Leben um zu essen. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Ich stelle fest, das Thema ist gefräßig; verschlingt sogar ganze Titelseiten.

Die einen versprechen heiße 10 Pfund in 10 Tagen wegzuschmelzen, die anderen nehmen den Hunger mit Humor und lassen ihr Bäuchlein eingeschnürt in Bratenschnur abbilden. Also lieber happy statt hungrig. Es scheint nicht satt zu machen, was rund um den Speck alles dafür und dagegen spricht, geschrieben steht und ausgeschlachtet wird.

Kein Wunder. Schließlich ist das Gewicht auch i. S. Gesundheit gewichtig. Viel zu viel oder viel zu wenig davon kostet die Krankenkasse Milliarden; Deutschland ist nämlich dick. Und in punkto Fettleibigkeit sind wir uns bis auf wenige Ausnahmen ausnahmsweise mit unseren europäischen Nachbarn einig, denn auch dort ist Übergewicht lt. „Europäischen Gesundheitsbericht“ der WHO zur Volkskrankheit geworden.

Bei solch dicken Problemen wacht nicht nur die Schar der Umsatzhungrigen auf. Nein, da ist auch die Politik im Köcher, wirksame Rezepte gegen zu viele Kalorien, schlechte Ernährung und für mehr körperliche Bewegung zu finden – oder? Schließlich warnen auch die Ärzte schon lange, dass sie diesen Trend auch bei Kindern beobachten, die dadurch schon früh an Diabetes erkranken können. Brauchen wir also neben der CO2 Steuer nun auch eine Zuckersteuer? Brauchen wir die Magenverkleinerung auf Rezept, um Maßlosigkeit einfach wegzuschneiden? Brauchen wir Ernährungskunde in der Schule, weil Eltern nicht mehr vorleben können, wie gesunde Ernährung funktioniert?

Der Trend macht mich nachdenklich, denn es ist nicht wegzudiskutieren, dass in unserem Land deutlich über 50% aller Erwachsenen übergewichtig sind. Eine Generation zuvor war es weniger als die Hälfte und lässt nichts anderes als den Schluss zu, als dass wachsende Wirtschaft was mit wachsenden Bäuchen zu tun haben muss?!

Ich glaube: Essen wird einfach überbewertet. Aber genug der Ironie.

Tatsache ist, dass ich mit dem Thema Übergewicht mein Leben lang nichts zu tun hatte. Das Dick- oder Dünn Sein anderer hat mich wenig beschäftigt; ich war völlig ausgelastet, mich um meinen Körper zu kümmern. Kann ja schließlich jeder damit machen, was er will. Hauptsache ist doch, dass man sich wohlfühlt.

Als ich vor gut einem Jahr am Magen operiert werden musste, hat sich das schlagartig geändert. Einerseits, weil ich in einer Spezialklinik für Magenverkleinerungen war und andererseits, weil ich durch die OP deutlich an Gewicht eingebüßt habe. Um es bildlich zu machen: ich krieche mit 46 Kilo durch die Gänge und treffe andere Patient*innen auf dem Flur, die geschätzt das 2,5 oder 3fache auf die Waage bringen. So kann es aussehen, wenn >Essen< zur Lebensaufgabe wird. Erst dadurch habe ich am eigenen Leib erfahren, wie sich fremde Menschen ungefragt auf deinen Tellern breitmachen und dir sagen, was da drauf liegen muss. Wenn du also quasi rausrutschst aus der gängigen Gewichtsrange, kann es schwierig werden mit dem was sich andere erlauben, dazu zu sagen. Ob das alles die pure Sorge ist? Irgendwie kann ich das nicht glauben. Besorgt fühlt es sich nämlich nicht an, wenn jemand anstatt Begrüßung mit „Oh mein Gott bist du dünn“ herausplatzt. Und ich stelle mir vor, dass jemand mit dem Gegenteil in die Tür fällt „Oh Gott bist du dick man“. Wer würde sich das trauen?

Hinter dick oder dünn steht immer ein Leben und eine Geschichte dazu.

Stigmatisierung hilft jedenfalls nicht. Menschen haben Spiegel und sehen sich selbst. Ich stehe auf dem Standpunkt, Menschen tragen eine eigene Verantwortung für sich und ihre Leibesfülle und manche sind auch schlichtweg krank – das sollte man nicht vergessen. Politik kann nicht alles regulieren und wenn ich mir vorstelle, dass Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern gesunde Ernährung vorzuleben…. Puh, das macht fassungslos. Wir halten uns doch alle für so aufgeklärt, sind stundenlang im Netz unterwegs. Informieren uns über alles und jedes; Ernährung wäre eine Option. Wer es nicht alleine schafft, kann und soll Hilfe bekommen. Institutionen und Ärzte haben wir ausreichend.

Bei aller Unbill das Gute zum Schluss: die Lebenserwartung wächst weiter. Egal wie es um die Bäuche in unserem Land bestellt ist!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

Kommentar hinterlassen zu "Leben um zu essen. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: