„Mäh, mäh lieber Bürger, es geht Dir an die Wolle!“ – Eine Glosse von Sascha Rauschenberger

Die Generation derer, die zu den geburtenstarken Jahrgängen – neudeutsch Babyboomer – gehören, bekommt zunehmend Probleme mit dem, was sie sich als Lebensabend vorgestellt hat.

Eigentlich verlieren sie gerade alles, was sie sich aufgebaut haben. Aber es fällt nicht auf, da es klammheimlich und der Salamitaktik folgend, scheibenweise passiert. Gern auch in anderen Gesetzen versteckt und mit einer Progression ausgestattet, die jährliche Steigerung der versteckten Abgabe generiert, wie beim Strompreiszuschlag der EEG-Umlage.

Natürlich betrifft es nicht nur diese Generation, sondern alle folgenden auch. Nur wird diese Generation als erstes fällig sein und das volle Ausmaß dessen tragen, was so eine Herde von gutgläubigen Schafen widerstandslos hergeben kann.

Die 50Plus-Generation wird die erste Generation sein, die mit Erreichen des inzwischen nun etwas verzögerten Renteneintritts ihre Renten voll versteuern darf! Dass dieser Zeitpunkt ursprünglich mit dem Zeitpunkt übereinstimmt, der mit sechzig erreicht gewesen wäre, ist mit Sicherheit ein reiner und purer Zufall.

Genauso zufällig, wie das zweite Standbein der Altersvorsorge, und der Deutschen liebstes Kind, die Lebensversicherung, seit nunmehr zwanzig Jahren Zug um Zug in ihrer absichernden Wirkung reduziert worden ist. Steuerfreiheit, Überschussbeteiligung und Garantieverzinsung haben sich per Gesetz verabschiedet. Letztere nicht ganz ohne Grund, da die Nullprozent-Politik der EZB letztlich auch keine Gewinne mehr möglich gemacht hat, die noch ausschüttbar gewesen wären. Letzteres dann ein besonders schmerzhaftes Element, dass über zehn Jahre aufgelaufen, all die netten Grafiken bei Vertragsabschluss endgültig in das Reich der Schafträume verbannt hat. Ohne Zins und Zinseszins auf eingezahlte Gelder kann nun mal kein Wachstum des Vermögens entstehen. Die Weidefläche nicht größer werden. Aber durch Inflation kann sie dann schnell kleiner werden, zumal auch die Verwaltungsgebühren der Betreiber nicht gleich geblieben sind.

Diese nun verkleinerte Wiese dem Schaf als Altersruhesitz zu verkaufen gilt allgemein als gelungene Aktion. Allein schon deshalb, weil das Schaf in aller Regel erst bei Fälligwerden große Augen machen wird. Aber dann ist es zu spät. Mähhh…

Eine weitere Säule der Altersvorsorge ist das schwäbische Prinzip gewesen: Schaffe, schaffe Häusle baue… Das hat zu ausufernden Reihenhaussiedlungen in Ballungszentren genauso geführt wie die Begehrlichkeiten der Kommunen an eben diesen Wohneigentum zu profitieren. Auch wenn die Einheitswerte auf 1964 im Westen und 1935 in Osten festgeschrieben sind, sind die Hebesätze aber individuell gestaltbar. Wie auch das Jahr der Einheitswertfestsetzung an sich. Das Bundesverfassungsgericht hat ab dem 16.01.18 darüber zu befinden, ob das alles verfassungskonform ist; i.e.S. der Gleichheit für alle. Nicht die Steuer an sich. Und so kann dann in ein paar Jahren, passend zur Rente, die Grundsteuer um bis zu durchschnittlich 3000% steigen. In der Spitze sogar 5000%. Und natürlich trifft es nicht nur Hauseigentümer sondern alle. Grundsteuer ist voll umlagefähig, sodass auch Mieter in den Vorzug kommen. Damit ist das mietfreie Wohnen in eigener Hütte auf saftig grüner Wiese für manche Schafe nun recht teuer geworden… Die Miete wird als Steuer fällig. Mäh, mäh…

Natürlich macht Geld allein nicht glücklich – man braucht bekanntlich auch Gold, Aktien und Immobilien – aber Geld hilft zumindest dabei nicht völlig unglücklich zu leben. Und ohne Wolle friert auch ein Schaf.

Damit die Schafe im Alter – und überhaupt – auf ihrer (Rest)Wiese gesund bleiben, ärztlich versorgt werden können, müssen die Sozialsysteme gestützt werden. Das klappt doppelt gut, wenn die Schafe noch etwas länger Wolle spenden, weiterarbeiten UND daher auch länger einzahlen als an dem so aufgebauten Füllhorn selbst teilzuhaben. Gern bis 63, 67 oder Sankt-Nimmerlein. Ob nun eine Bürgerversicherung kommt oder nicht, ist dabei erst einmal nebensächlich, auch wenn die gesetzlichen Wollrücklagen der privaten Krankenversicherung mit Sicherheit Begehrlichkeiten wecken. Aber ein Schelm/…Schaf, der schlechtes dabei denkt.

