Buch-Tipp 50Plus: „Verloren unter 100 Freunden“

Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern – ”Wir brauchen eine digitale Diät”: US-Soziologin Sherry Turkle warnt vor den Auswirkungen der digitalen Revolution

Kaum 30 Jahre ist es her, da zerbrachen sich Wissenschaftler und Technologieexperten den Kopf darüber, wofür man Heimcomputer einsetzen könnte. Mittlerweile chatten, bloggen und twittern die Menschen, sie kommunizieren via SMS und IM, nutzen GPS und sind in sozialen Netzwerken rund um die Uhr und den Globus miteinander verbunden. Heute lautet die Frage: Sind wir überhaupt imstande, und sei es auch nur für kurze Zeit, im Alltag ohne Tabletcomputer und Smartphones auszukommen?

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Wenn eine Mittfünfzigerin während einer Trauerfeier SMS verschickt, Eltern sich bei Familienmahlzeiten eifrig dem Blackberry zuwenden, Studenten in Lehrveranstaltungen unentwegt ihre Smartphones checken, Schüler täglich stundenlang Kurznachrichten abarbeiten und Telefongespräche vielen Jugendlichen zu intim sind – dann ist für Sherry Turkle, Soziologieprofessorin am Massachusetts Institute of Technology, etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Die Autorin hat die Geschichte der Computernutzung von der ersten Stunde an am MIT wissenschaftlich begleitet, dokumentiert und analysiert und mit erhellenden Publikationen wie „The Second Self“ (1984, dt: „Die Wunschmaschine“) und „Life on the Screen“ (1995, dt.: „Leben im Netz“) breite Diskussionen ausgelöst.

Fasziniert von der digitalen Revolution, untersuchte Sherry Turkle in umfangreichen Studien an hunderten Personen aus allen Altersgruppen, wie sich in den letzten 15 Jahren durch die Internetkommunikation und den Einsatz sozialer Roboter der Geist, das Gefühlsleben und die Beziehungen der Menschen gewandelt haben. In ihrem neuen Buch “Verloren unter 100 Freunden” beschreibt sie ihre Forschungen und gelangt zu alarmierenden Erkenntnissen: Es gibt heute nicht wenige enttäuschte Liebhaber, die Sex mit Robotern bevorzugen würden, Eltern, die Babywindeln am liebsten maschinell wechseln ließen, und Menschen, die ihre pflegebedürftigen Eltern bedenkenlos der Obhut von Robotern anvertrauen würden. Beziehungen zu pflegen, Freundschaften in Gesprächen zu vertiefen und Liebe durch Fürsorge zu geben, erscheint Menschen heute oft zu kompliziert. Allein zu sein ist für die meisten jedoch unerträglich. Sie kommunizieren daher rund um die Uhr im Netz und sind kaum mehr fähig zu einem wirklichen Gespräch. Sie haben zahlreiche Facebook-Freunde – und sind einsam.

„Ein brillantes, aufregendes und oft verstörendes Porträt der Zukunft von Amerikas führender Expertin für den Einfluss von Computern auf Menschen.“ (Rosabeth Moss Kanter, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School). Sherry Turkle ist ausgebildete klinische Psychologin und Professorin für Wissenschaftssoziologie am Massachusetts Institute of Technology. Die Gründerin und Direktorin der „MIT Initiative on Technology and Self“ ging vor über 30 Jahren ans MIT, um zu erforschen, wie die Nutzung des Computers den Menschen verändert, und sie hat die Entwicklung der Computernutzung bis heute kontinuierlich dokumentiert, ausgewertet und kommentiert. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat sie darüber auch populäre Sachbücher herausgebracht, zuletzt 2011 „Alone Together“, das nun auf Deutsch im Riemann Verlag unter dem Titel “Verloren unter 100 Freunden” erscheint.

Lesen Sie mehr über die Ansichten der Autorin in einem Interview. Sind Sie neugierig geworden? Hier können Sie schon mal in dem Buch stöbern.

  • Autorin: Sherry Turkle, aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis 
  • Verlag: Riemann
  • Seiten: 576 
  • ISBN: 978-3-570-50138-2
  • Preis: 19,99 Euro 

Das Buch ist in jeder guten Buchhandlung erhältlich.

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