„Steigende Lebenserwartung – eher ein demoskopischer Witz!!“ – Ein Kommentar von Sascha Rauschenberger in BZ-Nachrichten

Zur Kompensation der steigenden Lebenserwartung bemühen sich die Rentenversicherer nun die Einsicht zu gestalten, dass steigende Beiträge unerlässlich sind. Gern gekoppelt an eine längere Lebensarbeitszeit, die dann natürlich Beiträge bringt, anstatt Gelder abfließen zu lassen.

Das ist ein besserer demoskopischer Treppenwitz – aber ein sehr böser!

Die Lebenserwartung wird nicht linear so weitersteigen, wie bisher aus der Statistik ablesbar zu sein scheint. Sie lässt sich so eben nicht mehr extrapolieren, weil neue Rahmenumstände eingetreten sind, die man gern übersieht oder auch aktiv verschweigt.

Höherer Verschleiß durch längere Arbeit

Die längere notwendige Arbeitszeit zur Stabilisierung oder gar Absicherung der Sozialkassen – sofern sie arbeitsorganisatorisch überhaupt je stattfinden kann (!!) – wird auch einen höheren Verschleiß bei den Arbeitenden verursachen. Ein Mensch, der bis vor ein paar Jahren noch mit 60 in Rente ging soll nun bis 65 oder 70 arbeiten. Eigentlich so lange, bis er 45 oder X anrechenbare (!) BEITRAGSjahre voll hat. Gemeinhin ein kleiner und feiner Unterschied, der gern unerwähnt bleibt…

Dass schon jetzt erkennbar viele Berufe das nicht schaffen werden (z.B.: Dachdecker, Fliesenleger oder auch Lehrer (!) wird dabei vernachlässigt. Andere Berufe im kognitiven Bereich werden ganz wegfallen, was dann im Alter durch fehlende Sozialbeiträge schnell zur Armut führt. Dazu später mehr.

Dass im Alter dann auch der Stress zusätzlich durch wachsende körperliche Belastung (und diese ist dann vielfältig) und auch psychische Dauerbeanspruchung (ggf. auch durch eben diese physischen Mehrbelastungen) zu vermehrten Stresssymptomen führen wird noch nicht mal untersucht. Wissenschaftlich sind diese Zusammenhänge erkannt, aber nicht in Visionen und

Planungen derer, die das X Beitragsjahre wollen eingearbeitet.

Dieser höhere Verschleiß wir sich durch eine abnehmende allg. Gesundheit abbilden, der dann in der Breite zu einer abnehmenden Lebenserwartung führen wird. Im besten Fall stagniert sie. Sie wird aber aus diesen logisch nachvollziehbaren Gründen nicht weiter als Massenphänomen steigen. Das wäre eine völlige Verdrehung dessen, was schon jetzt wissenschaftlich erwiesen ist.

Medizintechnische Entwicklung

Diese ist ein ursächlicher Auslöser für eine höhere Lebenserwartung, wenn sie denn vollumfänglich einer breiten Masse zur Verfügung steht. Hierunter fallen zusammenfassend (und vereinfacht dargestellt) alle technischen, Pharmazeutischen und methodischen medizinischen Ansätze den Wirkungsgrad vorhandener Mittel und Methoden zu erhöhen und/oder neue zu entwickeln. All das setzt aber voraus, dass die Sprungkosten für die jeweils nächste Stufe refinanziert werden können, man also durch Umsatz diese Kosten als Serviceleister wiederbekommen wird.

Das geht aber nur, wenn eben diese medizintechnische Leistung auf einer möglichst breiten Front nachgefragt wird, oder überhaupt nachgefragt werden KANN. Letzteres ist ein individuelles finanzielles Problem.

Was ist, wenn immer größere Teile der Bevölkerung sich diesen Fortschritt nicht mehr leisten können. Die Krankenkassen diese Services nicht mehr mittragen können und Zuzahlungen nicht mehr individuell leistbar für Patienten sind?

Hier sind schon jetzt deutliche Signale für eine Zweiklassenmedizin erkennbar. Besonders bei Zahnbehandlungen gern angeführt.

Schröder sagte einmal, dass man nicht den gesellschaftlichen Stand eines Menschen an den Zähnen ablesen können dürfte. Doch dabei wird es nicht bleiben, der gesellschaftliche Stand und mit ihm die damit einhergehenden finanziellen Möglichkeiten werden auch den Zugang zu anderen medizintechnischen Fortschritten und Lösungen definieren, die dann schlussendlich auch lebenszeitbestimmend sein werden.

Und für immer größere Teile ist schon jetzt absehbar, dass das nicht der Fall sein wird.

Armut

Pharao Ramses II herrschte 1500 v. Chr., über einen biblischen Zeitraum hinweg und wurde über 90 Jahre alt. Das war kein Ergebnis göttlicher Zuwendung, sondern vielmehr der Zugang zu besseren Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und einem eher ruhigerem „arbeitsarmen“ Leben. Seine Untertanen hatten da deutlich andere Lebensspannen. Das gilt auch für viele andere Zeiten und Gesellschaften. Die Oberschicht hatte eine andere Lebenserwartung als ärmere Schichten der Gesellschaft. Das hat nichts mit Neid zu tun, es ist einfach Fakt.

