Neulich in Berlin: Schaut auf diese Stadt! – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BZ-Nachrichten

„Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.“

Diese ikonischen Worte fand der legendäre Berliner Bürgermeister Ernst Reuter am 9. September 1948, als er vor dem zerstörten Reichstag zu Hunderttausenden Berlinern sprach und Ihnen Mut einflößte angesichts der von den Sowjets über die Stadt verhängten verhängten Blockade. Die SPD erlebte bei den Wahlen zur (damals so genannten) Stadtverordneten-Versammlung ihren bis heute größten Wahlerfolg: Sie legte 15,8 Prozentpunkte zu und erlangte mit 64,5 % der Stimmen das höchste Ergebnis, welches je eine Partei bei demokratischen Wahlen in Deutschland erzielt hat. Die CDU sackte um 2,8 Prozentpunkte auf 19,4 % der Stimmen ab, während die LDP auf 16,1 % der Stimmen kam. Weitere Parteien traten nicht an, da die SED die Wahlen zu einer (nur West-Berliner) Stadtverordnetenversammlung als illegitim betrachtete und entsprechend nicht an der Wahl teilnahm.

Und heute? 70 Jahre nach Ernst Reuter, 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Ende der Diktatur in der DDR, würden in Berlin laut einer aktuellen Umfrage von INSA wieder 19% für die CDU stimmen, 19% für die Linke, 19% für die Grünen und nur noch 16% für die SPD votieren. Laut Forsa erhielte die AfD 11%, die FDP 8% der Wählerstimmen.

Wie konnte das passieren?

Berlin ist das, was man eine „gescheiterte Stadt“ nennen könnte. Die von einem mehr als farblosen Regierenden Bürgermeister Michael Müller (mit dem Autor nicht verwandt und nicht verschwägert!) „angeführte“ rot-rot-grüne (RRG) Landesregierung und Stadtverwaltung – Berlin ist ja beides: kleinteilige Stadt mit 12 zum Teil riesigen Bezirken und vielen Ortsteilen sowie „Kiezen“ und Bundesland mit mehr als 3,6 Millionen Einwohnern – verfügt über tolle Vorgaben und Grundlagen. Viel Natur, Wälder, Seen, Flüsse, Parks, eine schon vor 100 Jahren weltweit vorbildliche Verkehrs-Infrastruktur, Universitäten, Hochschulen, Opern, Theater, Museen, eine vom Stadtplaner James Hobrecht erdachte und durchgesetzte Stadt- und Strassen-Struktur, die ein homogenes Stadtbild gewährleistet. Berlin ist Hauptstadt eine der größten Wirtschafts-Nationen der Welt, Sitz des deutschen Bundestages, Start-Up-Zentrum… Und dennoch. Die kollektive Unfähigkeit der heutigen Politik und Verwaltung schafft es, die „Symphonie einer Großstadt“, diesem großartigen Film von Walter Ruttmann aus dem Jahr 1927, wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit erscheinen zu lassen. Den Film können Sie in BZ-NachrichtenTV anschauen:

Ich mache es mir jetzt leicht. Und liste einfach ein paar Schlagzeilen der Presse auf. Jeder geneigte Leser kann dann selbst entscheiden, wie weit er in die aktuelle Misere der größten Stadt Deutschlands eintauchen mag:

Und so könnte es schier endlos weitergehen. Bis hin zu dem Vorhaben, für 36 (!) Milliarden (!!) Euro, die Berlin gar nicht hat, Immobilien-Konzerne enteignen zu wollen.

Wer nun aber glaubt, dass sich spürbarer (bürgerlicher) Widerstand regt und „die Berliner die Schnauze voll haben“, der irrt. Keine hörbaren Proteste, keine Demos – nichts. Die CDU dümpelt bei 19% (siehe oben), es gibt zwar Unentschlossene und solche, die gar nicht wählen gehen. Aber insgesamt scheint den Bürgern der Stadt Berlin der Zustand Ihres Gemeinwesens längst nicht so schlimm zu sein, dass man sich aufregen sollte.

Wem es also in Bayern oder im „Ländle“ zu „ordentlich“ und ruhig ist, der handle nach dem Aufruf von Ernst Reuter: „Schaut auf diese Stadt!“

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

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