Mehr Mut als Wut!

Warum es so schwer ist, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu finden. Gedanken zum neuen Jahr von Peter Lewandowski.

„Wo man hinschaut, wird den Augen schlecht,
und man schließt sie fest, um nicht zu sehen.
Doch dann sieht man dies und das erst recht.
Man beschließt es müsse was geschehen.“

Bloß was, würde ich gerne Erich Kästner fragen, der diese Zeilen geschrieben hat und dessen Werk ich kürzlich bei einem Besuch des Antiquariats wieder für mich entdeckt habe. Kästners Bücher wurden verbrannt, doch er weigerte sich Deutschland zu verlassen, weil er glaubte, der böse Spuk sei bald wieder vorbei. Er bekam Schreibverbot, aber er blieb, er flüchtete sich in Alkohol, schrieb unter Pseudonym, kämpfte mit sich selbst, seiner Zerissenheit und seiner Angst.

Seine Haltung fand ich trotzdem mutig. „Man beschließt es müsse was geschehen“ – die letzte Zeile drückt soviel Unbehagen und Ratlosigkeit aus und ist deswegen leider auch so passend für unsere heutige Zeit.

Peter Lewandowski

Dass das neue Jahr, eines voller gewaltiger Herausforderungen werden wird, war lange absehbar. Und nicht erst seitdem Donald Trump die Wahl in Amerika gewonnen hat. Das Weltbeben mit Krieg, Terrorismus, Umweltkatastrophen, Hungersnöten und Flüchtlingsströmen wird weiter anschwillen. Einige Entwicklungen sind unumkehrbar, aber lassen sich deren Folgen noch klassisch managen? Mit Protektionismus und markigen Sprüchen? Auch um gewisse Strömungen gerade im Jahr der Bundestagswahl nicht noch mehr Zulauf zu ermöglichen.

Ja, wir wollen natürlich alle nur unsere Werte und unsere Freiheit verteidigen. Aber was heißt das? Aber wo beginnt die Verteidigung? In Kriegsgebieten? Oder doch erstmal bei uns selbst, weil wir uns fragen sollten, welche Werte uns noch wert ist und was Freiheit für uns bedeutet? Die humanistische Auseinandersetzung mit allem neuen? Eine Debattenkultur, die die Krawallkommunikation vieler (Politiker mit eingeschlossen) in den sozialen Medien endlich den Atem nimmt? Natürlich sind Begriffe wie „Nafri“ nicht schön, aber die Diskussion nach der zweiten Kölner Silvesternacht darüber ist lächerlich. Vor einem Jahr zu wenig Schutz, jetzt zu viel? Wie wird sich heute ein Polizist fühlen, der sich in den sozialen Medien indirekt als Rassist beschimpfen lassen muss?

Integration funktioniert nur in einer offenen zugewandten Atmosphäre. Sie betrifft nicht nur Menschen, die nach Deutschland kommen, sondern alle in unserer Gesellschaft. Zu unserem wertvollen Handeln gehört immer eine Offenheit, humanistisches Denken, der Wunsch nach Gestaltung für eine bessere Zukunft. Und Menschen, ja auch Politiker, die das sagen. Früher sind für diese Ideale viele Menschen auf die Strasse gegangen. Heute engagieren sich mehr als 20 Millionen Jugendliche und Erwachsene in einem Ehrenamt – weil ihnen das Leben von Werten wichtig ist und sie auch den Mut zur Auseinandersetzung mit den anderen haben – gerade in den Flüchtlingsheimen.

Integration der Gesellschaft, ein neues gesellschaftliches, wertvolles Miteinander (auch global in einer zusammenrückenden Welt) ist die Herausforderung für die Zukunft. Und für jeden einzelnen eine große Mutprobe sich wertvoll zu stellen – so wie es viele schon im Verborgenen machen und denen wir endlich eine Stimme geben sollten – in diesen verrückten Zeiten, in denen was geschehen muss.

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