Gern wird in Deutschland dieser Aspekt verdrängt, doch zeigen DIE TAFELN hier ein anderes Bild auf.

Auch die sich abzeichnende Altersarmut, jetzt durch die weitere Rentenbesteuerung in 2019 wieder im Fokus, zeigt hier ein mögliches Potential auf – gern als Gefahr verkannt(!) und/oder aktiv kleingeredet – das durchaus eben diesen Aspekt real erscheinen lässt. Zumindest realer, als aus der Ansicht derer herauszuhören ist, die mit steigenden Lebenserwartungen kalkulieren wollen.
Zum Stichwort „Altersarmut“ haben die BZ-Nachrichten eine dreiteilige Serie veröffentlicht („Focus Altersarmut„), daher soll hier darauf nicht weiter eingegangen werden.

Doch zusätzlich, und auch hier schweigt die Politik, wird das Armutsrisiko steigen, sobald ein Partner stirbt und dann die Rente auf 65% absinkt. Gerade im unteren Bereich wird dieser Verlust kaum zu kompensieren sein. Gerade nicht in Ballungsgebieten mit steigenden Mieten und höheren Lebenshaltungskosten. Dies wird dann automatisch zu Lasten dessen gehen, was gesunde und ausgewogene Ernährung angesehen werden muss. Oder auch zu Lasten dessen, was Krankenkassen dann nicht mehr zahlen und daher finanziert werden müsste. Beides kaum Aspekte, die hier steigende Lebenserwartungen vermuten lassen…

Es darf sonst nichts passieren!

Das betrifft alles, was diese ohnehin schon recht fragil anzusehenden Prämissen angeht. Die letzten zehn Jahre sahen wir einen Aufschwung, der der längste der dt. Geschichte seit 1871-1914 ist. Es scheint so, dass jeder damit kalkuliert, dass das so weitergeht.

Zwar stehen überall – weltweit(!) die Zeichen auf Veränderung, doch scheint das für die Kalkulation der Lebenserwartung eher nebensächlich zu sein.

Allein eine wirtschaftliche Delle, wie 2000 (Dotcom-Blase) oder 2008 (Euro) würden alle o.g. Elemente noch signifikant steigern. Man könnte auch von einer Eskalation dessen reden, was da momentan noch „unwahrscheinliches und vernachlässigbares Szenario“ in den Köpfen der Visionäre hängt.

Es darf sich eigentlich gar nichts ändern. Weder der weiter wachsende Zufluss an Sozialbeiträgen an sich noch an der machbaren Forderung nach mehr davon.

Fazit

Wie es aussieht will man in der Diskussion gewisse schon jetzt erkennbare langfristige Entwicklungen verdrängen. Oder man schafft es nicht Demographie und Digitalisierung auf ein gesellschaftliches Gesamtbild ganzheitlich zu beziehen. Weder in den Auswirkungen noch in den ursächlichen Folgen für eine Gesellschaft, die immer länger arbeiten muss, mit immer höheren Abgaben, um etwas zu retten, was auf dem derzeitigen Niveau allein schon mathematisch kaum noch leistbar oder vorstellbar ist.

Vielmehr scheint diese losgetretene Diskussion letztlich darauf hinauslaufen zu sollen den Boden für weitere Beitragserhöhungen zu bereiten. Nicht zur Absicherung der Zukunft, sondern zur Finanzierung des AKTUELLEN Status Quo.

Das völlige Versagen zusammenhängend das Problem der immer längeren Arbeit bis ins Alter hinein fachlich, inhaltlich, sozial und auch demoskopisch beleuchten zu können ist wie ein Spiegelbild unserer Zeit. Einer Zeit, die zunehmend dazu neigt, dummen Menschen Gelegenheit zu geben mit ihrem Nichtwissen, fehlender Vorstellung und ganzheitlicher Vision etwas zu tun, was vorhersehbar vorn und hinten nicht passen wird. Allein darauf ausgelegt HIER und JETZT etwas zu reparieren, was schon vor Jahrzehnten ein neues Fundament gebraucht hätte.

Und exakt diese semantische Folge des Nichtstuns ist nun da angekommen, wo es dem Volk wirklich und unverzeihlich wehtun wird: bei seiner Lebenserwartung an sich!

Klar, dass man das so nicht politisch verkaufen kann… und schon gar nicht will!

Der Autor Sascha Rauschenberger

Sascha Rauschenberger, geboren 1966 in Wattenscheid, ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo er als Panzeraufklärer und Nachrichtenoffizier Dienst tat. Er diente, unter anderem als Reservist, in vier Auslandseinsätzen, zuletzt als Militärberater in Afghanistan.

Seit 2000 ist er als Unternehmensberater im Bereich Projektmanagement und Arbeitsorganisation (Future Work) tätig.


Fotoquelle: Yusuf Simsek: „Am Ende des Weges“ http://simsek.ch/

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