#wasmichimostenstoert. – Ein Kommentar von Renate Zott

Im Hinblick auf die anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen hat Jochen Beyer unter dem #wasmichamostenstoert aufgerufen, darauf Antworten zu geben. Also genauer gesagt, was unsere Bürger stört, was anders laufen sollte und was sie sich von der Politik wünschen.

Möglicherweise hätte der Hashtag auch #warumwaehlenimostensovielerechts heißen können, denn das war m.E. auch zentrales Thema der Sendung.

Was mich gleich eingangs der Doku, ZDFzoom, ausgestrahlt am 14.8.19, gestört hat, ist der Umstand, dass unglaublich viele Menschen in den sozialen Netzwerken Kommentare hinterlassen haben, ein Interview dann aber ablehnten. So ist das heutzutage auf den Social Media Kanälen: man kotzt sich aus, will aber keinen Austausch, keine Diskussion, kein Hinterfragen seiner Betrachtungen. Rede und Antwort stehen ist nicht angesagt. Also Hauptsache unerkannt rumkotzen. Das nervt mich kolossal. Wer an einem solchen Aufruf teilnimmt muss doch davon ausgehen, dass Feedback kommen kann und – im eigentlich besten Fall – die eigene Meinung öffentlich wird. Sich dann zu verstecken ist für mich eine bedauerliche Tendenz, die ins Bild passt. Nicht ins West-Ost-Bild, sondern zur gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Land.

Aber nun zum Kern der Sendung, nämlich dem Osten. Da ist die Meinung weit verbreitet, dass wir Wessis auf die Ossis herabschauen, auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung glauben, etwas Besseres zu sein; intellektuell auf einem höheren Niveau stehen. Man habe das vielfach hautnah erlebt, jedenfalls bei den ersten Begegnungen. Erst später, bei intensiveren Gesprächen seien Schranken gefallen, wäre doch klar geworden, dass man auf Augenhöhe sei. Die Interviewpartner waren in der Hauptsache ältere Menschen und ich nehme Ihnen durchaus ab, dass das so war. Die Historie lässt im Grunde auch keinen anderen Schluss zu, denn nach dem Mauerfall muss ja neben dem großen Gefühl der Wiedervereinigung, ein Eindruck entstanden sein, den man vielleicht so überschreiben könnte: Nun zeigen wir Wessis euch mal, wie Politik, Wirtschaft und Leben richtig geht. Und zweifelsohne: Es hat ausreichend Westdeutsche gegeben, die sich bereichert haben, das schnelle Geschäft im Osten witterten und jede Menge Menschen über den Tisch gezogen haben. Durch den Mauerfall hat es in fast allen ostdeutschen Biographien seit 1990 prägende Brüche gegeben, auch das soll nicht vergessen gehen. So wie die „Aufbrüche“, die vielen danach gelungen sind.

Auch wenn die Einheit Deutschlands noch „in der Mache“ ist möchte ich behaupten, dass sich junge Menschen in Ost und West heute so vorurteilsfrei begegnen können, wie sie das auf der ganzen Welt tun. Jedenfalls hoffe ich das sehr.

Fehler wurden viele gemacht, aber auch viel richtig. Wenn man durch den Osten fährt und die Augen aufmacht, sieht man es. In viele Städte, Straßen und Infrastruktur wurde und wird eine Menge investiert. Ich bin durch den Osten gereist und auch mit dem Wohnmobil an der Ostsee entlang, um mir selbst ein Bild zu machen. Die Strandbäder dort reihen sich wie eine Perlenkette aneinander; eins schöner als das andere. Von Ahlbeck auf Usedom bis zur Insel Poel: Sandstrände die – abgesehen von den Strandkörben – Südseefeeling wecken, aufwendig restaurierte Fassaden, schöne Promenaden, da kann man als Wessi mit dem dunkleren Stand an der Nordsee schon mal neidisch werden. Der Fisch ist nicht weniger lecker als am Timmendorfer Strand, kostet aber gleich 3-4 EUR weniger. Die Straßen, die wir durch die neuen Bundesländer und später an der Küste entlang genommen haben, waren größtenteils ziemlich neu und wir schwer beeindruckt. Will sagen, es ist einiges passiert in den 30 Jahren und auch große Städte wie Dresden und Leipzig können sich mehr als sehen lassen!

Zum Thema warum es in den neuen Bundesländern so viele Menschen gibt, die AfD wählen hat sich der Kommentar eines Interviewpartners besonders bei mir eingeprägt: Grund dafür sei gewesen, die Politiker endlich wieder >munter< zu machen. Es ging bei den ehemaligen SPD und CDU Wählern also gar nicht so sehr um Inhalte, sondern vielmehr darum, die politisch Verantwortlichen wach zu rütteln. Ob die AfD nun die passende Partei für einen Weckruf ist, lasse ich mal dahingestellt.

Jedenfalls ist die Begeisterung über das, was die AfD bisher auf der politischen Bühne gezeigt hat ziemlich klein, der Frust insgesamt aber immer noch sehr groß. Auch zum Beispiel darüber, dass es in kleinen Ortschaften keine gescheite Internetverbindung gibt und man auf den Dachboden muss, damit man mobil telefonieren kann. Zu diesem Punkt kann ich anmerken, dass es auch in den alten Bundesländern Gemeinden gibt, bei denen die digitale Welt ebenfalls noch im Tiefschlaf liegt. Ich erinnere mich gut an einen Ausflug in den schönen Schwarzwald. Ein abgelegenes, malerischeres Dorf. Abgeschnitten vom Stress der Großstädte, aber auch abgeschnitten von der digitalen Welt. Hier hilft nicht mal der Dachboden .

Trotzdem will ich die Unterschiede gar nicht wegreden. Natürlich müssen wir gemeinsam daran arbeiten, dass auch die Städte außerhalb der ostdeutschen Boom-Regionen Anschluss und wirtschaftliche Perspektiven bekommen. Politik kann vieles richten, aber nicht alles. Wir müssen alle unseren Beitrag leisten, Gemeinsinn schärfen, unsere Demokratie beschützen, Wessis wie Ossis. Es hilft nicht, Menschenrechte und Meinungsfreiheit zugunsten eines Munter-machens in Gefahr zu bringen. Was helfen würde, wäre endlich ein Schlussstrich zu ziehen unter die Vorurteilspflege und die Ost-West-Spielchen.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

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