Viel wichtiger ist es, dass der Rentenanspruch und damit die Nullzahlung in Sozialsysteme möglichst weit nach hinten verschoben wird, damit die Illusion der grünen Wiese als Altersruhesitz den Schäfchen noch möglichst weit erscheint und sie so ruhig bleiben. Denn sie sind ja fit. Die meisten jedenfalls können sich vorstellen auch noch länger zu arbeiten. Wolle beizusteuern, so der Pressetenor aus „Schäfer und Schaf“, „Wollstreet“ und „FSZ“.

Andere eher nicht. Dass sind die, deren Hufe abgenutzt, Zähne morsch und Knochen kaputt sind. Doch die haben eh andere Probleme, als sich um grüne Weiden zu kümmern. Diese nämlich haben die allermeisten davon schon aufgegeben haben zu wollen. Sie wissen schon definitiv, dass sie kurz vor der Schlachtbank stehen. Als letzte Geste derer, die sich mit dem Pferd aus „Farm der Tiere“ identifizieren: für alle kaputtgeschuftet und dann an den Abdecker verhökert, um als profitabler Knochenleim zu enden. Doch Pferde sind nicht Schafe, weil Pferde keine Wolle geben. Sagen die Schafe, sehen sich begeistert um und das zustimmende Blöken der Herde gibt ihnen Recht. Mäh, Mähhhh…

Und da die Weisen bemerkt haben, dass mit den Babyboomern zu viele Schafe auf die „sattgrünen“ Weiden entschwinden, ist es klar, dass wir neue brauchen. Diese wurden nicht ausgesucht, sondern mehr oder weniger eingeladen. Oder auch nur einfach am (gedachten) Zaun in Empfang genommen, einquartiert und mengenversorgt. Dass hierfür erst einmal vorschüssig Wolle erforderlich ist, bevor da selbst mal irgendwann Wolle fließen kann ist klar. Aber dann, wenn nicht nur Schafwolle sondern Kamelhaarwolle – KASHMIRA!! – fließt, dann sind diese Neuankömmlinge ihr Gewicht in Gold wert. Klar. Und bis dahin müssen diese „Neuschafe“ hier wohnen, essen und ausgebildet werden.

Ersteres hat den Wohnungsmarkt recht eingeschränkt, was völlig unerwartet auf die verblüfften Schafe zugekommen ist. 1,6 Millionen neues zukünftiges Nutzvieh innerhalb von drei Jahren hat die Hütten an den Weidenrändern knapp werden lassen. So knapp, dass Schafe keine neue Bleibe mehr finden, wenn Jobwechsel anstehen oder aber die üppige Rente naht. Natürlich ergänzt um die noch üppigere private Altersvorsorge. Beispielsweise aus Lebensversicherungen… Mäh, Mäh!

Doch wer sagt denn, dass Schafe da wohnen müssen, wo sie jahrzehntelang gelebt haben? Niemand! – Daher ist es doch nur sinnhaft alte Schafe in die „blühenden Landschaften im Osten“ zu verschicken. Zu den sattgrünen Wiesen dort, wo sie billig Hütten bekommen können, die ihrem fallenden Rentenanspruch und auch sinkendem Lebensstandard genügen würden. Zumal da auch noch Hütten en masse leerstehen. Für solche logischen Schlüsse hat sich aber noch kein Freiwilliger aus dem Schäferstand gefunden, es den Schafen nur mal nett erklären zu wollen.

Dass im Alter das Sicherheitsbefinden wächst, oder es nur so sein soll, wie man es aus eigener Jugend kannte, ist auch so ein Punkt. Die Schafe schauen sich um und sehen seit Jahren immer weniger Schäferhunde, die dann auch noch älter werden. Wer bewacht nun die alten Schafe auf der offenen Weide?

Sichere Hütten und sichere Wiesen waren bisher als „sicher gesetzt“ angesehen. Sind sie aber nicht mehr. Da gibt es nun Kamele, die durch all das trampeln, was als gemeinsamer Nenner zwischen Schäfer, Hund und Schaf vereinbart worden war. Die Opfer dieses – natürlich rein temporalen Dissenses – sind bekanntlich Einzelfälle, die bedauerlich aber jedes für sich auch tatsächlich vereinzelt SIND. Das heißt (und sind) dann „Neue Werte“. Dass diese Einzelwahrnehmung nun zu gewissen Wohlfühlbeschränkungen auf der verkleinerten und nicht mehr ganz so grünen Wiese führen, hat das Schaf gemerkt. Zumal Kamele sich ganz schön groß aufplustern können und gemeinhin auch „Trampeltiere“ heißen. Doch echte Schafe stört das nicht, solange diese neuen Mitbewohner nicht auf ihrer Wiese und vor ihrer Hütte stehen. Nicht ihre Befindlichkeiten tangieren und auch nicht ihre Sicht der Dinge versperren.

Doch was macht das Schaf 50Plus? Es schaut sich um, sieht die Entwicklung und macht was?? – Richtig: es kaut weiter und ist Schaf. Es freut sich sogar, denn es geht ihm doch JETZT so richtig gut! – MÄH, MÄHH!

Die Rente wird kleiner, auch wenn die Schäfer sie als fix verkaufen. Sogar Pension, für die es keine Rückstellungen gibt, sind sicher, so wird versichert. Einvernehmlich, beherzt und immer wieder, denn das Schaf darf sich nicht aufregen. Das wäre schlecht für die Wolle. Das, was an privater Altersvorsorge hinzukam, wurde über die Jahre schon abgegriffen, verkleinert und wird am Ende nun auch voll versteuert. Die Mieten für die Hütte steigen schneller als die Renten und Gehälter das eben nicht tun.

Aber es gibt alternative Hütten. Anderswo. Das Schaf muss nur flexibler werden. Zumal es woanders auch gesünder leben kann, da das Gesundheitssystem genauso schlecht mit Wolle unterfüttert ist, wie die Rente. Hier wurden eben diese 1,6 Millionen Neuschafe (plus die, die noch kommen…) mit gemeinsamer Wolle umlagegestützt warm gehalten. Auch das wird eine zukünftige Aufgabe der Schafe werden. Dauerhaft und daher sinngebend. Aber halt wollfordernd.

Natürlich müssen sie aber vorher, vor ihrem Abgang, noch etwas umsetzen, was da Digitalisierung heisst und letztlich dazu führen soll, dass die Wolle automatisch fließt. Also eigentlich auch ohne Kamele, was aber ein anderes Thema ist. Die Schafe müssen umlernen. Viele werden überflüssig werden. Noch vor ihrem Ruhesitz auf der kleineren Wiese mit bescheidenerer Hütte. Die Schäfer wissen das. Sagen das aber besser nicht, denn sonst könnte das Geblöke … harmoniestörend sein. Daher wird auch nichts geplant. Nichts vorbereitet und schon gar nichts umgesetzt.

Jetzt, wo die Schäfer mal wieder Schäferstündchen halten, um den Plan für die Gesamtwolle der nächsten Legislatur festzulegen und die Schafe ruhigzustellen (und zu scheren), ist da kein Wort von zu hören, zu lesen oder auch nur als Gedanke wahrnehmbar. Warum? – Weil diese Schäfer aus dem Stand der Schafe kommen und gelernt haben, von anderer Wolle zu leben. Von eben der, der Schafe… Da interessiert das dann nicht. Weil es genügend Schafe gibt. Mäh, Mähhh…

Warum soll ich das denn als Schäfer auch tun? – Ihr gebt mir die Wolle. So oder so. Und wenn ihr aufblökt, dann lass ich die Hunde von der Leine bis ihr Angst habt um das, was euch noch bleibt. Und das garantiere ich euch dann. Und wenn ihr dann auf dem Quadratmeter abgegraster Wiese steht, dicht gedrängt, kahlgeschoren und im Regen, dann sage ich euch die Wahrheit. Und als artige, gebildete und mündige Schafe werdet ihr die Wahrheit dann erkennen und weiter ruhig dastehen, bis ihr tot umfallt oder ich etwas Neues von Euch haben will. Und diese Wahrheit lautet: zu lang gewartet, zu viel gehofft und den Wandel nicht gesehen haben zu wollen. – Also selbst schuld!

Wie dieses dämliche Pferd aus „Farm der Tiere“. Doch ihr seid ja kein Pferd. Ihr seid wollgebende, nette und geduldige Schafe und daher betrifft es auch keinen von uns…

Alternativlos wichtig ist nur eines: Deutschland ist ein Land, in dem Schafe gut und gerne leben! – Mäh, Mähh, Määhhhh…

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.

 

 

 


  1. Vgl.: Sascha Rauschenberger: Ein deutsches Märchen: der abgesicherte und verdiente Ruhestand, Conplore Media (2016);https://conplore.com/ein-deutsches-maerchen-der-abgesicherte-und-verdiente-ruhestand/?lang=de
  2. Vgl.: Sascha Rauschenberger: Future Work: die Arbeitswelt der Zukunft und die Hürde Gesundheitsvorsorge, bei: Conplore Media (2014); https://conplore.com/future-work-and-the-hurdle-of-healthcare-arbeit-der-zukunft-und-die-huerde-gesundheitsvorsorge/
  3. Vgl.: Sascha Rauschenberger: Joint Future Work und steigende Personalkosten durch Wohnungsmangel, bei: Conplore Media (2016); https://conplore.com/joint-future-work-und-steigende-personalkosten-durch-wohnungsmangel-in-deutschland/?lang=de
  4. Vgl.: Sascha Rauschenberger: E-Paper: Joint Future Work und Fehlermöglichkeiten in der Digitalisierung
    Teil 2: Migranten und Qualifikation bei: Conplore Media (2016); https://conplore.com/e-paper-joint-future-work-und-fehlermoeglichkeiten-in-der-digitalisierung-teil-2-migranten-und-qualifikation/?lang=de
  5. Vgl.: Sascha Rauschenberger: „ZAHL, aber halt’s Maul!“, Windsor Verlag (2017): https://shop.windsor-verlag.com/shop/zahl-aber-halts-maul-sascha-rauschenberger-2/

Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Hoffnung“ http://simsek.ch/

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