Warum der Demografische Aufbruch so wichtig ist. – Auf der Suche nach Antworten. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Ein Rückblick auf die Demografie-Debatte Deutschland am 22. und 23.  November in Berlin von Renate Zott, Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus (BVI50Plus).

In Deutschland ist es nicht anders als im Rest der Welt: Wir löschen Brände, aber kümmern uns nicht ausreichend darum, sie zu verhindern.

Leider gilt das für alle großen Herausforderungen dieser Zeit. Wir sind nämlich Weltmeister darin, sie zu analysieren, wissenschaftlich nachzuweisen und zu dokumentieren, aber die Mächtigen sind zu schwach und zu unentschlossen – auch zu selbstverliebt und narzisstisch, die erforderlichen Konsequenzen und Taten folgen zu lassen. Es ist dieses unsäglich egoistische Kalkül, gefüttert vom unstillbaren Hunger nach Macht und Geld – mit aktuell-schönen Grüßen aus Buenos Aires.

Zurück von der Weltbühne ins vermeintlich kleine Deutschland. Nur weil wir als reiches Land gelten und wirtschaftlich stark sind, erhebt das weder Anspruch noch Garantie darauf, dass es so bleibt. Was es für unseren Wohlstand von morgen bedeuten kann, wenn die Bevölkerung nachweislich altert und schrumpft wird seit Jahrzehnten unter Berücksichtigung der unterschiedlichsten Einflussfaktoren mit klaren Ergebnissen erforscht. Und es ist eine Tatsache, dass dieser Prozess (= demografischer Wandel) eine der größten Herausforderungen politischer und gesellschaftlicher Art unserer Zeit ist.

Dass Deutschland altert hat sich zwar herumgesprochen, um dessen Tragweite und Auswirkungen in der Zukunft kümmern sich aber noch deutlich zu wenig. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für unsere Gesellschaft, d.h. jeden von uns. Wenn wir also nicht abwarten und einfach zuschauen wollen, bis ein Beitragszahler auf einen Rentner kommt (ca. 2037), müssen wir heute anfangen, Chancen und Risiken auszuloten, um die Weichen zu stellen. Der Bundesverband Initiative 50Plus hat das getan und mit seiner Auftaktveranstaltung in Berlin

Demografie-Debatte Deutschland

einem geladenen Kreis tatkräftig Anstoß gegeben, dieses Thema umfassend zu diskutieren. BZ-Nachrichten berichtete https://www.bz-nachrichten.de/demografie-debatte-deutschland-gelungener-auftakt-in-berlin-impressionen/).

Die Vorträge und Diskussionsrunden überzeugten durch profunde und mitreißend vorgetragene Inhalte und haben auch mich – und ich meine ich bin ein bisschen im Thema – aufhorchen lassen und mir neue, weniger offensichtlich präsente Perspektiven aufgezeigt. Auf die Nennung der einzelnen, ausgewiesenen und über Deutschlands Grenzen hinweg anerkannten Experten möchte ich verzichten und dafür ein paar Inhalte zusammenfassen, die mir ganz besonders wichtig erscheinen:

Wir müssen neue Lebensentwürfe finden

Im Alter alleine zu sein, ist keine schöne Vorstellung und eine noch schlimmere, sich einsam zu fühlen. Ist es heute bereits so, dass außerhalb der Großstädte, viele Menschen – auch alleine – in ihren Häusern aus der Familienphase wohnen bleiben, prognostiziert man, dass sich dieser Trend fortsetzt und intensiviert (Haushaltsgröße 2030 geschätzte 1,88 Personen; 1970 rd. 2,74; 2011 rd 2). Sprich: immer mehr alte Menschen leben in großen Häusern alleine und gleichzeitig fehlt bezahlbarer Wohnraum für junge Familien.

Solange man es sich leisten kann, sucht man nicht nach Wohn-Alternativen. Die Eltern der Babyboomer-Generation bleiben in ihrer vertrauten Umgebung und in ihren 4 Wänden, solange es geht. Menschen 60 Plus, die aktiv über eine Alten-WG oder eine WG im Generationenmix nachdenken, sind nach wie vor die Ausnahme. Über die Jahre angeeignete Egoismen, starre Gewohnheiten, Ansichten und soziale Unterschiede machen es schwer, „Tür an Tür mit Alice“ zu wohnen. Zum Vorteil ist uns dabei auch nicht, dass nach mehrheitlicher Ansicht der Bevölkerung die Generationenunterschiede heute größer sind, als früher. Demnach bezweifele ich, dass sich WG’s mit unserem heutigen Wohnraumangebot zur attraktiven Lebensidee mausern werden. Im Gegenteil, ich nehme einen zunehmenden Zerfall der traditionellen Familie und des füreinander Sorgens wahr. Sich gegenseitig zu helfen, ist wirklich keine neue Erfindung, aber wir müssten wieder lernen, sie zu praktizieren. Die Gefahr, in unseren Strukturen im Alter nicht nur alleine sondern auch einsam zu sein, ist mir im Rahmen der Demografie-Debatte Deutschland  bewusster denn je geworden. Dass attraktive Wohn- und Lebenskonzepte noch fehlen, auch.

Jede Kindergeneration ist kleiner, als die vorherige Elterngeneration und das nicht nur bei uns

Wer kennt sie nicht, die Bevölkerungspyramiden und jeder weiß, dass sich der dicke Bauch der Babybommer immer weiter nach oben schiebt und uns alt werden lässt. Aber auch ein Blick auf unsere europäischen Nachbarn und auf die weltweite Bevölkerungsentwicklung lohnt sich, denn damit erschließen sich Zukunftstrends, die auch Einfluss auf Deutschland haben. Sehen wir beispielsweise, dass die Geburtenrate in Osteuropa lange Zeit sehr stabil und durch die Planwirtschaft im Grunde unabhängig vom Westen war, hat der Übergang in die Marktwirtschaft nicht nur eine Abwanderung zur Folge, sondern auch einen drastischen Rückgang der Geburtenrate.

Betrachten wir Europa insgesamt, haben wir in Zukunft eher einen Sterbeüberschuss, denn höhere Geburtenraten zu erwarten. Wir befinden uns also schon fast mitten drin, im Wettbewerb um Einwohner und da wird der die Nase vorn haben, der Menschen in seinem Land ein solides Leben, Arbeit und eine funktionierende Wirtschaft anbieten kann. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass wir nicht davon ausgehen können, dass Frauen aus Osteuropa sich weiterhin nach Deutschland aufmachen werden, um hier bei uns Altenpflege zu leisten. Das vertraute Modell: „Ich hole mir eine Polin ins Haus“ hat also keine Zukunft.

Der Blick über den deutschen Tellerrand zeigt, wie stark die demografische und die ökonomische Entwicklung in Europa Hand in Hand gehen und voneinander abhängen. Diese starke Korrelation von Wirtschaft und Demografie ist ein weiterer wichtiger Aspekt in der Debatte, der m.E. sehr unterschätzt wird.

Wer mehr über Europas demografische Zukunft wissen möchte, findet diese auf www.berlin-institut.org. Die Seite vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hält geballtes Wissen bereit.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Echtzeitsysteme und Robotik und autonomes Fahren sind unter vielen anderen Begriffe, die im Zusammenhang mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz fallen. Sieht man sich an, wie weit beispielsweise die Geriatronik (technische Assistenz für Ältere und Kranke) schon heute entwickelt ist, dann ist es, als würde man Teil einer Science-Fiction Welt. Auch hierzu wurden den Teilnehmern bei der Demografie-Debatte Deutschland äußerst spannende Einblicke gewährt. Robotische Hilfe kann also bereits heute theoretisch zu Hause die Assistenz für eine Reihe von Aufgaben übernehmen. Getränke reichen, Unterhaltung lernen, die Boden-Reinigung übernehmen und vieles mehr. Auch ein sogenanntes RoLaRad, ein selbstfahrendes Einkaufsmobil, gibt es schon. Sag‘ ihm einfach, was er einkaufen soll und schon fährt er alleine los. Und wenn die Menschen im nächstgelegenen Supermarkt die Einkaufsliste sorgfältig abarbeiten und einladen, kommt er selbstfahrend zu dir zurück. Wenn mir heute also die „Lizzy“ (so haben wir die freundliche Stimme unseres Navis getauft) den Weg zum Ziel zeigt, übernimmt „Mr. Jo“ morgen weitere Jobs, bringt dich hin und fährt dich auch wieder nach Hause. Einerseits ist es spannend zu beobachten, was Technik in naher Zukunft leisten kann und wann diese „bezahlbar“ sein wird. Es hat etwas Spielerisches und Vergnügliches und erinnert mich an einen Papagei, dem man das Sprechen beibringt. Andererseits ist die Vorstellung, dass mir eines Tages eine Roboterhand über den Kopf streicht und sagt: „Ach Omi, entspann‘ dich“ nicht geheuer. Noch kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass so ein technischer „Freund“ menschliche Wärme und Nähe ersetzen kann. Aber vielleicht geht auch das eines Tages.

Voraussetzung für den Einsatz dieser technischen Assistenzen ist allerdings ein flächendeckendes, stabiles Netz. Solange wir Funklöcher haben und Leitungen, die nicht ausreichend Datenmengen in Echtzeit liefern können, werden „Mr. Jo & Kollegen“ – neben einer Reihe von anderen wichtigen Aspekten – in der Halle der robotischen Helden stehen bleiben müssen. Dass wir heute erst dabei sind, schnelles Internet aufs Land zu bringen, verdeutlicht, dass wir mit vielen Dingen dem technischen Fortschritt meilenweit hinterher sind. Meilenschuhe – wo seid ihr?

Dies als Essenz meiner Top 3 aus der sehr gelungenen Auftaktveranstaltung in Berlin. Demografie ist ein so komplexes Feld an Aufgaben, die wir zu meistern haben werden, aber nur gestalten werden können, wenn wir sie JETZT anpacken. Der Bundesverband Initiative 50Plus hat einen Anfang gemacht. Es liegt an uns allen und der politischen Führung, den Faden aufzunehmen und weitere Maschen anzuschlagen – es gibt eine Menge zu „stricken“!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

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