„Glückliche Väter arbeiten. Glückliche Frauen bleiben zu Haus“(?!) – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

ICH DACHTE, FRAUEN WOLLEN GLEICHSTELLUNG!

Also endlich raus aus den Schubladen der Schlechterstellung in Job und Familie & ein eigenes auskömmliches Dasein im Rentenalter. Adieu dem Mann als Versorger – willkommen in der ersehnten Unabhängigkeit. Mit Papas, die Sorge- und Hausarbeit übernehmen. Mit Kitas, deren Öffnungs- und Ferienzeiten zum Bedarf berufstätiger Eltern passen. Mit Arbeitgebern, die Frauen lassen, wenn sie nach oben wollen. Sich mittags meeten anstatt zu Zeiten, wo Kinder abzuholen sind. Mit Politik, die Elternzeit finanziell adäquat ausgleicht und Anreize schafft.
Paradigmenwechsel.

Ein guter Plan – so dachte ich jedenfalls.

Szenenwechsel.

Feuerwehrfest. Familienidylle. An einem heißen Sommersonntag treffen sich junge Familien beim Fest. Die Stimmung ist so heiter wie das Wetter, was gute Gründe hat. Das Vergnügungsangebot für die Kleinen taugt für Bildschirmabstinenz, das Terrain ist weitläufig gesichert (erinnerte mich spontan an einen Hundeübungsplatz 😊) und auch bei „Wasser marsch“ droht keine Erkältungsgefahr. Ziemlich idealer Sonntag für alle. Hat die Feuerwehr-Entdeckungstour Pause, macht man an Bierzeltgarnituren eine kulinarische Pause. Geschäftige Mütter, die für gesundes Essen und Trinken sorgen und fürsorgliche Väter, die zum Sonntag den Entertainer geben. Mitten im Familientrubel sitze ich – Babyboomer – und schaue gespannt in die fröhliche Runde. Bin quasi mit auf Entdeckungstour, denn auch Körper und Augen sprechen und der nonverbale Austausch flutet meinen Kopf.

Selbstbewusst treten sie auf, die Mütter. Wissen sie doch sehr genau, was wann jeder braucht. Für ihre Regie reichen meist Handzeichen oder Blickkontakt, dann weiß ‚Mann‘ ganz genau, was zu tun ist. Reicht es nicht, greifen sie korrigierend ein. Nebenbei plauscht man konzentriert mit anderen Müttern. Gesprächsfetzen über Kita und Kinder erreichen mich. Das Niveau auf dem man sich austauscht ist akademisch. Allesamt versprühen Sie den Esprit der Generation Y, gebildet, solide – fast ein bisschen spießig. Dass diese Mütter vor der Niederkunft bereits in Führungspositionen oder -anwärterinnen dafür waren, nimmt man ihnen sofort ab.

Die Männer beugen sich. Sie lassen sich – so meine Wahrnehmung – auf das geführte Programm ein und ihre Blicke und Gesten lassen ahnen, dass sie nichts falsch machen wollen. Nach dem Aktionsplan der Liebsten springen sie auf, wenn für die Kleinen der nächste Bespaßungsakt ansteht. Und irgendwie lässt mich die Idee nicht los, dass sie sich auf die nächste 50 oder 60 Stundenwoche im Büro freuen und nicht wirklich unglücklich darüber sind, wenn die Sorgearbeit nun doch nicht Fifty Fifty in ihrem Lebensalltag ankommt.

Brauchen wir also tatsächlich die theoretisch angestrebte totale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern oder war das nur eine dumme Idee irgendwelcher Feministinnen, denen die Männer weggelaufen sind? Und sieht das Familienmodell 3.0 vielleicht sehr viel konservativer aus, als viele dachten?

Jedenfalls staunte ich nicht schlecht, als mir ein paar Wochen später eine brandneue Studie (Link s. Textende) der Uni Marburg in die Hände fiel, die zum Ergebnis hat, dass Männer am glücklichsten sind, wenn sie 50 Stunden in der Woche arbeiten…

Mit dem Kindersegen stellt sich die Gleichberechtigungsfrage neu

Es ist wie es ist, sagt da scheinbar die Tradition. Wenn sich der Nachwuchs ankündigt werden die Karten neu gemischt; ich weiß es aus eigener Erfahrung. Man muss sich neu finden, organisieren und lernt, dass gleichberechtigtes Arbeiten viel mehr bedeutet, als sein Kind um 7.00 Uhr wegzubringen und um 17.00 Uhr wieder abzuholen. Die Hochglanzvorstellung bröckelt mit den ersten Freikarten für Dauergeschrei samt schlaflosen Nächten, die kein Mensch braucht. Und nein, es gab auch keine Handzeichen für Diarrhoe und Grippe im Dauerdurchlauf. Das Paket ohne Umtausch- oder Rückgaberecht kann ganz schön an die Substanz gehen.

Doch keine Frage. Ich glaube an die Liebe und meine Familie ist der substanziellste Teil meines Lebens. Hier schöpfe ich Kraft, finde Ruhe, kann ich selbst sein. Ich kann mir deshalb durchaus vorstellen, dass es passieren kann. Dass also Kinderwagen schiebende Mütter rücklings von den tradierten Rollen angefallen und niedergestreckt werden – eine Pause brauchen fürs Muttersein.

Sie hat auch eine bequeme Seite, diese Vorstellung, ist sie doch die zunächst scheinbar einfachere der Gangarten – was sie deswegen keineswegs besser macht. Für ihre Lebens-Glücks-Bilanz brauchen Frauen lt. Studie ohnehin keinen Full-Time-Job. Im Gegenteil, Ihre Zufriedenheit steigt mit der Arbeitszeit des Liebsten. Klartext: je länger der Alte aus dem Haus ist, desto besser.

Was schürt also nun die Tradition, die geballte akademische Kompetenz im Kinderwagen schlafen lässt während wir weiter auf Gleichstellung warten?

Von der Idee, dass Arbeitsplätze flexibler werden und Frauen Chefs.

Oh je, mein Chef ist eine Frau. Noch immer herrscht in den Männer lastigen Chefetagen keine allzu große Sehnsucht nach weiblicher Führungskunst und ich glaube es wird auch noch immer bezweifelt, dass viele Frauen in der Lage sind, Chef zu sein – ein paar haben wir immerhin. Dabei will ich nicht unterstellen, dass sie das böse meinen, ich glaube es ist einfach nur immer noch neu. Ungewohnt. Und ungewohntes verunsichert, also lässt man lieber alles beim Alten, solange kein Zwang zur Frauenquote besteht. Zudem hat sich das etablierte Modell: meine-Frau-hält-mir-den-Rücken-frei in der Vergangenheit sehr bewährt. Von Unternehmen, die es mit Frauen in der Chefetage gewagt haben, hört man indes durchweg Gutes. Die Kommunikation bekommt eine neue Prägung, raue Töne mäßigen sich. Kein Wunder, schließlich sind wir von Kindesbeinen an anders sozial geprägt. Für Mädchen schickt es sich eben nicht, sich zu prügeln weswegen sich nicht zuletzt auch die Führungsstile von Männern und Frauen unterscheiden werden. Wer also eine Frau zum Chef hat, muss sich neu einlassen und Vorurteile überwinden – so einfach ist das nicht.

Wer bis hierhin gelesen hat, den möchte ich verleiten, abschließend noch einen kurzen Abstecher in die Arbeitswelt zu nehmen. Also dorthin wo Väter, die Kinder betreuen doch noch Ver- anstatt Bewunderung bekommen und Frauen die Kind, Karriere und Küche können, den meisten nicht geheuer sind. Wenige sprechen in diesem Zusammenhang von einer neuen Verteilung, sondern in aller Regel von Verzicht und Aufgabe, also Aufgabe von Karriereträumen, Rentenpunkten, soz. Stellung, Einkommen u.a.m. Demnach liegt hier der Ansatz, sich mit neuen, flexibleren Arbeitsmodellen zu beschäftigen, die auf Merkmalen gleicher Verteilung und nicht Benachteiligung basieren. Share and Care in neuen Strukturen, die möglicherweise unsere alte Denke von Ganztags-, Halbtags- und Teilzeittätigkeiten verlassen. Zu Überdenken sind auch Ansätze, Sorgearbeit mit mehr als ein paar lächerlichen Rentenpunkten zu entlohnen. Konkrete Reformen in der Arbeitswelt könnten erleichtern, das Mysterium von der geübten Aufgabenteilung mit dem Fluch des schlechter Gestellten loszuwerden und Raum für neue Lebenskonzepte zu schaffen. Also letztlich für eine Gleichstellung taugen, die sich für alle – auch im sozialen Kontext – gut anfühlt und Lebens-Zufriedenheit schafft.

Für beide Geschlechter.

Soweit sind wir noch nicht.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

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