Private Krankenversicherung: Segen oder Fluch?

Ein Gastbeitrag von Oliver Beyersdorffer

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Werbung, die suggeriert man könne sich für 59,00 EUR privat krankenversichern ist irreführend und unwahr. Solche Angebote haben nichts mit einem umfassenden und vollständigen Versicherungsschutz in der Privaten Krankenversicherung gemeinsam. Erreicht werden soll hier lediglich, dass PKV-Kunden und Interessenten ihre Adressdaten eintragen. Die dadurch entststehenden Datensätze – auch Leads genannt – werden im Anschluss mehrfach verkauft. PKV-Leads sind besonders wertvoll und werden zwischen 140 EUR und 180 EUR gehandelt.
Als PKV-Kunde sollten Sie sich keinesfalls von solchen dubiosen Angeboten täuschen lassen und der PKV-Verband hat vor einigen Wochen bereits angekündigt gegen die irreführende Werbung vorgehen zu wollen.

Wer als privat Versicherter unter hohen Beiträgen leidet, dem stehen andere Wege offen um die Beitragsbelastung zu reduzieren. Mit einem Tarifwechsel beispielsweise lässt sich das erreichen. Die Rechtsgrundlage dafür bildet der Paragraph 204 des Versicherungsvertragsgesetzes. Betroffenen Kunden haben die Möglichkeit bei ihrem Versicherer in einen anderen gleichartigen aber preisgünstigeren Tarif zu wechseln.
Nicht selten sind hier sehr hohe Beitragsersparnisse möglich und der Vorteil ist, dass die bereits angesammelten Alterungsrückstellungen erhalten bleiben, die bei einer Kündigung dem Unternehmen vererbt würden. Sollte sich durch die Umstellung des Versicherungsschutzes dabei nicht erweitern, dann ist noch nicht einmal eine Gesundheitsprüfung zu machen.

Allerdings kann ich aus meiner Praxis kann sagen, dass es in der Regel zu einer Überprüfung der Gesundheitsverhältnisse kommt, denn neue(re)n Tarife enthalten zusätzliche Leistungen. Doch die Gesundheitsprüfung muss man keinesfalls fürchten, denn sie bezieht sich ausschließlich auf dieses “mehr” an Leistungen. Was bereits versichert ist, bleibt davon unberührt.

Da den Krankenversicherern die Vorteile bekannt sind, ist es für Betroffene auch nicht einfach dieses Ziel zu erreichen. Die PKV verweigert hier häufig die Mithilfe und murmelt etwas davon für alle Versicherten die Verantwortung zu tragen. Dadurch wird der Tarifwechsel regelmäßig blockiert. Aus Sicht der Unternehmen ist das auch verständlich und nachvollziehbar, immerhin ist man seit Jahrzehnten vom Streben nach Gewinn geprägt und da passt ein Tarifwechsel, der zu weniger Beitragseinnahmen führt keinesfalls ins Bild.
Wer sich nicht mit der Sach- und Rechtslage auskennt, steht hier auf verlorenem Posten. Für den Versicherungskunden ist es von entscheidener Bedeutung, dass die Informationen seines Krankenversicherer zum Tarifwechsel
erstens: vollständig sind und
zweitens: der Wahrheit entsprechen.

Speziell bei einem Tarifwechsel verschwimmen die Grenzen schnell zwischen Dichtung und Realität. Es gibt in der Zwischenzeit zahlreiche Dienstleister, die dem betroffenen PKV-Kunden bei der Umgestaltung des Versicherungsschutzes behilflich sind. Um das aber auch wirklich im Sinne des betroffenen PKV-Kunden tun zu können, ist eine fundierte Sachkenntnis und jahrelange Erfahrung die Grundvoraussetzung. Wer sich professionelle Hilfe holt, sollte unbedingt darauf achten, dass die Honorierung des Dienstleisters entweder pauschal oder zeitlich erfolgt. Keinesfalls sollte man eine Vergütungsform akzeptieren, deren Berechungsgrundlage die monatliche Beitragsdifferenz zu Grunde legt, denn hier werden falsche Anreize gesetzt, deren Folge die Vernichtung von wertvollem Versicherungsschutz bedeuten kann.

Zu erkennen ist das häufig daran, dass der Dienstleister eine „kostenlose Beratung“ anbietet oder damit wirbt, es sei „risikolos, da eine Vergütung nur im Erfolgsfall erhoben werde“. Das Ganze ist aber weder ohne Risiko noch kostenlos, denn die Vereinbarungen enthalten alle einen Passus, der automatisch einen Vergütungsanspruch auslöst, wenn der betroffene PKV-Kunde in einen der vom Dienstleister recherchierten Tarife innerhalb eines Zeitraumes von günstigstenfalls 18 Monaten und schlechtenfalls 48 Monaten wechselt. Die Vergütung wird auch dann fällig, wenn betroffene PKV-Kunden ihre Police auf Basis der Ergebnisse selbst umstellen, ohne dabei die Hilfe des Dienstleisters in Anspruch zu nehmen. Hier gilt es daher besonders wachsam zu sein, um nicht in die Fänge profitgetriebener Anbieter zu geraten, deren Geschäftsmodell es ist, betroffene PKV-Kunden zu akquirieren um dann aufgrund schlechter Tarifauswahl eine möglichst hohe Beitragsersparnis zu erreichen. Da für die Berechung der Vergütung die Beitragdifferenz zu Grund gelegt wird, die dann mit einem Faktor zwischen 5 und 12 multipliziert wird, ergibt sich häufig ein überhöhtes und zum Teil völlig ungerechtfertigtes Honorar.

Bedauerlicherweise ist es für den PKV-Kunden schwer zu erkennen, ob sein Dienstleister über die entsprechende Kenntnis der Sach- und Rechtslage verfügt sowie mit ethisch und moralisch einwandfreien Auffassung seine Beratung durchführt. Deshalb sollten PKV-Kunden, die sich zum Tarifwechsel beraten lassen wollen auf Folgendes achten:
Wie lange befasst sich der Dienstleister mit dem Tarifwechselrecht in der PKV? Die meisten Anbieter sind frühestens seit 2008 hier tätig. Es gibt nur wenige, die sich bereit länger mit dieser Thematik auseinandersetzen, obwohl das Tarifwechselrecht bereits seit 1994 existiert.

  1. Kann er Referenzen vorweisen und verfügt er über eine IHK-Zulassung als Versicherungsberater nach §3 4e GewO oder als Versicherungsmakler nach § 34d GewO?
  2. Bietet er eine pauschale oder zeitabhängige Berechung seiner Vergütung an?
  3. Schaut er sich vor Vertragsabschluss die Versicherungssituation an oder ist er nur am schnellen Abschluss einer Dienstleistungsvereinbarung interessiert, ohne sich zuvor ein Bild über die Interessen und Bedürfnisse sowie die bestehende Police zu machen?

Erst wenn diese Fragen zur Zufriedenheit beantwortet sind, kann der Tarifwechsel auch zum gewünschten Erfolg für den Kunden werden.
Die Blockadetaktik der Krankenversicherer hat dazu geführt, dass unabhängige PKV-Experten für den Kunden Partei ergreifen und die Versäumnisse der Branche aufarbeiten und das nicht gerade zur Freude der Versicherungswirtschaft. Denn hier wird man mit dem eigenen Fehlverhalten konfrontiert. Da ist es auch keineswegs verwunderlich, dass der Verband der privaten Krankenversicherer aufgrund der Forderungen von Politik und Verbraucherschützern eine Leitlinie erarbeitet hat, die den Tarifwechsel für den betroffenen Kunden erleichtern soll.

In der Einleitung liest man:
„[…] Um di(es)e Wahlfreiheit zwischen Tarifen mit Leistungs- und Preisunterschieden kompetent ausüben zu können, bedarf es einer qualifizierten Beratung, die sich am individuellen Bedarf des Versicherten und seinen Wünschen orientieren muss, und es bedarf der Transparenz über die Tarifalternativen. […]“

Im Klartext heisst das, dass die Krankenversicherer jetzt komplett umdenken müssen, denn die Bedürfnisse des einzelnen Kunden müssen im Vordergrund stehen und man muss wegsehen von den eigenen Interessen. Administrativ, fachlich und logistisch ist das von Versichererseite durchaus zu bewerkstelligen.

Aber philosophisch? Seit über hundert Jahren gibt es die Private Krankenversicherung. Läßt sich eine Philosophie des Strebens nach Gewinn, die seit so langer Zeit gepredigt und gelebt wird so einfach abschütteln? Für Versicherungsunternehmen war schon immer wichtig, was unter dem Strich steht. Da sind sich Aktiengesellschaften und Versicherungsvereine gleich. Es geht ihnen um den Gewinn. Mit Tarifwechsel macht man aber zumindest bei den Generationen 50+, 60+ und 70+ keinen Gewinn – im Gegenteil, er führt regelmäßig zu Beitragsverlusten.

Bis die Leitlinie umgesetzt wird, hat sich die Branche noch etwas Zeit verschafft. 2016 ist es dann soweit. Vielleicht kann die PKV den Spagat zwischen kundenorientierter, bedarfsgerechter, transparenter Beratung und versicherungstypischer Menatalität Gewinn machen zu wollen schaffen.

Erst wenn die PKV von den eigenen Interessen wegsieht und begreift, dass das Große Ganze, für das sie verantwortlich sein möchte mit dem Einzelnen beginnt. Wenn sie anfängt die Bedürfnisse des Individuums wichtiger zu nehmen und ohne Rücksicht auf den eigenen Verlust Lösungen für Betroffene zu finden, erst dann wird die Leitlinie umsetzbar. Bis es soweit ist, bleibt erst mal alles beim Alten.
Wer als betroffener PKV-Kunde an seiner Beitragsituation etwas ändern möchte, der sollte sich einen Experten für den Tarifwechsel in der Privaten Krankenversicherung suchen und darauf achten, dass er
erstens: über eine langjährige Erfahrung hinischtlich dieser Thematik verfügt und
zweitens: seine Vergütung nicht von der Höhe der Beitragsersparnis abhängig macht.

Das Ziel sollte sein den Versicherungsschutz so weit wie möglich zu erhalten und trotzdem Beitragsersparnisse zu erreichen. Je höher der Versicherungsumfang ist, desto mehr Möglichkeiten einer alternativen Gestaltung des Versicherungsschutzes sind realisierbar.

Oliver Beyersdorffer ist zugelassener Versicherungsberater und Geschäftsführer von Tarifwechsel24.de.

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