte der Staatsanwalt bei der Pressekonferenz in Viersen erst einmal ausgiebig darüber, dass da Feedback aus Bürgerreihen gekommen ist, das nicht immer freundlich war. Polizeiarbeit hinterfragte. Sogar zur Selbstjustiz aufrief oder zur Alternative anbot. Und er machte dann auch gleich die Absicht klar, das strafrechtlich zu verfolgen. Zur Erinnerung: Erst kommt Bürgerangst, dann Bürgerwut, dann Bürgerwehr und schließlich Bürgerjustiz. Ab wann das Revolution heisst, darüber kann gestritten werden. Nicht aber darüber, wenn an sich ängstliche und auch feige Bürger der Polizei (!!) DIREKT sagen, wie sie zu etwas stehen, was so im Rechtsstaat nicht als Lösung vorgesehen ist und war.

Hier wäre jetzt mal eine Schweigeminute angebracht und tiefgehendes Nachdenken zwingend erforderlich.

1776 in Amerika und 1789 in Frankreich schickte man Truppen auf die Strasse. 1848/49 europaweit. 1917 Kosaken im Zarenreich. Und 1989 alles, was loyal aussah… aber nicht mehr war.

In Deutschland hat der Bürger – auch wenn er träge ist – ein gutes Gespür dafür, wann staatliche Ordnungspolitik im Informationsfluss eher staatlich als informativ ist. Oder gar neutral. Und wenn es dem zaubernden Bürger, wie lehrlingshaft auch immer, reicht, weil seine Sicherheit und/oder sein Wohlergehen bedroht sind, dann passiert etwas.

Das Internet hat einen Wandel herbeigeführt, der stetig voranschreitet und gewisse Funktionäre geistig vollkommen abgehängt hat. Das allein zeigte die Befragung vom Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vor den US- und EU-Ausschüssen nach diversen Datenskandalen zur Wahlmanipulation.

Der Bürger aber nutzt diese Medien, um befreit mitzaubern zu können. Jeden Tag. Immer und überall.

Und die Frage, „Wer bewacht die Wächter“, sinngebend für die sog. Vierte Macht im Staat, stellt sich nun nicht mehr. Der Bürger fängt endlich an die Wächter zu bewachen und sich das zurückzuholen, was da mal Demokratie und Staat hieß.

Und das ist alternativlos, gut so und etwas, das wir wirklich schaffen müssen!

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Bild: aurora-finalis Yusuf Simsek

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