Welche Frauen braucht das Land? – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Ich sag’s euch: „arbeitswütige Muttertiere“. Also die perfekte Mutter, die morgens um 5 den Brei rührt oder Brote schmiert, tagsüber ambitioniert einen Top-Job macht und abends geduldig Wiegenlieder singt oder Vokabeln abfragt. Richtig tough sind die, die sich dann noch auf den Hometrainer setzten, um knackig und fit zu bleiben; schließlich steht man im Wettbewerb.

Betrachtet man die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist es genau der Frauentyp, den sich unser Land wünscht oder wünschen muss. Denn: wir brauchen Fachkräfte und Kinder. Beides ist Mangelware.

Stellt sich nur die Frage, ob sich auch die Frauen diese Mischung aus Super-Mami und Top-Job-Lady wünschen. Mag sein, dass es Frauen gibt, die Kind & Karriere toll finden und acht Wochen nach der Geburt wieder an ihren Schreibtisch wollen. Geburt und Wochenbett sind aber keine Ferien. Es ist eine Phase außergewöhnlich hoher Belastung für Körper, Seele und Partnerschaft. Schließlich ist mit Baby erstmal alles anders. Völlig anders (!) und die Karriereentscheidung oft schlicht und ergreifend ökonomischer Zwang. Denn nur so kannst du als Frau finanzielle Abhängigkeit und Altersarmut vermeiden. Vorausgesetzt, die Vergütung passt.

Abhängigkeit vom Partner oder vom Staat ist immer noch die Realität

Die Lebenswirklichkeit von Frauen sieht nämlich ganz anders aus. 63% der verheirateten Frauen verdienen im Monat unter 1.000 EUR netto und werden sich im Alter kaum alleine versorgen können. Und das traditionelle Rollenbild hat sich keineswegs verändert. Vorherrschend ist die Rollenverteilung des Mannes als Hauptverdiener und der Frau und Mutter, die etwas „dazuverdient“. Frauen, die sich hierzulande für dieses Modell entscheiden, entscheiden sich also gleichzeitig dafür, finanziell abhängig zu sein und zwar mit allen Konsequenzen. Lebenslänglich.

Von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft vor diese Wahl gestellt zu werden ist total daneben und die Antwort: „dann geh‘ doch Vollzeit arbeiten“, zu einfach. Ich weiß genau, wovon ich rede, denn ich stand vor knapp 30 Jahren auch vor dieser Wahl. Noch im Wochenbett liegend, genauer gesagt, 3 Tage nach der Geburt meines Kindes, habe ich meine Arbeit aufgenommen; 1 Woche später wieder an meinem Schreibtisch gesessen. Nein, so ganz und gar freiwillig war das nicht. Rückblickend weiß ich gar nicht, wie ich das überlebt habe. Mein Baby am Schreibtisch gestillt, so wenig geschlafen, wie es Eltern in dieser Phase tun, Wäsche und Haushalt quasi nebenbei erledigt. Essen: schnell zwischendurch, so manche Mahlzeit ist ausgefallen. Gesund war das keineswegs. Kunden wunderten sich, E-Mails mit Absendeuhrzeiten von 3 oder 4 Uhr in der Früh zu erhalten und ich wunderte mich, wie ich und mein Körper das aushalten konnten. Eigene Grenzen habe ich wie selbstverständlich überhört, einfach funktioniert. Jeden Tag neu. Dabei wäre es legitim gewesen, unangekündigt umzukippen. Der Körper hätte eines schönen Morgens auch mal „nein“ sagen können. Gewundert hätte es mich nicht.

Aber die, die um mich waren schon. Schließlich sahen sie nur den Ausschnitt. Den Ausschnitt von der berufstätigen Mutter, die alles wunderbar auf die Reihe kriegt und allen Verpflichtungen scheinbar mühelos nachkommt. Allen voran den finanziellen.

Was es wirklich bedeutet, Familie und Vollzeitjob unter einen Hut zu bringen – womöglich noch alleinerziehend, weiß nur, wer dieses Modell gelebt hat. Der Preis dafür ist hoch und eine Gesellschaft, die das von Frauen, die unabhängig bleiben wollen abfordert, schlicht und ergreifend unsozial; auch unmenschlich.

Vollzeit für alle Frauen ist nicht die Lösung

Ich verstehe deshalb Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden und auch Frauen, die ihre Belastungsgrenzen ernst nehmen und Teilzeit arbeiten. Insbesondere mit den Erfahrungen und Eindrücken, die ich sammeln „durfte“. Denn ich unterstelle ihnen nicht pauschal, dass sie sich damit grundsätzlich gegen ihren Beruf oder gegen die Nutzung ihrer Qualifikationen entscheiden. Ich unterstelle viel mehr, dass Politik und Wirtschaft noch immer nicht in der Lage sind, flächendeckend praxistaugliche Lösungen anzubieten und Arbeits(zeit)modelle zu entwickeln, die das Projekt Full-Time-Eltern attraktiv machen und diesem Lebensmodell ausreichend Anerkennung schenken. Anerkennen müsste dann auch endlich „Gesellschaft“, dass die Wahl der Rollenverteilung frei ist und ganz theoretisch ist sie das auch. Aber solange in den Köpfen der Hausmann ein Weichei bleibt und Frauen die arbeiten „Rabenmütter“ sind oder die, die zuhause bleiben „Heimchen am Herd“, werden wir unsere starren Normen wohl kaum verlassen. Nur unvoreingenommene Geister können sich heute schon mit der Idee anfreunden, dass Männlichkeit auch bedeuten kann, sich als Vater mit Haut und Haaren um seine Kinder zu kümmern.

Es ist wirklich kein fortschrittliches Gesellschaftsbild, das wir in unserem Wohlstandsland abbilden und finanzielle Abhängigkeit und Altersarmut von Frauen nicht selbstgemacht. Es macht mich wütend, dass Männer und Frauen nicht dagegen auf die Straße gehen. Auch wir „Alten“ sind dabei gefordert. Schließlich waren schon unsere Eltern davon überzeugt, dass Mädchen und Jungen gleich gut ausgebildet werden sollten. Wir, die Generation der Babyboomer haben diese Intension fortgetragen und dafür gesorgt, dass unsere Kinder unabhängig vom Geschlecht die gleichen Voraussetzungen beim Start ins Berufsleben haben. Versäumt haben wir jedoch, Strukturen zu schaffen, die für Mütter und Väter auch finanziell attraktiv genug sind, ihre Qualifikationen in einer gesunden Balance zwischen Leben und Arbeit gleichwertig und gleichbezahlt einzusetzen. Im Gegenteil: wir haben Niedriglohnsegmente produziert und Care-Arbeit genau genommen unmöglich gemacht.

Wir Frauen mit Kindern wollen weder im Burnout noch in Altersarmut enden. Wir haben es nicht verdient, ohne hochdotierten Vollzeitjob am Ende des Tages Flaschen zu sammeln oder Kohlrabi-Blätter auskochen zu müssen, um uns über Wasser zu halten. Wir sind nämlich vor allem eins: Menschen. Und zwar Menschen, die eine Menge zu unserem Vorzeigeland beigetragen haben und beitragen. Die Wahrheit ist: Der Weg bis zur realen Gleichstellung ist noch sehr weit.

Leider.

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

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