Helikopter-Eltern. – Ein Kommentar von Renate Zott in BESTZEIT-PLUS

Die Metapher wurde zu meinem Erstaunen bereits 1969 verwendet. Wären zu diesem Zeitpunkt die Drohnen schon im Anflug gewesen, hätte man sich vermutlich für diesen bildhaften und sehr treffenden Ausdruck der totalen Fremd- und Fernsteuerung entschieden.

Als Mutter eines erwachsenen Sohnes spreche ich aus Erfahrung und diese hat mich gelehrt, dass Dinge, die im Übermaß betrieben werden immer in die Sackgasse führen. Das gilt für „zu viel“ und für „zu wenig“ gleichermaßen und für das Leben so ganz grundsätzlich.

Auf das elterliche Terrain bezogen treibt die drohnenartige Fürsorge bisweilen Blüten, die mit dem, was Kinder zum Erwachsen werden brauchen, nur noch wenig zu tun hat. Und damit meine ich eine solide Charakterbildung, emotionale Stabilität, Widerstandsfähigkeit, Selbständigkeit und Werte. Dazu eignen sich hierarchische Familienstrukturen, die mit Liebe, Geborgenheit und Grenzen vorleben, wie das wahre Leben funktioniert.

In der aktuellen „Moderne“ erlebt das „Projekt Kind“ von überaus ehrgeizigen Eltern jedoch so viel Überschuss an Fürsorge, dass Anlass zur Sorge besteht, wie jene Kinder aus der „Gluckenfalle“ unbeschadet herausfinden sollen. Dabei will ich gar nicht leugnen, dass frühkindliche Förderung wichtig und gut ist und dass es Sinn macht, den überaus großen Wissensdurst und die kindliche Auffassungsgabe zu „nutzen“. Gefährlich werden die übermotivierten Eltern für Ihre Kinder aber dann, wenn für das Kind sein kein Platz mehr bleibt und die Beispiele häufen sich. Es ist nämlich längst keine Ausnahme mehr, dass bereits Kindergartenkinder einen vollen Terminplan haben. Von der – gerne bilingualen Kita – bei der man den Spross aus Sorge um Kapazitäten Mangel schon gleich nach der Geburt angemeldet hat – zum Sport, am nächsten Tag zum frühkindlichen Musizieren und so setzt sich das Programm über die Woche fort. Zu allen Aktivitäten gehört selbstverständlich das beste Equipment, man will ja nicht an „Kleinigkeiten“ scheitern. Darüber hinaus sucht man den Vergleich zu den ‚Mitbewerbern im Projektteam‘ und da will man freilich auch nicht schlecht abschneiden. Man tauscht sich aus und feilt am Programm. Treten Misserfolge oder Probleme auf, weiß man sich natürlich zu helfen. Schnell ist die Nachhilfe auf den Plan gerufen, werden Gespräche mit den Pädagogen geführt oder Mobbing-Kinder zur Raison gerufen. Liebevolle, intelligente Eltern, die nur das Beste für Ihren Nachwuchs und dessen Zukunft wollen. Im Alles-Inklusive-Paket sind sie Fahrer, Trainer, Talentscout, Ausstatter, Ernährungsberater, Modeberater, Lehrer, Organisatoren, Coach, Mentor, Freund, Controller und Problemlöser. Man organisiert dem Kind ein scheinbar völlig sorgenfreies, fremdgesteuertes Leben und will als Gegenleistung eigentlich nur eins: funktionieren soll es. Sich also anpassen und mit Disziplin und Eifer die Aufgaben erfüllen. Schließlich ist für alles andere gesorgt und auch kein Platz inkl. Spielenachmittage und Entspannungsmassage. Ausgleich vom stressigen Kinderalltag.

Die Überzeichnung sei mir erlaubt, um deutlich zu machen, wie groß der Mangel auf der anderen Seite Über-Eltern-Medaille ist. Es fehlt gänzlich an Raum. Raum für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit, Raum für selbständiges Denken und Handeln. Immer ist einer da, der nach dem Hinfallen wieder und wieder aufhilft, wo das eigene Aufstehen so wichtig wäre. Grenzen testen, ausreizen, scheitern, aufstehen, sich etwas Neues überlegen und es wagen. Raum und Luft haben für eigene Erfahrungen mit Gelingen und Scheitern. Dabei aufgefangen werden in gesunder Fürsorge und Geborgenheit. Anerkennung erfahren für den Selbstwert und aus der stabilen Burg, selbst Stabilität entwickeln. Orientierung und Werte vorgelebt bekommen.

Diese Überkonzentration macht glauben, dass sich die Welt nur um sie dreht, wo die äußere Ordnung im normalen Leben eine völlig andere ist. Dahin zum Zeitpunkt X, im besten Fall bestens ausgebildet entlassen zu werden kann nur zu Ablösungskonflikten führen… denn wo bitteschön wartet das nächste Lebens-Organisations-Sekretariat?!

Nachsatz: Es geht mir nicht um Anklage und mir ist durchaus bewusst, dass die skizzierte Verhaltensweise von Eltern Studien zu Folge (zum Glück) nur 10-15% (Deutschland) beträgt. Dennoch liegt mir der Hinweis sehr am Herzen, dass Überbehütung genauso viel Schaden an unseren Kindern anrichten kann wie Vernachlässigung. Worin ich überdies einen konkreten Zusammenhang mit der Vermögensverteilung – Stichwort: Schere zwischen Arm und Reich – sehe. Am Ende geht es mir um das wertvollste, das wir im Leben haben dürfen: unsere Kinder. Ihre gesunde Entwicklung in unserer komplizierten Welt liegt mir sehr am Herzen. Schließlich sind sie unsere Zukunft!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im 50PlusFernsehen:

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