Neulich in Berlin: Die Versäumnisse der 68er-Generation – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BESTZEIT-PLUS

In diesem Jahr wird die 68er-Revolution 50 Jahre alt. 1968 gingen viele, vor allem junge Menschen auf die Straße, um nicht nur in Deutschland aber auch insbesondere hier in Deutschland unsere Gesellschaft zu verändern der. Der 50. Jahrestag der 68er-Revolution ist ein guter Zeitpunkt, um inne zu halten und zu überlegen, was sich seit 1968 verändert hat.

Ich selbst habe an der 68er-Revolution nicht aktiv teilgenommen. Ich war damals Schüler in Westberlin, ging in der Innenstadt zur Schule und erlebte sozusagen nicht nur räumlich sondern auch persönlich hautnah das, was sich dort als Aufstandsbewegung manifestierte. Mich störte damals der Widerspruch zwischen der Forderung einerseits gegen den US-Imperialismus und den US-Militarismus aufzubegehren, das Individuelle zu betonen und auf der anderen Seite die totale Uniformität der Protestierer. Ich erinnere mich an eine Schul-Demonstration in der alle Teilnehmer Jeans und US-Army-Parker trugen. Die hätten auch schwarze Uniformen oder graue Uniformen oder weiße Nachthemden tragen können. Alle sahen gleich aus – abgesehen von der üppigen Haarpracht. Gleichzeitig wurde Gewalt von anderen verdammt, Gewalt in Deutschland gegen Sachen im eigenen Land aber verteidigt. Mir schien das inkonsequent und kein gutes Zeichen zu sein.

Heute – 50 Jahre nach der 68er-Revolution – leben wir in einer Gesellschaft, die sehr wohlhabend ist und sich viel einbildet auf ihre Pluralität, auf ihren Multikulti-Status und auf die Freiheit der Meinung. Aber etwas genauer hinter die Kulissen schauend, empfinde ich jedenfalls den Zwang zur Political Correctness und jedes Aufbegehren gegen den Mainstream in den Medien oder in der veröffentlichten Meinung drängt den Aufbegehrenden in eine radikale oder populistische Ecke. Die Meinungsvielfalt scheint mir jedenfalls eingeschränkt zu sein. Nicht durch Gesetze, nicht durch einen autoritären Obrigkeitsstaat, sondern durch die Selbstbeschränkung.

Es gibt aber – und da komme ich jetzt auf unser Kernthema in BESTZEIT-PLUS zurück – natürlich auch ein ganz großes Versäumnis der 68er-Generation. Ich meine die Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels. Wenn es denn stimmt, dass seit 1972 der demografische Wandel in Deutschland zunächst schleichend und jetzt immer dramatischer Fuß fasst, die Folgen des demografischen Wandels deutlich sichtbar werden anhand einer alternden Bevölkerung, eines Fachkraft- und Arbeitskräfte-Mangels, einer ständigen Ungleichgewichtung der Lebensverhältnisse in den ländlichen Räumen und den urbanen Ballungsgebieten, dann stellt sich schon die Frage, wo sind die gesellschaftlichen Kräfte, wo ist die Politik in den letzten 50 Jahren gewesen und welche tragfähigen Konzepte für die Zukunft sind entwickelt worden? Wie kann es sein, dass heute jedes zehnte Kind in Deutschland von Hartz IV lebt – in Berlin ist es sogar jedes vierte Kind. Wie kann es sein, dass wir eine zunehmende Altersarmut in Deutschland beklagen, die Renten schon lange nicht mehr ausreichen, ein im Alter auskömmliches Leben zu führen. Wie kann es sein, dass Arbeitgeber noch immer nicht das riesengroße Potenzial der Arbeitnehmer 50Plus erkennen und lieber diese Mitarbeiter in den sogenannten Ruhestand ziehen lassen – was diese dann auch frustriert tun. Und dann beklagen die gleichen Arbeitgeber, das sie nicht genügend Arbeitskräfte finden.

Das alles zeigt mir deutlich, dass unser Land bei allem Wohlstand, in dem wir uns heute befinden, nicht zukunftsfest ist. Ich befürchte, dass wichtige Entwicklungen verschlafen werden und mir graut davor, in die Zukunft zu schauen und mir vorzustellen, wo wir in 10 Jahren stehen, wenn die Entwicklung so weitergeht wie jetzt.
Das sollten wir als Generation 50Plus nicht zulassen. Denn unsere Aufgabe ist es, unseren Kindern und unseren Enkeln ein Land, eine Gesellschaft zu hinterlassen, in der diese dann gerne und gut leben können.

Also ist mein Vorschlag: packen wir’s an. Wir haben in der Vergangenheit viel geschafft, wir haben für uns selbst in der Breite einen guten Wohlstand erreicht. Packen wir es an und sorgen wir dafür, dass auch in Zukunft diese tollen Lebensmöglichkeiten für unsere Kinder und Enkel in unserem Land erhalten bleiben. Dazu gehört aber nicht nur wirtschaftlicher Wohlstand, dazu gehört eben auch eine Offenheit der Gesellschaft für oft widersprüchliche Ideen und dazu gehört auch die Wahrheit zu sagen und danach zu handeln.

1969 sagte Willy Brandt: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Ich ergänze: „Wir wollen mehr Demografie wagen!“

In diesem Sinne grüße ich sie herzlich und wünsche Ihnen einen guten Tag.

Den Kommentar im 50PlusFernsehen anschauen und hören

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

Kommentar hinterlassen zu "Neulich in Berlin: Die Versäumnisse der 68er-Generation – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BESTZEIT-PLUS"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: