Hilft nur Abschalten?! – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Kürzlich habe ich eine Freundin getroffen, herrlich analog übrigens. Womit wir schon mitten im Thema sind, denn sie ist mit ihrem 13-jährigen Junior gerade im Handelsstreit und das nicht erst seit gestern. Mütter und Väter der digitalen Nachwuchs-Generation müssen sich neu erfinden, um im Hardcore-Kampf der virtuellen Welten mit ihren Youngsters nicht K.O. zu gehen.

Dabei gesteht sie mir völlig frei, dass sie sich eins ums andere Mal an den Grenzen Ihrer pädagogischen Fähigkeiten sieht. Verhandlungsmarathons, die ihr den letzten Nerv rauben. Sie hat es einfach satt. Ganz oben stehen ihr die täglichen Diskussionen über Internet-Spielzeiten und online sein. Das ist für den jungen Mann nämlich gerade existenziell, was er ihr genauso fordernd wie unmissverständlich gerne auch täglich kommuniziert. Renate, sagt sie, „manchmal würde ich das ganze Zeug am liebsten aus dem Fenster werfen!“

Viele Eltern sind damit überfordert und ich war es vor 12 Jahren auch.

Und wie.

Geprägt von der eigenen Biographie hat man sich auf die Hürden der Pubertät gedanklich längst vorbereitet und sich schon lange vor der „heissen“ Phase Strategien zurechtgelegt, wie man diese clever umschiffen könnte, um den Nachwuchs unversehrt und lebenstauglich in den Hafen des eigenen Lebens zu navigieren. Auf den schwarzen Wolken in meinem Gedankenhimmel standen die Ängste in großen Lettern: Drogen – schlechter Umgang – Kampfsaufen – Kriminalität. Natürlich hatte man in der Schule >Christiane F.< gelesen, hatte im Umfeld Menschen erlebt, die spätestens nach der Schule total abgestürzt waren. Einen meiner Mitschüler, also humanistisches Gymnasium und mindestens genauso talentiert wie ich, hatten wir schon zu Grabe getragen. Goldener Schuss. Wie konnte so etwas nur passieren? – wir waren alle völlig erschüttert und schockiert.

Das prägt.

Meine Verhinderungstheorien setzte ich fürsorglich, bestimmt und dosiert ein – thanks God, dieses Vorhaben klappte. Genauso tückisch wie schleichend wartete an der nächsten Ecke ziemlich gleichzeitig ein neuartiges Monster auf uns: das Internet. Und das Monster hatte einen Namen: World of Warcraft – kurz WOW – aber WOW: alles andere als das. Grenzenloses Abenteuer in einer virtuellen Welt angsteinflößender selbstgemachter Fantasy-Helden mit ständig neuen Aufgaben, Battles, Erfolg und Belohnung. Die Parallelwelt schafft, was Familie und Schule häufig vermissen lässt. Beziehungen, Anerkennung und Erfolg. Wechselseitiger Ehrgeiz stachelt an, Challenges, die nur Mitglieder einer Gilde gemeinsam lösen können, erfordern systematisch PC-Zeit. Oft tagelang – ach, was sag‘ ich: nächtelang! Eingefangen von der virtuellen Welt, gehen Zeit und Umwelt vergessen – Freunde, Familie, Schule, Sport – alles rutscht ins Nirwana. Wenn das Zockerherz erstmal so richtig schlägt, ist guter Rat teuer. Meine Versuche, über Reden und Zeitabsprachen Limits zu setzen, erreichten ihn nicht. Und egal, welche Einschränkungen ich mir über Zeitschaltuhren am WLAN-Zugang, Verschluss der Räume mit Internet-Zugang und sonst noch was ausdachte, alles zwecklos. Im Rausch des Spiele-Sogs wird gelogen, bis du in deiner Hilflosigkeit überall nur noch ERROR siehst. Irgendwie lassen sich die gekappten Drähte schon wieder heiß machen. Mit unverschämt intelligenten „Lösungen“ wurde ich von meinem Filius immer wieder überrascht. Kontrollverlust auf beiden Seiten. Und eigentlich bestand unser Leben nur noch aus dem Streit um dieses dämliche Internet. Glücklich, ja glücklich erlebte ich meinen Sohn in dieser Zeit nur noch mit Kopfhörern am PC; die Haare mittlerweile lang und wenig übrig vom einst drahtigen Rest. Uns half dann ein Wunder. Auch das Wunder hatte einen Namen: die Tammy (Name verändert). 17 süße Jahre jung und herrlich real. Sie hatte den Schalter im männlichen Hirn gefunden und mit ihrer weiblichen Finesse ruck zuck umgelegt – was für ein großes Glück! Jetzt noch DANKESCHÖN!

Nicht jeder hat so einen Retter und ich bin überzeugt, dass Prävention viel früher beginnen muss und zwar unmissverständlich. Man muss frühzeitig Grenzen setzen und eine gesunde Struktur in der Realität schaffen, vielleicht auch bildschirmmedienfreie Zonen. Das bedeutet andererseits, die Anreize in der analogen Welt hochzuhalten und Angebote zu machen. Die Flimmerkiste als Kinderabstellplatz taugt eben nicht.

Digitale Kompetenz will gelernt werden und kontrollierte Abstinenz ist zum Leidwesen aller ein unabdingbarer Teil davon. Manchmal hilft einfach nur noch Stecker ziehen. Oder das Festhalten an schönen analogen Relikten; meinem alten Wecker zum Beispiel. Der tickt noch nach alter Väter Sitte, auch wenn der Sekundenzeiger schon schlapp gemacht hat.

Und nein der wird nicht digital ersetzt!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im 50PlusFernsehen:

 

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