Die Macht der Gewohnheit – gewöhnen wir uns an „Neue Werte“. – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

„Richter nach Urteilsverkündung von Familie des Opfers gelyncht“, Mob stürmt Stadtrat“ oder „Täter an Ort und Stelle getötet – wieder kein Zeuge“ könnten auch zur Gewohnheit werden. An Schlagzeilen, an die wir uns gewöhnen, weil sie zunehmend oft zu lesen wären. Jetzt wäre der linke Aufschrei groß. Allein diese drei fiktiven möglichen Schlagzeilen schaffen ein unwohliges Bauchgefühl. Beim Establishment. Gerade bei denen, die glauben, dass bisher doch (noch) alles OK ist. Und alles andere „gar nicht geht“. Alternativlos ist… Andererseits planen diese Denker auch einen Graben um den Reichstag in Berlin herum. Zehn Meter breit und zweieinhalb Meter tief. Untertunnelt. Als einziger Zugang für Besucher…

Unverständlich ist aber, dass eben diese Leute gar nichts sagen bzw. noch nicht mal mehr zucken wenn Schlagzeilen wie „IS-Hintergrund zu Anschlägen auf XY“, „Mädchen von X Unbekannten vergewaltigt“ und „Polizei gibt Park G auf“ zu lesen sind. Oder wie jetzt, dass Freibad R alle paar Tage wieder geräumt werden müssen. Oder Frauen und Kinder vor Züge gestoßen werden. Das mag daran liegen, dass wirklich unschöne Bilder der Zensur anheimfallen. Oder zum Schutz der Öffentlichkeit. Und auch zum Schutz des eigenen Seelenheils?

Letztlich ist es egal, denn wenn das die Neuen Werte sind, dann spielt es sowieso keine Rolle mehr, was noch kommt. Warum also erwähnen, dass die rivalisierenden Clans in Berlin vor der Ermordung von Gegnern diese kastrieren? Warum so unschöne Details publizieren wie das, was so alles in ein paar Stunden mit Frauen gemacht wird? Und was in Gotteshäusern unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit gepredigt wird? Momentan erleben wir eine beispiellose Verleumdungskampagne eines östlichen Staates, der in die Diktatur abgleitet. Er hetzt via Satelliten-TV, Twitter und Zwangsbesuch seine ausgewanderten Landsleute auf, für ihn zu stimmen. Tritt unsere Souveränität mit Füssen. Täuscht unsere Behörden und Ämter nur damit Kabinettsmitglieder dieses Landes weiter öffentlich hetzen – informieren – können. In Moscheen, die zum großen Teil einem Verein gehören, der vom Religionsministerium eben dieses Landes finanziert werden, wird Hetze und Propaganda ungefiltert verbreitet und die Gläubigen zur Spitzelei angeregt. Wie dann auch auf Elternabenden in Konsulaten… Die Hüter Neuer Werte sagen nichts dazu. „Zurückhaltung“ ist das Motto der Stunde und die Strategie der Wahl. Allen voran Angela Merkel, die gern alles aussitzt um endlich, wenn andere gehandelt haben, das als ihren Erfolg auszugeben. Alternativlos sei das – so hört man. Feige hat man das früher genannt. Alternativlos ist dann wohl auch die Zunahme von Anschlägen, Anschlagwarnungen, Übergriffen und Gewalttaten, an die wir uns momentan so gut gewöhnt haben. Dass diese jetzt in der Türkei, schlagartig zunehmen, fällt hier keinem auf. Absage einer Veranstaltung – Bombendrohung im Rathaus. Absage einer Ministerrede in Essen – IS-Attentatsversuch im Einkaufszentrum. Ausweisung einer Ministerin in Holland – mehrere hundert Demonstranten greifen die Polizei an. Normal? Benimmt man sich so als Gast im Ausland? Inzwischen sind auch Hochzeitskorsos sehr beliebt. Nicht die, die wir hupender Weise durch die Straßen fahren sehen, es selbst auch schon so gemacht haben, sondern solche, die Autobahnen blockieren und dadurch Menschen gefährden. Oder solche, aus denen geschossen wird… Wie es scheint setzt Multikulti nicht nur kulturelle Vielfalt voraus, sondern auch ein neues besseres Wertesystem, dass solche Meldungen und die damit einhergehende Veränderung unserer Sicherheitslandschaft so mit sich bringt. Das Wort Integration ist schon lange umdefiniert und wenn etwas integriert wurde, dann neue Sicherheitsaspekte, Ängste und Gefahren.

Im Karneval waren Polizeikostüme nie im Trend, waren aber überall (zu) oft zu sehen. Es gab da eine Zeit, da stand alle zweihundert Meter mal ein Polizist ohne Mütze, der mit Lippenstift „maskiert“, weil abgeknutscht worden war. Heute muss eine Närrin da schon einen Klimmzug an der Maschinenpistole machen, um das zu schaffen; muss dafür aber nicht mehr allzu weit gehen, da Polizisten nun alle paar Meter in Gruppen stehen. Ein Narr, der dabei böses denkt… er hat nur ein falsches, weil altes, Wertesystem. Sankt-Martin-Umzüge sind Lichterfeste, Weihnachtsmärkte sind Jahresendmärkte und ein Weihnachtsengel wird vermutlich bald wieder „Jahresendeabschlussfigur“ heißen, wie in der DDR. Werte verändern sich halt. Damit auch gewisse Bezeichnungen, an die sich ältere Mitbürger gewöhnt haben.

Dass schöne Veranstaltungen nun zunehmend deshalb schön werden, weil nichts passiert ist und alle überlebt haben, ist auch so ein „Neuer Wert“. Wenn Veranstaltungen nun mit neudeutschen Roadblocks („Merkellegos“), hunderten Polizisten und privaten Sicherheitskräften wie ein Hochsicherheitstrakt abgeriegelt werden, Taschenkontrollen nötig sind und jeder sich immer über die Schulter schaut, ob nicht doch jemand Messer und Gabel an der Imbissbude zweckentfremdet, ist das die neue kulturelle Vielfalt, die einen Wert an sich darstellt. Und das ist nun normaler Alltag. Wertvoll und nutzbringend.

Dass zunehmend ältere Menschen Opfer von heimtückischen und hinterhältigen Angriffen werden, so hätte man das noch vor ein paar Jahren genannt, ist inzwischen kaum noch Schlagzeilen wert. 70-, 80- und gar 90jährige werden fast täglich und beiläufig abkassiert. Eine neunzigjährige Seniorin sogar vergewaltigt und dann beraubt. Dieser neue Wert des Zusammenlebens greift um sich, kann aber mit einer eilfertigen Jubelmeldung aus den Innenministerien statistisch geglättet werden. Dass diese Meldungen im Ausland eher in deren Presse, zum Beispiel der „Neuen Zürcher Zeitung“,  erwähnt werden als in unserer, ist ein weiterer Neuer Wert, der von Pressefreiheit gestützt, gern solche Ereignisse komplett ausblendet, marginalisiert oder bewusst unterdrückt. Es kann nicht sein was nicht sein darf – und schon gar nicht so oft!

Diese „Neuen Werte“ machen natürlich nachdenklich. Vor allem dann, wenn jemand das Podium betritt, um dem etwas verunsicherten Volk zu erklären, dass „unsere Werte“ verbindlich(!) sind. Tja, denkt man, was für Werte denn nun und wie verbindlich??? Wenn sich etwas als verbindlich darzustellen scheint, dann der Umstand, dass hier jeder tun und lassen kann was er/sie will, solange er das verordnete „Wohlfühlklima“ im Ländle nicht stört. So ist es OK, dass Imame ihre Gemeinde zu Spitzeldiensten aufrufen, Unfrieden stiften und mögliche Oppositionelle denunzieren (in bester Stasi- und Gestapo-Manier). Nicht OK ist, jetzt zu fordern diese Imame zu bestrafen und eben diesen Moscheenverband (nein: das war kein Einzelfall), zu verbieten. Das widerspricht den Neuen Werten. Dass diese Neuen Werte zunehmend unsere Nachbarn befremden mag damit zusammenhängen, dass die eben nicht so multikulti sind wie wir, nicht ganz so vergesslich hinsichtlich alter Werte und darüber hinaus vielleicht auch ein paar Politiker haben, die eben näher am Wähler stehen. Es könnte aber auch sein, dass fehlende (Außen-)Grenzen im EU-Raum zu einer gewissen Unsicherheit führen, wohin denn all die gehen, die diese Vielfalt weitertragen wollen. Madrid, London, Paris, Nizza und andere Städte sind da Beispiele wo zu viel „Neue Werte“ auf einmal eben doch zuviel war. Berlin auch. Aber Berlin ist eine deutsche Stadt, sogar die Hauptstadt, und da muss man Vorreiter in Sachen „Neuer Werte“ sein. Es gibt zwar keine no-go-Areas (neudeutsch), aber halt Parkanlagen, Plätze und Straßenzüge, wo „Neue Werte“ wesentlich offener gelebt werden. Wo das 68er-Ideal vom polizeilosen Staat der damaligen anarchistischen Utopie doch schon recht nahe kommt.

