Zwischen Verfallsdatum und Frühlings-Fieber. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten

Wir wollen mal ehrlich sein: früher oder später kommt er, der Verfallsnager. Fast unbemerkt beißt er sich rein in dein Fleisch, meißelt Krater in deine schöne Haut und lässt dich Jahr für Jahr ein bisschen älter aus der Wäsche gucken. An der Hülle kannst du bluffen, die Gräben unterspritzen oder wegstraffen lassen, aber der Typ lässt dich nicht mehr in Ruhe, der kommt immer wieder und nagt einfach weiter. Also entspann’ dich. Denn im Grunde genommen, ist es ja einfach nur eine wahnsinnig gute Geschäftsidee, den Zeigefinger in eben diese Wunde zu legen und mit dem Verfallsdatum des weiblichen Körpers zu drohen. Bei der Drohung bleibt es nicht, er spült dich runter von der faltenfreien Bühne und reißt dich weg in die Unsichtbarkeit. Dabei spielt dem Milliardengeschäft in die Hände, dass Frauen grundsätzlich zu sehr vielem bereit sind, wenn es darum geht, gemachten Idealen zu entsprechen, während Männer sich (noch) entspannt in die gottgegebene Ecke zurückziehen können.

Genau genommen ist aber die Maßeinheit für Attraktivität nicht das kalendarische Alter oder die Anzahl der Falten, sondern die Ausstrahlung, die durch deine Geisteshaltung, deinen Esprit und nicht zuletzt auch eine gewisse Lebensdisziplin durch die Hülle zum Vorschein tritt. Ein weiterer Grund, sich weniger Sorgen zu machen – jedenfalls wenn’s um die Falten geht.

Wie hervorragend es trotzdem mit dem großen Geschäft ums Schönsein klappt, sieht man in vielen Gesichtern; nur wenn man zu viel davon sieht wird’s kritisch. Denn eigentlich soll man ja nix sehen. Beim Lunch schnell einen Botox-Frische-Stopp einlegen und dann von der Kollegin gegenüber am Nachmittag hören: „Mensch Süße, du siehst immer so frisch und erholt aus, wie machst du das eigentlich?! Darin liegt also die wahre Kunst. Den Kilometerstand der äußeren Hülle quasi unbemerkt tunen und die Manipulation am Grenzwert so justieren, dass die Schummelei mit der alten Klapper-Karosse nicht auffällt. Aber die Welt ist gemein, schnell unkt es aus allen Ecken – freimütig oder mit vorgehaltener Hand, wenn der unanständig teure neue Kopf samt Näschenkorrektur missraten ist.

Dabei ist die Schönheitsindustrie längst raus aus der Stars und Sternchenwelt. Die Denkmalpflege ist auch bei Frau „Glatt“ im Nachbarhaus angekommen. Geschätzte 800.000 (!) lassen mindestens 1 x im Jahr „was machen“. Mein Haus, mein Boot, mein Pferd, mein Body – man lässt es sich etwas kosten. Wie viel genau posaunen wenige raus; die Etats sind bisweilen sehr üppig – schließlich soll sich das Ergebnis >natürlich< sehen lassen. Da ist man nicht kleinlich.

Dass ich auf dieses Pferd nicht aufsteige bedeutet nicht, dass ich mir einen Archäologen als Mann gesucht habe, weil der die alten Knochen so mag. Und nein, ich vergrabe mich auch nicht mit Chips & Schokolade ins Sofa, denn ich lebe ja noch und sehne weder nach Ersatz für meine Knie noch nach Diabetes. Denn: es gibt etwas dazwischen; zwischen dem was Betrachtern staunend den Mund aufreißt oder zum Kopfschütteln zwingt. Einen Weg zwischen den Extremen. Und ich meine da ist eine Menge Platz und Raum für das „normale“ altern. In Jeans und Turnschuhen oder im Kleid und High Heels. Jeder wie er gerade mag. Für mich gerne beides und ein Make-up noch obendrauf. Das für „mit Falten“ bitteschön. Da ärgert es mich ungemein, dass Schreiber neuerdings meinen, dass ich meine Pumps getrost in die Altkleidersammlung geben und mich nun ganz der Bequemlichkeit hinwerfen kann. Mehr noch, auch die Sneakers werden an Ü50 Füßen nicht mehr gezeigt. Das alles während Brigitte Macron (64) in 12 cm Heels gekonnt über den Südrasen vorm Weißen Haus daherkommt und alle klatschen. Ist das nicht irre? Genau das ist es. Nun bin ich nicht Frankreichs Première Dame und auch noch keine 64 – aber deswegen gleich die Heels aus meiner Schuhsammlung verbannen?! Nicht mit mir! Ich werde mich nicht irgendeinem Diktat: Mode-oder-Schönheit-für-mein-Alter unterwerfen, sondern einfach gelassen weitermachen, wie ich bin. Jetzt hier und heute auch auf hohen Schuhen. Und so lange sie mich fröhlich durch den Tag bringen bleiben sie da.

Basta.

Wohlfühlen und den 2. Frühling so feiern, wie er kommt, ist meine Antwort. Sich dabei einzubilden, dass der ohne körperliche Einbußen daherkommt, ist einfach nur verrückt. Auch mein Spiegelbild knittert, wie das Millionen anderer. Krankheiten kreuzen den Lebensweg und ich stehe damit nicht allein. Soll ich deswegen verzweifeln und meine endliche Zeit sinnlos darauf verwenden, mich aus den Klauen des Alters zu befreien? Dem Verfallsnager mehr oder weniger schmerzerfüllt meine Zähne zeigen, um optisch ein paar Jährchen wegzuknabbern? Gewiss nicht. Lieber treffe ich eine Freundin auf ein Gläschen Prosecco und wir loten dann fröhlich aus, ob das nächste Abendkleid eins mit „Ärmelchen“ wird oder noch nicht (wegen der fiesen Längsfalten… ihr wisst was ich meine). Quatschen entspannt über Mode und Schönsein und was uns sonst im Leben gerade bewegt. Auf dem Nachhauseweg hören wir unsere Absätze auf dem Pflaster klackern und kichern. Verabreden uns zum Sport, weil es für uns ein gutes Gefühl ist, fit zu sein. Und zwar genau in den Portionen, die uns schmecken und nicht nach den Stress-Rezepten, die uns Gesundheits-Gurus vorschreiben mögen. Viele von ihnen haben obendrein keine blasse Ahnung von dem, was auch auf sie irgendwann zukommt.

Ganz ehrlich, eins der guten Dinge am Alter ist, herausgefunden zu haben, was einem guttut.
Genuss ist etwas davon. Willkommen im 2. Frühling!

Die Autorin Renate Zott

Renate Zott wohnt in Frankfurt am Main und ist aktive Kämpferin für ein positives Altersbild. Renate Zott, erst Versicherungs-Maklerin und jetzt Managerin einer Haustechnik-Firma, ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

Renate Zott ist Botschafterin des Bundesverband Initiative 50Plus und Kreis-Geschäftsführerin des BVI50Plus in Frankfurt am Main.

Sie betreibt den Blog www.topagemodel.de. Renate Zott ist auch bei Facebook und Instagram.

Sehen Sie Renate Zott im BZ-NachrichtenTV:

Kommentar hinterlassen zu "Zwischen Verfallsdatum und Frühlings-Fieber. – Ein Kommentar von Renate Zott in BZ-Nachrichten"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: