Gleis 7. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Frankfurt, 29. Juli 2019:

Er lässt mich nicht los, der unfassbare Mord an dem 8jährigen Jungen am Hauptbahnhof in Frankfurt. Zusammen mit der Mutter von einem 40Jährigen vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Sie kann sich retten; der Sohn stirbt vor ihren Augen. Eine weitere Person stürzt beim Angriff und entkommt so dem Gleisbett und dem Tod. Die Anteilnahme steigt, immer mehr Menschen legen Blumen an Gleis 7 nieder. Bekunden ihr Entsetzen, ihre Trauer, ihre Wut.

Wächtersbach, 24.07.2019:

In der beschaulichen Kleinstadt im Main-Kinzig-Kreis setzt sich an diesem warmen Julivormittag ein Mann ins Auto, um einen Menschen zu erschießen. Eine Kugel trifft den 26jährigen in den Bauch. Das Opfer überlebt schwer verletzt, der Täter erschießt sich nach der Tat.

Voerde, 20. Juli 2019:

In der niederrheinischen Stadt stößt ein 28-jähriger Mann eine 34-jährige Frau vor eine einfahrende Regionalbahn. Sie stirbt an ihren Verletzungen.

Istha, 02. Juni 2019:

Regierungspräsident Walter Lübcke wird auf der Veranda seines Wohnhauses durch einen Kopfschuss hingerichtet.

2 Monate, 4 Gräueltaten und es sind nicht die einzigen. Furchtbare Einzelfälle oder leben immer mehr Monster unter uns? Selbst wenn die Kriminalstatistiker anderes sagen, gefühlt nimmt Gewalt zu. In ihrer Hemmungslosigkeit, ihrem Ausmaß, der Brutalität, Eiseskälte und Entsetzlichkeit. Auf offener Straße, am helllichten Tag. Gesellschaft, Politik und Presse ziehen ihre Schlüsse, urteilen, geben sich betroffen. Fragen kommen auf: Woran leiden die Täter?

Sind Morde ungleich schlimm?

Zurück zu den Taten: ganz bewusst habe ich die Nationalitäten der Täter und Opfer weggelassen und die kurze Schilderung auf das reduziert, worüber scheinbar niemand spricht. Nämlich dass Menschen grausam zu Tode kommen. Scheinbar ist es nicht mehr möglich, sich davon zu lösen, woher ein Täter stammt. Scheinbar gibt es jetzt Morde, die „schlimmer“ oder „weniger schlimm“ sind. So jedenfalls nehme ich die öffentliche Einschätzung wahr. Die Richtung ist klar und wird auch so formuliert: es sind „die falschen“ Leute ins Land gekommen. Die Willkommenspolitik von Frau Merkel hat sie eingeladen, die Mörder, Drogenhändler und Vergewaltiger. Viele Menschen denken so.

Vor ein paar Monaten haben wir den 70. Geburtstag unseres Grundgesetzes gefeiert. Stolze und bewegende Worte fielen über das Werk, das in unserem Land den gesellschaftlichen und politischen Rahmen des Zusammenlebens setzt. In Artikel 3 heißt es u.a.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft,

seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden….

Ist es also im Sinne unserer Verfassung, Verbrechen an oder von Ausländern anders zu „behandeln“? Wie >gleich< sind tatsächlich Taten, Täter und Opfer im öffentlichen Diskurs? Unabhängig von Hautfarbe oder Nationalität ist jedes Opfer, das wir zu beklagen haben, eines zu viel.

Der Vier-Wochen-Effekt

Bahnhöfe sind ein gefährliches Pflaster, das weiß man. Nun gibt es eine neue Gefahr. Eine vor der man sich nicht wirklich schützen kann, wenn man an den Alptraum in Frankfurt oder Voerde denkt. Natürlich löst das Ängste aus. Auch ich habe sofort gedacht: ich hätte dort stehen können. Zur falschen Zeit am falschen Ort und dann löscht einer dein Leben völlig sinnlos aus. Reißt deine Familie in endlosen Schmerz und Leid, das niemals vergehen kann. Und wie kann nun die Familie, die Mutter – vor deren Augen ihr Sohn, dem sie nicht helfen konnte, grausam zu Tode gekommen ist – überhaupt weitermachen; weiterleben? Wenn das Leben eines kleinen Kindes so sinnlos ausgelöscht wird, dann macht das emotional in besonderer Weise betroffen. Macht ohnmächtig, so schlimm ist das. Und mehr noch: es erschüttert das Selbstverständnis, wie wir miteinander leben. Was wir zu erwarten haben, wenn wir uns in öffentlichen Räumen aufhalten. Ob Weihnachtsmarkt, Konzert oder Bahnhof – nirgendwo kannst du sicher sein, dass keine „Bombe“ platzt. Das ist schrecklich. Trotzdem verlieren die Taten ihre Intensität genauso wie das mediale Interesse abflaut. Irgendwann tritt an die Stelle der Ängste und Unsicherheiten wieder Normalität. Menschen vergessen und werden irgendwann nicht mehr darüber nachdenken, wie sie am Bahnsteig stehen. So aufgewühlt wir im Moment auch sein mögen, früher oder später kehren wir zum Gewohnten zurück.

Nur für die Opfer gibt es kein Zurück. Sie werden leiden. So lange sie leben.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

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