Fleißige Menschen braucht unser Land! Ein Gespräch mit Renate Zott in BZ-Nachrichten

Wir haben nicht nur einen massiven Fachkräftemangel, es fehlt uns auch an Menschen, die einfach anpacken. Darja ist so jemand. Sie kam nach Deutschland, um zu arbeiten….
… seit 2006 lebt sie zusammen mit Sohn und Katze in Offenbach und ist mittlerweile Deutschland-Fan durch und durch.

„Renate“, sagt sie ernst zu mir: „Hast du schon mal in einem anderen Land gelebt und gearbeitet? Du hast keine Ahnung wie gut es euch hier geht. Wirklich nicht. Alles ist so sozial, die Wirtschaft funktioniert. Du kannst arbeiten, dein Geld verdienen und ganz normal leben. Das ist doch toll! Und was willst du mehr?! Ich bin total zufrieden!“

Darja ist 54, genauer gesagt 1964 in der Ukraine – damals noch zur UDSSR gehörig – geboren. Also 50Plus, so wie ich. Eine kaufmännische Ausbildung hat sie dort gemacht und im Marketing und später als Chefsekretärin in einem landwirtschaftlichen Institut gearbeitet.

Nachdem ihr Sohn in die Schule gekommen war, fiel der Lohn immer wieder aus; der Arbeitgeber konnte nicht zahlen. Schlimm war das, sagt sie. Es fehlte an allem. Auch Essen und Trinken. Schön angezogen hätte sie ihn auch gerne, aber das ging nicht.

Als der Arbeitgeber ihr vor der eigenen Pleite dann noch den Lohn für das zurückliegende ½ Jahr auszahlt, war das Geld nichts mehr wert. Daran will sie nicht mehr denken! Frustriert suchte sie im 70 km benachbarten Polen nach Arbeit. Pflegekraft war sie dort und Erdbeerpflückerin. Hart waren die Arbeitsbedingungen und der Lohn kaum ausreichend. Eine Saison hat sie es ausgehalten und kehrte enthoffnet zurück.

„Zum Glück“ sagt sie, habe sie auf ihre Cousine gehört, reiste zusammen mit ihrem Sohn aus und schlug ihre Zelte in Deutschland auf. Arbeit fand sie schnell und sagt: „Wenn du arbeiten willst, dann findest du ganz schnell welche. Aber die meisten, die kommen, wollen nicht.“ Neben Putzstellen und Kellnerjobs lernt sie deutsch. Unglaublich fleißig ist sie; auch leise. Darja denkt lieber, als dass sie redet. Überlegt und geduldig organisiert sie sich ihr Leben im Stillen und entwickelt sich weiter. Und so kommt sie auch raus aus den Minijobs. Bereits seit 2 Jahren arbeitet sie fest angestellt in einem Pflegeheim für Obdachlose, meist Alkoholiker oder Ex-Junkies. „Nur Kaputte und Kranke sind da“, sagt sie. Es sind jene, die am Rand der Gesellschaft stehen und den Anschluss verpasst haben. Es sind auch jene, die im öffentlichen Kontext wenig Licht bekommen. In diesem Haus finden Sie einen Lichtblick. Sehr unkonventionell und unbürokratisch. Die Schwester einer Ordensgemeinschaft, die das Haus leitet, würde gerne mehr bedürftigen Menschen helfen, aber das Geld für den Ausbau fehlt. Hier arbeitet Darja.

Sie putzt und wäscht und gibt Essen aus, für die, die vom Weg abgekommen sind. Viele sind ‚harmlos‘, manche aggressiv. „Ich habe mich schon im Schrank versteckt, weil ich solche Angst hatte“, sagt sie mir. Unter ‚harmlos‘ versteht sie jene Bewohner, die nur einen Tick haben, wie z. B. eine Frau, die pausenlos Schirme klaut und in ihrem kleinen Zimmer hortet. Renate: „es müssen an die 200 gewesen sein, die wir entsorgt haben. Andere sammeln Bücher oder liegen einfach nur rum.“ Schlimm sind für sie nur die Aggressiven. Sie sagt: „Ein falsches Wort reicht aus, um sie zu entzünden. Dann schlagen sie um sich.“ Und ergänzt leise: „Na, die nehmen ihre Tabletten halt nicht.“

Jeder der hier ist, kämpft auf seine Weise mit den Folgen eines Lebens geprägt von Straße und Sucht und Darja hilft Ihnen, dieses Leben in Würde und menschlicher Begleitung zu führen. Bis zum Schluss.

Darja ist zufrieden. Mit ihrem Leben. Mit ihrer Arbeit. Und ich habe größten Respekt. Vor ihrer Kraft, ihrem Mut, ihrer Ausdauer. Ich könnte es nicht ertragen.

Übrigens: Auf die Stellenausschreibung hatte sich über Monate niemand beworben. Soviel dazu.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

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