Neulich in Berlin: Und Herr Ferlemann hat von nichts gewußt. – Ein Kommentar von Uwe-Matthias Müller in BZ-Nachrichten

Wer ist Enak Ferlemann? Vor einigen Tagen – so behaupte ich – kannte niemand außerhalb von Cuxhaven (wo er  für die CDU in den Bundestag gewählt wurde, in dem er seit 2002 sitzt) Enak Matthias Ferlemann. Dabei ist der Mann bedeutend. Nicht nur, weil er als MdB einer von 709 Volksvertretern im Deutschen Bundestag ist. Seit 2009 ist er zudem Parlamentarischer Staatsekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Und im April 2018 wurde er zudem Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr. Und obwohl er als MdB eine Netzfahrkarte 1. Klasse im Wert von 6.000,00 Euro in ganz Deutschland nutzt, obwohl Herr Ferlemann bestimmt des Lesens mächtig ist und so von BILD und FAZ über die bereits seit Jahren andauernde Misere der Deutschen Bahn informiert sein könnte – oder müsste? – Herr Ferlemann wusste von nichts. Er tut völlig überrascht von der geringen Pünktlichkeits-Quote des Fernverkehrs, vom ächzenden Regional-Verkehr, der die Pendler-Ströme kaum fassen kann, er ist überrascht von „betriebsbedingten Störungen“, ausgefallenen Bord-Bistros und schon beim Start verdreckten Zügen, vom schlechten Internet, von verwahrlosten und mitnichten barrierefreien Bahnhöfen sowie überfüllten Zügen. „Dat geiht nich, gifft dat nich!“ ist das Motto von Herrn Ferlemann. Na, ja… Informationen zu Herrn Ferlemann gibt seine Homepage: https://www.enak-ferlemann.de/%C3%BCber-mich/. Das Bild von Herrn Ferlemann auf dessen Homepage wirkt auf mich durchaus sympathisch. Es muss ja auch nicht jeder, der nicht weiß, was er hätte wissen können (und müssen) unsympathisch sein.

Wie kann es sein, dass ein Bürger, ein Mitglied des Deutschen Bundestages und ein Beauftragter für die Belange der Bahn erst jetzt auf die Mißstände medienwirksam reagiert? Diese Mißstände sind lange bekannt, sie wurden zudem vor Monaten durch den „Brandbrief“ des DB-Vorstandes Richard Lutz (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bahn-brandbrief-richard-lutz-1.4123263) auch noch einmal schriftlich – amtlich sozusagen – festgehalten. Aber Herr Ferlemann wusste davon nichts und ist jetzt überrascht.

Die Deutsche Bahn hat die Rechtsform einer Aktiengesellschaft. Der Vorstand der DB AG wird gemäß Aktiengesetz  § 111 vom Aufsichtsrat kontrolliert (https://dejure.org/gesetze/AktG/111.html). Der Aufsichtsrat der DB AG besteht aus Politikern, Unternehmern und Vertretern von Gewerkschaften (https://www.deutschebahn.com/de/konzern/konzernprofil/aufsichtsrat-1187670). Aber auch die Mitglieder des Aufsichtsrates der DB AG wussten von nichts. Auch nicht davon, dass – wenn nichts Gravierendes geschieht – in ganz kurzer Zeit die gesetzlich festgelegte Schulden-Obergrenze der Bahn in Höhe von 20 Milliarden Euro erreicht sein wird. Und dann?

Also, ich fasse zusammen. Keiner der amtlich bestellten Verantwortlichen hat etwas gewusst. Und meine Schluss-Folgerung ist: WIR, die Bürger sind schuld. Denn niemand kann von den oben Genannten verlangen, dass sie Zeitung lesen oder Fernsehnachrichten schauen. WIR die Bürger aber hätten den MdB, Staatsekretären, Bundesbeauftragten und Aufsichtsratmitgliedern doch sagen können, ja müssen, dass die Verkehrswende so nicht läuft – bzw. fährt. WIR hätten denen „auf’s Dach steigen“ müssen. Wir haben es aber nicht getan. Und so kommt es, dass wir feststellen müssen. Herr Ferlemann hat von nichts gewusst.

Und nun?

Es stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Wer übernimmt Verantwortung? Wer packt an und löst die Probleme? Wer das tut, den wähle ich. Die anderen Schnacker können mir gestohlen bleiben.

Der Autor Uwe-Matthias Müller

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus. Bis 1998 hat er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gelebt. Heute lebt er in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt viel und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit geniesst man nur die Vorteile der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten einfach ignorieren.“

Mit „Neulich in Berlin…“ erzählt UMM Erlebnisse und Eindrücke aus der Stadt, die sich selbst als arm aber sexy beschreibt.

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