Lernen im Alter – ein Kommentar von Renate Zott in BESTZEIT-PLUS

Bestzeit-Plus berichtete jüngst in dem Artikel „Auszubildende 50Plus“ darüber, dass immer mehr Firmen sich trauen, Ausbildungsprogramme für die über 50Jährigen anzubieten. Motor für die Pioniere im Altersausbildungssegment sind die fehlenden jungen Menschen. Schon heute bleiben viele Lehrstellen unbesetzt, weil die Bewerber fehlen. Aber wie sieht es mit dem Lernen aus, wenn die Älteren erneut die Schulbank drücken? Ich habe Beobachtungen dazu gemacht:

Eine Freundin von mir, die die scheinbar magische 50 gerade überschritten hat, ist Inhaberin eines sehr gut frequentierten und schönen Fitness-Studios in Bad Vilbel. An Qualifikationen bringt sie eine Menge mit. Sie ist Fitness-Trainerin und Senior-Personal Coach, auch Yoga-Lehrerin und verfügt über diverse Zusatzausbildungen in diesem Bereich. Bei allem was sie schult und lehrt, steht der ganzheitliche Ansatz im Vordergrund; Fitness alleine reicht ihr nicht. Um auf diesem Gebiet noch qualifizierter arbeiten zu können hat Sie vor kurzem eine Ausbildung zur Heilpraktikerin begonnen. Ihr Antrieb dafür ist die unglaubliche Freude an ihrem Beruf, ihr Wunsch, Menschen wirklich zu helfen und die Möglichkeit, ihr Geschäftsfeld zu erweitern. Zu alt dafür? Im Gegenteil. Sie sagt, es ist jetzt mit 50 genau der richtige Zeitpunkt, denn sie versteht die gesundheitlichen Probleme dieser Altersgruppe besser, kann sich einfacher einfühlen und -spüren, wenn die ersten Zipperleins kommen.

Frau traut sich: Mirjana Müller aus Bad Vilbel ist Auszubildende 50Plus

Gleichzeitig muss Sie als Unternehmerin die Weichen für den Freiraum stellen, den sie für ihr Studium braucht. Alles muss perfekt weiterlaufen, auch wenn Sie lernt. Dafür hat sie sich im Vorfeld organisiert. Ihr Lehrplan ist aufgeteilt. Nach Lerninhalten getrennt liegen alle Unterlagen und Lektüren immer griffbereit bei ihr zu Hause. Sie sagt: wenn sie über eine Frage nachdenkt und sich absichern möchte, weiß sie sofort, wo sie hin greifen muss, um es nachzusehen. Für das Lernen und die Vorbereitung auf die anstehenden Prüfungen gibt es einen straffen Zeitplan. Auch in den reinen Lernphasen, in denen keine Prüfungen anstehen, lernt sie nach Plan. „Manchmal bis mitten in die Nacht hinein, wenn ich mir vorgenommen habe, das Thema abzuschließen“, berichtet sie mir. Sie schließt an: „die wenigsten meiner – meist jüngeren MitstreiterInnen – gehen da so diszipliniert vor“. Sie lassen sich leicht ablenken, haben noch Flausen im Kopf und noch nicht den richtigen „Drive“.“ Sie sagt das ohne jegliche Wertung. In Ihrem Studio bildet sie selbst junge Menschen aus und weiß um deren Lebensphase. Mit Anfang 20 ist das eben komplett anders. Der Ernst des Lebens ist noch nicht so präsent, der Fun-Faktor steht oft im Vordergrund und das Lernen… es hat noch Zeit bis morgen oder übermorgen. Dann wird es eng vor Prüfungen oder Abgabeterminen von Hausarbeiten. Ein langes Lied kann sie davon singen. Sie geht sehr verständnisvoll, locker und gut gelaunt damit um und sagt: „Ich war ja selbst mal in diesem Alter! Ich bringe sie in solchen Phasen wieder auf den Boden, schaue nach ihren Potentialen und es klappt!“

Ich finde, diese Art des Lernens und Vorgehens steht beispielhaft für Menschen, die sich dafür im reiferen Alter entscheiden und bin überzeugt, dass es weniger der Beweggrund, als das Herangehen an eine neue Herausforderung ist. Klare Ziele, Zeitmanagement, Durchhaltevermögen und Disziplin gepaart mit Organisationstalent und der Lebenserfahrung, die ein junger Mensch gar nicht mitbringen kann. Übertragen auf Arbeitgeber, die Senior-Ausbildungen anbieten, m. E. eine hervorragende Komposition. Der innovative Ansatz steckt zudem voller Vorteile aus dem Arbeits-Vorleben. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und viele andere Dinge im Umgang miteinander sind einfach selbstverständlich. Leidige Diskussionen entfallen.

Gemeinhin wird unterstellt, dass es älteren Menschen an Aufnahmefähigkeit mangelt und die Konzentrationsfähigkeit nachlässt. Ich möchte wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse auf diesem Gebiet nicht anzweifeln oder in Abrede stellen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir auch hier einen Wandel durchleben. Mensch und Geist entwickeln sich weiter. Wir – und da spreche ich als Frau in erster Linie für die weibliche Spezies – fühlen uns jung und frisch. Im besten Alter für neue Herausforderungen und stecke mit meinem ‚jungen‘ (seit 7.7.2016 online) Mode Blog www.topagemodel.de selbst mitten drin im „Neuen“. Aufregend ist das. Die Leidenschaft endlich auch im Beruf 100% angekommen zu sein und der Ehrgeiz, das bereits Erreichte zu erweitern oder gar zu toppen, setzt ungeahnte Kräfte frei. Jeden Tag lerne ich und habe unendlich viel Freude daran. Probleme sind jetzt mehr zu Aufgaben geworden, die ich besser annehmen kann als in jüngeren Jahren. Ich lerne und arbeite mit einem anderen, ja reiferen Bewusstsein.

Liebe Arbeitgeber, es steckt eine Menge Potential in uns. Ressourcen, die es gilt zu fordern und zu fördern. Wie schön, wenn Unternehmen ihre Ausbildungsstrategie den demografischen Gegebenheiten anpassen und bereit sind, neue Wege zu gehen.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de.

Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

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