Ernährung und Tierwohl – geht das zusammen?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat im Mai 2018 die Kernelemente der geplanten staatlichen Tierwohl-Kennzeichnung vorgestellt. BZ-Nachrichten befragt dazu den Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von PETA Deutschland e.V. – ein Partner des Bundesverband Initiative 50Plus (BVI50Plus) -, Dr. sc. agr. Edmund Haferbeck.

Was verbirgt sich eigentlich hinter der „Initiative Tierwohl“?

Bundesministerin Julia Klöckner kündigt ein staatliches Tierwohl-Label an

Seit Jahren geht das Bundeslandwirtschaftsministerium mit dieser Initiative hausieren, ohne jemals etwas Konkretes vorgelegt zu haben. Dies fing unter dem Minister Christian Schmidt (CSU) an und hört bei Ministerin Klöckner (CDU) nicht auf. Der Begriff wird inflationär vom agrarindustriellen Komplex der tierproduzierenden Branchen verwandt, um die Öffentlichkeit zu beruhigen und wieder keine verbindlichen gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, die unsäglichen Auswüchse in der Massentierhaltungsindustrie zu verbieten. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung plagiatiert, denn die wahre „Initiative Tierwohl“ ist schon vor über 5 Jahren konkret entstanden, nämlich vom Lebensmitteleinzelhandel.

Das scheint in der Öffentlichkeit ja überhaupt nicht bekannt zu sein. Es gibt also zwei „Initiativen“ völlig unabhängig voneinander?

Ja, so kann man es auf den Punkt bringen, mit dem Unterschied, dass die „Initiative Tierwohl“, so auch überschrieben in den PETA vorliegenden Power-Point-Präsentationen aus 2013, des Lebensmitteleinzelhandels und eines Teils der Schweine- und Geflügelproduzenten bereits konkret läuft, während die Plagiats-Initiative des Bundeslandwirtschaftsministerium bisher nur ein Potemkinsches Dorf ist – mit nichts dahinter. In Dänemark wurde übrigens 2017 ein solches staatliches Tierwohllabel verbindlich eingeführt.

Was beinhaltet denn die bereits laufende „Initiative Tierwohl“ der Wirtschaft im Groben?

Die meisten großen Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) wie REWE, Lidl, Kaufland, Aldi oder Edeka, anfangs auch Metro-Real haben einen Fonds aufgelegt, der über einen Zeitraum von mehreren Jahren ein Volumen von ca. 250 Millionen Euro aufweist, aus dem sich beteiligende Landwirte alimentiert werden für allerdings nur marginalste Verbesserungen in den Massentierhaltungsbeständen. 4 Cent/Kilo Fleisch werden gezahlt, es wird aufgestockt auf 6,25 Cent. Es sollen gut 4000 Schweinehaltungsbetriebe und knapp 2000 Geflügelmäster mit diesem Fonds erreicht werden. Bedingung: Die Tierhalter müssen u.a. 10 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben für die Tiere schaffen und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Der Konsument selbst kann dieses Fleisch aber nicht erkennen, da es nicht extra gekennzeichnet oder gelabelt ist. Die Firmen Norma, Bünting oder Tegut haben sich allerdings von vorne herein nicht an diesem System beteiligt.

Ist denn das kontrollierbar oder ist dies auch eher Augenwischerei?

Der Grundansatz, Fleisch auf breiter Fläche, also generell, zu verteuern, ist zunächst einmal richtig. Fleisch und überhaupt tierische Produkte sind viel zu billig, werden auf Kosten von Umwelt, Klima, Menschen und Tieren produziert, auch von solchen Menschen, die sich vegetarisch/vegan ernähren und sind steuerlich sogar noch begünstigt (7 statt 19%). Doch sind 4 oder 6,25 Cent/Kilo Fleisch, sprichwörtlich, Peanuts, es müssten mehrere Euro/Kilo sein.

PETA-Wissenschaftler Edmund Haferbeck fordert ein Umdenken der Agrar-Industrie

Kontrolliert werden soll die Einhaltung der Haltungsbedingungen von einem extra hierfür gegründeten Unternehmens, welches dem bereits bekannten Kontrollsystem QS (Qualität und Sicherheit, Bonn) angegliedert ist. Doch sind diese Kontrollen Makulatur bei einer Branche, die vom und für den alltäglichen Rechtsbruch lebt, denn die nicht tier- und artgerechte Haltung ist nicht möglich und beherbergt systemimmanente Defizite wie ständige Tierquälereien. 2017 hat PETA Undercover-Aufnahmen aus zwei Handvoll „Tierwohl“-Ställe veröffentlicht und es boten sich, wie in der konventionellen Massentierhaltung üblich, dieselben Bilder wie sie immer wieder seit Jahren veröffentlicht werden: verdreckte Ställe, verletzte, kranke und schmutzige Tiere und vieles mehr – von Tierwohl-Kriterien war so gut wie nichts zu sehen.

Der SPIEGEL selbst sprach von „eine der größten PR-Lügen“ der „Initiative Tierwohl“ der Wirtschaft und sogar die WELT, völlig unverdächtig der Kritik gegenüber Wirtschaftssystemen, kommentierte den bislang erreichten Ansatz der Initiative Ende 2017 mit „Tierschutz in Trippelschritten.“

Nur nebenbei sei erwähnt, dass andere Labelsysteme für mehr Tierwohl, trotz jahrelanger Existenz, nicht aus ihrer Nischenexistenz herauskommen werden (Fairmast von Vier Pfoten, Neuland vom Deutschen Tierschutzbund). Das Labeling von tierischen Produktionssystemen ist und bleibt eine Sackgasse, noch haben wir Zeit, dies zu erkennen und umzusteuern.

Können diese Initiativen überhaupt eine Hoffnung für die tierproduzierende Landwirtschaft sein oder ist dies alles nur Blendwerk einer verwerflichen Industrie?

Diese Tierwohl-Initiativen sollen dazu dienen, das System der heutigen Fleischproduktion nicht gänzlich in Frage zu stellen, sondern es zu erhalten. Der Verbraucher soll dahingehend beruhigt werden, indem ihm vorgegaukelt wird, dass die Branche und der Gesetzgeber ja etwas für den Tierschutz tun würde. Es sind nicht nur Tierrechtsorganisationen wie PETA, die dieses unser aller Lebensgrundlagen weltweit zerstörende System der exzessiven und durchweg tierquälerischen Tierproduktion kritisieren und dringend anmahnen, es einzustellen, wenigstens zu modifizieren, es ist sogar der Sachverständigenrat des Bundeslandwirtschaftsministeriums, welcher diese Art der Tierproduktion schon 2015 in einem über 400-seitigen Gutachten als nicht zukunftsorientiert beurteilt hat. Das Bundeslandwirtschaftsministerium ist jedoch seit Jahrzehnten, egal, welcher Minister da gerade sitzt (Klöckner, Schmidt, Seehofer, Funke usw), die Speerspitze einer agrarindustriellen Tierproduktion, welche die Lebensgrundlagen zerstört – völlig unabhängig von den gesundheitlichen Schäden einer fleischlastigen Kost und der systemimmanenten Tierquälerei. Der Sachverständigenrat hat seine Expertise erst kürzlich erneut bestätigt.

Die Landwirtschaft macht aber gerade doch die Auflagen auch in tierschutzrechtlicher Hinsicht dafür verantwortlich, dass immer mehr Betriebe aufgeben müssen, weil die Landwirte die Investitionen nicht mehr stemmen könnten. Ist der Tierschutz ein Höfe- und Arbeitsplatzvernichter?

Wegen tierschutzrechtlicher Auflagen, die ohnehin mehr als dünn und eines zivilisierten Gesellschaftssystems unwürdig sind, hat noch kein Tierhaltungsbetrieb aufgeben müssen, außer, die Tierquälereien waren so heftig, dass sogar die mit diesen Landwirten meist verbandelten, kontrollmüden Amtsveterinäre nicht mehr anders konnten als beispielsweise den Tierbestand zu beschlagnahmen.

Diese Behauptungen werden wider besseren Wissens von einer verwerflichen Branche und deren Standesorganisationen verbreitet. 

Als Agrarwissenschaftler lernt man als erstes, dass in der Landwirtschaft das Prinzip „Wachse oder weiche!“ gilt – unverbrüchlich. In den letzten Jahrzehnten sind ca. 10.000-15.000 Betriebe pro Jahr aufgegeben worden, derzeit sind es im Schnitt 9.000/Jahr. Ursache u.a.: Die Ausrichtung auf großbäuerliche Strukturen und die extreme exportorientiertheit der Landwirtschaft in einem der hochpreisigsten Länder der Welt, Deutschland. Deutschland versorgt ärmere Länder wie Russland, den Ostblock, Afrika etc. mit Fleischprodukten. Hier geht nur „hocheffizient“ und „billig“, da können viele kleinere und mittlere Betriebe nicht mehr mithalten, denn natürlich gehen die Niedrigstpreise zu Lasten des Tier- und des Menschenwohls. Auf die Frage der ZEIT im April 2018, dass ja im aktuellen Koalitionsvertrag das Ziel verankert ist, Deutschland solle beim Tierschutz eine Spitzenposition einnehmen, antwortet Prof. Albert Sundrum von der Uni Kassel, Mitglied gerade des Sachverständigenrates beim Bundeslandwirtschaftsministerium, welcher wiederholt dazu anmahnt, von dieser Art der Tierproduktion wegzukommen: „Das ist ausgeschlossen, solange die Bundesregierung an ihrer Exportstrategie und an einem Wettbewerb über Niedrigpreisproduktion festhält. Dazu müsste man das System von Grund auf ändern. Derzeit spielt der Tierschutz trotz gegenteiliger Bekundungen bei der Produktion unserer Lebensmittel schlicht keine maßgebliche Rolle.“

„Derzeit“ darf man durchaus für die letzten Jahrzehnte verstanden wissen.

Welchen Ausweg sieht PETA in dieser Situation?

Nicht nur PETA, sondern viele andere Wissenschaftsorganisationen und offizielle staatliche Institutionen mahnen an, den Weg der pflanzenbasierten Lebensmittelproduktion zu beschreiten, zumal die Bandbreite pflanzlicher Lebensmittel mittlerweile auf allen Ebenen (Supermarkt, Discounter, Fachgeschäfte, Gastronomie) derart breit ist, dass es überhaupt keiner Anstrengung mehr bedarf, sich ohne tierische Produkte zu ernähren.

Wenn über 70% der Getreide- und über 90% der Sojaernte für die Fütterung der sog. Nutztiere draufgeht und über 15.000 Liter reinen Trinkwassers für ein Kilo Rindfleisch verwandt werden muss, neben den großflächigen Rodungen der Regenwälder, um diese Massen für die größte Verschwendung von Ressourcen, die die Welt kennt, anbauen zu können, dann braucht man als vernunftbegabter Mensch kein Einstein zu sein, der schon vor 60 Jahren sagte: „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung.“

Heute würde Einstein das Adjektiv „vegetarisch“ durch „vegan“ ersetzen.

Kommentar hinterlassen zu "Ernährung und Tierwohl – geht das zusammen?"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: