Nennt sie bloß nicht Senioren. – Ein Kommentar von Helmut Muthers (Babyboomer) in BZ-Nachrichten.

Die früher vorherrschenden Oma- und Opa-Klischees erfüllen die meisten schon lange nicht mehr und auch die Trilogie „65 – Rente – alt“ hat längst ausgedient. Gute Beispiele für die neuen, fitten, älteren Generationen gibt es mehr als genug: Jean Pütz, Jahrgang 1936, seit 2000 in dritter Ehe verheiratet, wurde 2010 nochmal Vater. Die Rolling Stones und unzählige andere Rock- und Schlagerstars der 1960er- und 1970er-Jahre, alle um die 70, stehen immer noch oder wieder auf der Bühne und füllen große Arenen und Konzerthäuser (Mireille Ma-thieu, Status Quo, The Hollies und so weiter). Keiner kommt auf die Idee, diese Frauen und Männer als Senioren anzusprechen. Warum dann die anderen in dieser Altersklasse?

Als ich 50 wurde, bekam ich von einem Unternehmen, bei dem ich seit vielen Jahren Kunde war, einen Glückwunschbrief auf Büttenpapier, hochwertig aufgemacht und insgesamt freundlich geschrieben. Der erfreuliche erste Eindruck wurde allerdings schnell zerstört durch die handschriftlich eingetragene Anrede „Lieber Senior…“.

Mit 50, das tat weh. Dabei hatte ich doch nichts gespürt beim Wechsel von 49 zu 50. Keine Schmerzen, keine neue Falten, nicht mal ein neues graues Haar. Ich fühlte mich weiß Gott nicht wie ein alter Mann, geschweige denn wie ein Senior. Und dann das. Seit diesem Tag habe ich meine Einkäufe bei dieser Firma eingestellt. Wer so unsensibel mit mir umgeht, hat meine Loyalität und mein Geld nicht verdient.

Studien (Max-Planck-Institut 2009, Generali Altersstudie 2013 und 2017) zeigen, dass sich ältere Frauen und Männer heute zwischen 8 und 15 Jahren jünger fühlen, als in ihrem Aus-weis steht. Aber sie fühlen sich nicht nur jünger, sie denken und verhalten sich auch so und wollen dementsprechend angesprochen und behandelt werden.

Wenn sich also 70-Jährige wie 55 fühlen, sich so geben, kleiden und auftreten, hat das Kon-sequenzen für Unternehmen, Verkäufer und Berater. Einen solchen Kunden als „Alten“ oder „Senior“ anzusprechen, wird eine Kundenbeziehung belasten oder sie im Zweifel gar nicht erst zustande kommen lassen. Unternehmen und Mitarbeiter müssen dringend ihre Einstel-lung gegenüber älteren Kunden überprüfen.

Im Rahmen eines Vortrags, den ich bei einem Unternehmensverband hielt, äußerte sich ein 30-jähriger Marketing- und Vertriebsleiter über das Zielgruppen-Management 60plus seiner Firma: „Wenn unsere Kunden über 60 sind, tauschen sie ihren Porsche gegen den Rollator ein.“

Ich habe mich vergewissert, die Aussage war nicht als Scherz gemeint, sie entsprach der Denkhaltung des Referenten. Wer aber so denkt, verschließt seine Augen vor der Wirklich-keit und reduziert die Erfolgsaussichten im Umgang mit der wichtigsten Kundengruppe erheblich.

Autor Helmut Muthers

Seit mehr als 17 Jahren fokussiert sich Helmut Muthers auf die Chancen der gesellschaftlichen Alterung und den Unternehmenserfolg bei älteren Kunden und Mitarbeitern. Er gehört zur älteren Generation und kennt die Folgen der demografischen Veränderungen aus exakt dieser Perspektive.

Mit mehr als 1.600 Auftritten gehört Helmut Muthers zu den gefragtesten Rednern mit Themen wie „Sie brauchen keine neuen Kunden. Nehmen Sie die Alten.“ und „Die Mitarbeiter werden grau! Na und? Abschied vom Jugendwahn in der Personalpolitik.“

Helmut Muthers ist Betriebswirt, war Bankvorstand und Sanierer mittelständischer Banken. 1994 gründete er das MUTHERS INSTITUT für Strategisches Chancen-Management. Er ist Landes-Geschäftsführer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V. und Expert-Member des Club 55 (europäische Gemeinschaft von Marketing- und Verkaufsexperten).

Helmut Muthers ist Autor, Mitautor und Herausgeber von 24 Fach- und Hörbüchern, unter anderem „Ab 50 ist man alt… genug, um zu wissen, was man kann und will“, „30 Minuten Marketing 50+“, „Wettlauf um die Alten“.

Er ist Herausgeber des renommierten Coaching-Briefes „Monatliche Praxistipps für die Finanzwirtschaft“ (www.monatlichepraxistipps.com).

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