Der bisweilen etwas nörgelnde Wutbürger bedarf hier der Zusprache und Hilfe. Daher werden dann auch gerne von Bund und Ländern Zigmillionen in Werbekampagnen gegen rechts investiert, die sich eine Partei gar nicht leisten könnte, wenn sie gegen unliebsame politische Opposition im Wahlkampf zu Felde zieht. Auch das ist ein „Neuer Wert“ an sich.

Nur werden im demographischen Wandel die Menschen älter. Jeder, wird jeden Tag, jede Stunde, Minute und Sekunde älter. Und der ein oder andere Skeptiker wird sich fragen, was in zehn Jahren ist. Wenn er/sie dann alt ist. So alt wie das 90jährige Vergewaltigungsopfer, der 80jährige in Düsseldorf, der hinterrücks niedergeschlagen wurde, oder all die 70- und 60jährigen die täglich und immer öfters Opfer von Gewalttaten werden.

Ältere Menschen haben häufiger Angst, eben weil sie nicht mehr so fit sind. Gebrechlich geworden durch Arbeit an und für ein Land, das jetzt „Neue Werte“ propagiert, die so von vielen nicht geteilt werden. Und daher werden sie ihre Stimme erheben. Vielleicht nicht allzu laut – denn das widerspricht den Neuen Werten – sondern da, wo es etwas bewirkt. An der Urne. In einer Kindershow hieß es einmal: „Ob du Recht hast oder nicht, sagt dir gleich das Licht!“ Es steht zu befürchten, dass eben dieses Licht für viele ausgehen wird. 2019 wird europaweit gewählt. Auch in Deutschland. Aber auch in Holland und Frankreich. Und jede Wahl, die verloren geht beflügelt die Nächsten. Und wenn deutlich wird, dass man als Liebhaber alter Werte nicht allein ist, könnte der Pinguin-Effekt einsetzen. Der lässt dann gewissen Anhängern „Neuer Werte“ ein Licht aufgehen, das Hillary Clinton auchschon gesehen hat. Urplötzlich und unerwartet, dafür aber deutlich. So deutlich, dass sie die ganze Nacht im Hotel geschmollt hat… Soll oder kann man sich vorstellen, dass Millionen Menschen, die hier immer älter werden, ihre Sicherheit, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben im Alter darauf verwetten, dass diese schon jetzt sichtbaren Folgen der Neuen Werte schnell besser werden? Siebzig Jahre europäische Einigung, Dekaden von sozialem Frieden und eine vorher nie gekannte Freiheit in Wohlstand haben dazu geführt, dass all das, was Grundlage dessen war, was wir heute haben, gefährdet ist durch Werte, die nicht neu sind, aber in Summe dem zuwiderlaufen, was unser aller Leben bisher lebenswert gemacht hat. Nichts, gar nichts von all dem, was man hier sieht wenn man sich umschaut, ist vom Himmel gefallen. Für alles wurde gearbeitet, gerungen und gekämpft. Aber die Neuen Werte suggerieren, dass man all das wegwerfen kann, da sie „alternativlos“ sind.

Ich persönlich mag die alten Werte. Sie sind nicht alternativlos, aber grundlegend für das, was neu dazukommen kann, muss und auch sollte. Wenn mich das in den Augen der Neuen-Werte-Gemeine zum Rechten, zum Nazi und Faschisten macht, wie neuerdings auch die Holländer(!!!) von anderen „Staatsmännern“ zu Nachfahren von Nazis erhoben wurden, dann bin ich nun Holländer oder war schon immer Nazi. Oder Italiener, was die Souveränität eines Landes betrifft. Ich habe keine Kinder und auch keine Enkel. Folglich ist der Gedanke daran, was ich meinem Enkel sage, wenn er mich fragt, was ich denn tat, als die „Neuen Werte“ alles verändert haben, über das ich ihm doch so gern und oft erzähle, eigentlich fremd. Doch mein Bauchgefühl sagt mir, dass da eine Antwort besser nicht kommen sollte: NICHTS mein Kind! Ich glaube, bei allen „Neuen Werten“ an die wir uns weiter nett gewöhnen; das würde mein Enkel nicht verstehen…

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Schau hin“ http://simsek.ch/

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